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#piggate : Darum sind David Camerons angebliche Jugendsünden in aller Munde

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Es geht um Macht, um Schweine und um Drogen. Der britische Premierminister David Cameron muss viel Hohn und Spott über sich ergehen lassen.

London | Michael Anthony Baron Ashcroft ist einer von der Sorte bei den britischen Tories, die jede Leiche im Keller der Partei nicht nur mit Namen, sondern auch mit Schuhgröße kennen. Einer, der hinter den Kulissen die Strippen zieht, der Einfluss hatte und diesen auch geltend machte. Dieser Lord Ashcroft hat jetzt eine Biografie über den amtierenden Premierminister David Cameron geschrieben - und sie im wenig zimperlichen Massenblatt „Daily Mail“ auszugsweise veröffentlicht.

Pikante Details aus dem angeblich ausschweifenden Studentenleben des jungen David Cameron werden jetzt in der britischen Öffentlichkeit diskutiert - und weltweit im Internet unter anderem unter dem Hashtag #piggate, weil bei den Studentenpartys der feine Zwirn nicht immer im Einklang mit dem Benehmen gestanden haben soll. Auch das geöffnete Maul eines toten Schweines soll im Verbund mit der Anatomie des späteren Premiers eine Rolle gespielt haben. Angeblich soll es Fotos als Beweis geben. Hohn und Spott vom politischen Gegner und in den sozialen Medien gibt's gratis dazu.

Man muss dazu sagen: Bewiesen ist nichts. Und so waren renommierte Blätter in Großbritannien zurückhaltender mit ihrer Berichterstattung als die „Dayli Mail“. Der „Guardian“ etwa fand einen ganz eigenen Dreh der Geschichte. Er sprach mit Charlie Brooker, Verfasser einer Episode von der Serie „Black Mirror“. Ironischerweise schien er #piggate voraus zu sehen. In der Folge „National Anthem“ wird der Premierminister erpresst, Sex mit einem Schwein im Fernsehen zu haben. Die Idee dazu habe er aber nicht etwa aus der Realität, sondern aus einem Comic.

Die angebliche Schweine-Sex-Geschichte ist aber nicht die einzige pikante Enthüllung. Ein nicht genannter Interviewpartner steckte dem Autor, dass Cameron als junger Kerl Cannabis geraucht und später an Partys teilgenommen habe, bei denen auch Kokain genommen wurde. Die Mitgliedschaft im berühmt-berüchtigten Oxforder Bullingdon Club, einer Art exklusiven Studentenverbindung für Zöglinge aus betuchten Familien mit einschlägigen Ritualen, hatte dem Premier schon wiederholt unangenehme Fragen beschert. Bei Kritikern hält sich unter anderem deswegen das Image Camerons als arroganter Schnösel.

Ashcroft weiß ganz offensichtlich, dass ihm Rachegelüste nachgesagt werden könnten. Deshalb gesteht er diese gleich ganz offen ein. Ämter, von denen er zum Rücktritt gezwungen werden könnte, hatte der Lord bereits zuvor aufgegeben.

Der Milliardär Ashcroft, der sich als Schatzmeister bei der finanziellen Rettung seiner Partei in weniger guten Tory-Zeiten einen Namen gemacht und als Parteispender selbst Millionen in die Parteikasse geworfen hat, wollte im Gegenzug für seine Verdienste einen Ministerposten, als Cameron im Mai 2010 die Tories wieder an die Macht brachte.

Doch stattdessen habe der neue Premier dem altgedienten Parteisoldaten nur einen Junior-Posten im Außenministerium zugedacht. „Es wäre besser gewesen, er hätte mir gar nichts angeboten“, resümiert Ashcroft in seinem Buch - und fährt lässig mit weiteren Nachtretereien fort. Cameron habe gelogen, als er 2010 erklärte, nichts von Ashcrofts privilegiertem Steuerstatus gewusst zu haben. Dies habe er ihm schließlich schon 2009 erzählt. Zudem seien viele in der Partei zur Überzeugung gelangt, Cameron gehe es nur um sich selbst, weniger um Politik.

„Lange nachdem er Premierminister wurde, hat sich der Eindruck gehalten, dass er mehr daran interessiert war, im Amt zu bleiben, anstatt dieses für spezifische Dinge zu nutzen.“ Dies ist ein Vorwurf, der dem Politiker Cameron wohl eher zu schaffen machen dürfte, als ein paar Ausschweifungen zu Studienzeiten, zumal er nicht zum ersten Mal erhoben wird. Beim Parteitag der Tories Anfang Oktober wollte Cameron sich eigentlich lieber für seinen Wahlsieg im Mai feiern lassen.

Stattdessen muss sich der mächtigste Mann Großbritanniens nun mit einer Biografie auseinandersetzen, deren Autor er nie damit beauftragt hätte. „Ashcroft weiß einfach zu viel“, schreibt selbst die „Daily Mail“. Camerons Sprecherin machte schon am Montag deutlich, was die Downing Street von dem Buch hält: „Wir werden es nicht würdigen, indem wir es kommentieren.“

In Westminster wird die Veröffentlichung allerdings auch als Indiz dafür gewertet, wie leicht angreifbar Cameron ist, der einen großen Teil seiner ersten Amtszeit damit verbracht hat, parteiinterne Kritiker zu besänftigen. Für eine dritte Legislaturperiode will er ohnehin nicht antreten. Das Buch Ashcrofts könnte somit auch die Nachfolgediskussion neu entfachen. Mit Finanzminister George Osborne und Londons Bürgermeister Boris Johnson stehen zwei Politiker bereit, die ebenfalls im Bullingdon Club waren - dem Boulevard dürfte der Stoff also auch in Zukunft nicht ausgehen.

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erstellt am 22.Sep.2015 | 14:02 Uhr

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