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Ehec-Epidemie 2011 : Darmkeim O104:H4 – Wo kam er her, wo ist er hin?

vom

Der aggressive Darmkeim Ehec sorgte im Mai vor fünf Jahren für überfüllte Krankenhäuser; Menschen starben. Die Politik reagierte mit strengeren Kontrollen.

shz.de von
erstellt am 29.Mai.2016 | 15:48 Uhr

Berlin | Manche Ereignisse zerschneiden das Leben in ein Vorher und ein Nachher. Sie fressen sich tief in die Erinnerung der Betroffenen ein. Bei anderen bleibt eine vage Angst: die Angst vor etwas, was keiner im Griff hat. So ein Ereignis war die Ehec-Epidemie vor fünf Jahren in Deutschland. Der lebensgefährliche Darmkeim machte Tausende Menschen oft über Nacht krank. Der Erreger schürte die Furcht vor gesunder Rohkost: Salat, Gurken, Sprossen. Und er zog weltweit Kreise.

„An jenem Tag hat uns der Blitz getroffen“, sagt Antonio Lavao. Der spanische Unternehmer und Gemüse-Exporteur denkt ungern an den 26. Mai 2011 zurück. Damals grassierte der aggressive Ehec-Keim bereits seit fast einem Monat besonders in Norddeutschland. Er sorgt für blutige Durchfälle und Nierenversagen. Die Krankenhäuser sind voll. Behörden und Forscher suchen nach verseuchtem Gemüse als Quelle – und nennen Ende Mai den Namen seines Unternehmens: Auf Gurken, die die Firma Frunet geliefert hatte, seien Ehec-Erreger gefunden worden, den „enterohämorrhagische Escherichia coli“.

Hintergrund: Darmkeime als Gefahrenquelle

Das Bakterium Escherichia coli (E. coli) kommt im Verdauungstrakt vieler Tiere vor. Es ist auch Bestandteil der natürlichen Darmflora des Menschen. Meist sind die Bakterien harmlos und keine Krankheitserreger. Sie helfen beim Verdauen. Dabei lassen sich die Darmbewohner in unterschiedliche Stämme einteilen, mit unterschiedlichen Eigenschaften – guten und schlechten.

Manche E.-coli-Stämme können beim Menschen Übelkeit, Durchfall und Fieber auslösen. Über den Kot von Wiederkäuern wie Rindern oder Schafen gelangen die Bakterien in Bäche oder Badeseen. Auch Lebensmittel, vor allem tierische, können mit den Erregern verunreinigt werden. Etwa wenn bei der Herstellung Fehler passieren, oder wenn nicht genau auf Sauberkeit geachtet wird. Im Jahr 2014 erkrankten in Deutschland 8415 Menschen an E.-coli-Durchfall, wie das Robert Koch-Institut (RKI) zählte.

Ehec, kurz für „enterohämorrhagische Escherichia coli“, ist ein oft sehr ansteckender, aggressiver Erreger. Es handelt sich um eine Sonderform der Kolibakterien. Sie können besondere Giftstoffe produzieren und abgeben. Die Erkrankten haben oft starken Durchfall, fünf bis 20 Prozent von ihnen sogar blutigen. Bei einigen Kranken versagen die Nieren. Der schwere Verlauf endet in etwa zwei Prozent der Fälle tödlich. An der schweren Form – kurz HUS genannt – erkranken oft vor allem Kinder. Sie infizieren sich zum Beispiel beim direkten Kontakt mit Wiederkäuern.

Auch bei Ehec-Erregern existieren unterschiedliche Stämme. Ehec O104:H4 ist ein ungewöhnlicher Stamm. Vor 2011 war wenig über ihn bekannt. Beim großen Ausbruch vor fünf Jahren befiel er viele Erwachsene – und besonders häufig Frauen.

 

Wenige Tage später sollte sich die Schuldzuweisung als falsch herausstellen. Die Ehec-Bakterien an den Gurken auf dem Hamburger Großmarkt haben nichts mit der Epidemie zu tun. Wo sie genau herkamen, bleibt ungeklärt. Der schlimme Keim gehört zu einem anderen Stamm: Ehec O104:H4, so der Fachname.

Für Lavaos Betrieb kommt der entlastende Befund zu spät. „Wir waren tot“, beschreibt Vertriebschef Richard Soepenberg (51) die Situation. Um 17 Uhr habe der erste Kunde angerufen, um seine Bestellung zu stornieren. „Um 20 Uhr hatten wir keine Kunden mehr“, erinnert sich der Niederländer. Bald stehen TV-Teams auf dem Hof. Die Firma, rund 40 Kilometer östlich von Málaga, ist weltweit in den Schlagzeilen.

Seit Jahren ist Frunet auf Bioware spezialisiert, vertreibt Gurken, Zucchini, Auberginen und Paprika aus der Region. Der 45-jährige Lavao ist jovial und offen. Der Andalusier ist mit Leidenschaft bei der Sache. 2011 läuft das Geschäft gut, Deutschland ist der wichtigste Markt. Dann steht sein Betrieb plötzlich am Pranger. Rund 50 Arbeitsplätze, fast die Hälfte der Stellen, habe er streichen müssen. „Es gab eine Zeit, da habe ich Angst gehabt, dass sie mich ins Gefängnis stecken“, erzählt er. „Für etwas, was ich nicht getan hatte und von dem ich keine Ahnung hatte.“ Der Stress setzt ihm zu, zwei Nierenkoliken bringen ihn ins Krankenhaus.

Betroffen von der Ehec-Krise ist aber nicht nur Lavaos Unternehmen. Europas Gemüsebauern erleiden Verluste. Verbraucher meiden frische Ware. Schließlich weiß noch keiner, ob der unsichtbare Feind nicht in Tomaten, Spinat oder Blattsalaten steckt. Die Europäische Union (EU) springt mit Millionenhilfen ein.

Antonio Lavaos Firma ist bald wieder aus den Medien heraus. Dafür richtet sich der Blick auf einen kleinen Biohof in Niedersachsen, südlich von Lüneburg. In kriminalistischer Kleinarbeit, mit Befragung von Kranken und dem Nachzeichnen von Lieferwegen, findet eine sogenannte „Task Force Ehec“ eine Spur. Die Indizien deuten auf diesen Sprossen-Anbieter als einen Ausbruchsort.

Heute – fünf Jahre nach ihrer existenzgefährdenden Krise – wollen die Betreiber nicht mehr darüber sprechen. Das grüne Metalltor am Ende der Dorfstraße bleibt verschlossen. Wenn man anruft, läuft nur der Anrufbeantworter. Ähnlich wie damals. Der Hof hat auf dem Marktplatz von Lüneburg einen kleinen Stand. Mittwochs und samstags. Doch damals hat es den Betrieb schwer getroffen. Von einst 15 Mitarbeitern seien nur wenige übriggeblieben, hat einer der Geschäftsführer ein Jahr nach der Krise gesagt. Nach sechs Wochen hätten er und seine Partnerin einen Nervenzusammenbruch erlitten. Auf dem Biohof nahmen Experten in Schutzanzügen Proben. Rund tausend Stück. „Obwohl bei uns nichts gefunden wurde, sind wir in der Öffentlichkeit immer noch der Ehec-Hof“, so der Betreiber damals. Die Behörden gehen nun davon aus, dass Sprossensamen aus Ägypten, die rund 4000 Krankheitsfälle auslösten.

Und heute?

Viele Verbraucher denken am Gemüsestand kaum noch an das Schreckgespenst Ehec. Zumal die Politik angesichts von mehr als 50 Ehec-Toten 2011 versprach, Gesetze und Kontrollen bei Lebensmitteln zu prüfen. Mit welchem Ergebnis? Sind Sprossen heute entspannt genießbar, ist Rohkost unbedenklich?

Unser Essen sei nach der Ehec-Krise sicherer geworden, stellt das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Berlin fest. Viele Experten stimmen zu. „Die Lebensmittel in Deutschland sind sicher. Aber: Krankheitserreger in Lebensmitteln lassen sich nicht zu 100 Prozent vermeiden“, sagt etwa Juliane Bräunig, Fachgruppen-Leiterin beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

In der gesamten EU gucken die Behörden den Sprossen-Produzenten seit 2013 genauer auf die Finger. Hersteller müssen selbst regelmäßige Ehec-Tests machen. Denn von dem gefährlichen Erreger O104:H4 reichen schon wenige Exemplare, um gesunde Erwachsene aus der Bahn zu werfen. Verbraucherschützer, etwa von Foodwatch, beklagen allerdings, dass viele Regel-Verschärfungen nur Sprossen betreffen. Und nicht auch andere Frischwaren wie in Tüten verpackte Salate oder Gurken.

Als Erfolg werten alle, dass die Meldung des Arztes – Achtung, Ehec-Patient – heute schneller beim Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin eintreffen muss. Dort führen Experten Buch über gefährliche Infektionen. Drei bis fünf Tage sind für den Weg vorgesehen. 2011 dauerte es oft mehr als 14 Tage. So war ein Großteil der kontaminierten Ware vor fünf Jahren schon gegessen, als im Juni die Warnung vor verseuchten Bockshornklee-Sprossen rausging. Also Fortschritt? Ja. Hundertprozentiger Schutz beim Essen: nicht machbar.

So ähnlich sieht es bei der Forschung aus: Prof. Dr. Emil Reisinger, Leiter des Instituts für Tropenmedizin der Universitätsmedizin Rostock, hat sich seit der Epidemie mit den Folgeerkrankungen der Ehec-Infizierung beschäftigt. In einer noch andauernden fünfjährigen Studie beobachten er und sein Team alle 24 Patienten (19 von ihnen wiesen das hämolytisch-urämische Syndrom beziehungsweise Komplikationen auf), die 2011 in Rostock behandelt wurden und glücklicherweise alle überlebt haben. Die Zahl der schweren Folgeerkrankungen sei bisher eher geringfügig, zieht Reisinger ein erfolgreiches Zwischenfazit. Die Datenerhebung soll im Sommer beendet und die Studie im Herbst diesen Jahres publiziert werden.

Trotzdem klaffen Lücken. Eines der größten Rätsel ist, wie Ehec O104:H4 denn genau in die Samen aus Ägypten oder in die Sprossen kam. Ein Verdacht: Das Bakterium ist in der Lage, lange, vielleicht Jahre, in einem Schlafzustand auszuharren. Dann wird es durch irgendetwas geweckt. Es vermehrt sich und schüttet sein Gift im Menschen aus.

Mindestens genauso spannend ist die Frage, wo der aggressive Angreifer nach dem Ende der Epidemie hin ist. „Nach wie vor kennen wir nicht das Reservoir, also den Ort, wo der Erreger sich aufhält bis zu einem Ausbruch“, sagt einer der besten Ehec-Kenner, Professor Helge Karch aus Münster. Er vertritt die These: Es gibt Menschen, die, ohne erkrankt zu sein, mit diesem Keim besiedelt sind. Und die ihn auch ausscheiden. Kein Grund zur Angst, aber zur Vorsicht.
 

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