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Königin Margrethe wird 75 : Dänemark, du eigentümlich Königreich

vom
Aus der Onlineredaktion

Die dänische Königin Margrethe II. feiert ihren 75. Geburtstag. Seit Jahren wird ihre Abdankung erwartet. Doch das kommt für sie nicht in Frage. Warum sollte sie auch?

shz.de von
erstellt am 15.Apr.2015 | 19:48 Uhr

Kopenhagen | Am Donnerstag um 9 Uhr morgens wird Margrethe Alexandrine Þórhildur Ingrid zum „vækning“ auf dem Balkon des Fredensborg-Slot im Norden der dänischen Hauptstadtinsel Seeland erwartet. Das Volk wird sich unter der dänischen Königin versammeln und sie mit „Hurra“-Rufen aus dem Geburtstagsschlaf erwecken. Mitsamt ihren Enkelkindern wird sie freudestrahlend die Grüße ihres Volkes erwidern – so ist das eben in Dänemark.

Als Höhepunkt folgt die traditionelle Gratulation auf dem Platz vor Schloss Amalienborg, wieder „hurra und Winkewinke“. Es ist schließlich der 75. Geburtstag der populären dänischen Königin. Und so sehr die Gerüchte um ihre baldige Abdankung immer wieder die Runde machen: Die seit April 1972 amtierende Regentin ist keineswegs amtsmüde. Warum auch?

1. Beliebtestes Königshaus der Welt

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Foto: dpa

Das Volk war immer sehr nett zu ihr: Dänemark nimmt seit Jahrzehnten den Platz an der Sonne bei den beliebtesten Monarchien in Europa ein. Ein großer Teil der Ehre hierfür gebührt dem volkstümlichen Auftreten von Königin Margrethe, die seit ihrer Inthronisierung 1971 mit Hingabe ihre Pflichten erfüllt. Beständigkeit, Pflichtgefühl, Respekt vor der Tradition, und Verantwortung für die Gesamtheit sind moralische Eckpfeiler unter ihrer Ägide – Skandale bleiben im Keller.

Vier wichtige Eigenschaften der rauchenden Königin haben die dänische Monarchie in der Regierungszeit von Margrethe laut „Berlingske“ als Institution in der Bevölkerung gefestigt. „Erstens ist Margrethe in der Regel sehr unpolitisch. (...) Zweitens sind ihre Reden - auch wenn sie nicht politisch sind - berühmt für ihre Substanz. (...) Drittens hat Margrethe in ihrer ganzen Regierungszeit ein großes Interesse für alle Teile des Gesellschaftslebens gezeigt. (...) Viertens hat sie die schrittweise Modernisierung des Königshauses weitergeführt, die ihr Vater und ihre Mutter, König Frederik IX. und Königin Ingrid, begonnen haben.“

2. Der manchmal hitzige Mantel der Immunität

Königin Margrethe und Prinz Henrik mit Dackel in Frankreich.
Königin Margrethe und Prinz Henrik mit Dackel in Frankreich. Foto: dpa

Für das dänische Königshaus gelten auch vor dem Gesetz andere Regeln. Mitglieder der Königsfamilie genießen verfassungsrechtliche Immunität. Dieses Privileg schützt die dänischen Royals seit 1665 vor jeder Form von Strafverfolgung. Gewissermaßen dürfte die Königin sogar jemanden töten, ohne dafür belangt zu werden. Doch ganz nach dem Motto „License to kill“ läuft das königliche Leben natürlich nicht ab. Das Volk betrachtet das Verhalten seiner teuren Monarchen umso mehr mit Argusaugen. Immer, wenn jemand die Gesetzesgrenzen überschreitet, wird reflexartig das Ende der Immunität, aus bestimmten Kreisen gar die Abschaffung der Monarchie, gefordert. „Echte Republikaner müssen beten, dass Joachim weiter wie ein Idiot fährt, das Leben seiner Kinder aufs Spiel setzt und sich wieder unter jungen Mädchen in diversen Kneipen volllaufen lässt. Es wird ihm schon gelingen, die Monarchie ganz unmöglich zu machen“, wetterte „Ekstra Bladet“ vor elf Jahren nach einer Fahrt des durch eine Trennung in Ungnade gefallenen Prinzen mit überhöhter Geschwindigkeit.

Nachdem Prinz Henriks blutrünstiger Lieblingsdackel Evita vor ein paar Jahren einem Leibgardisten mal wieder die Wade blutig gebissen hatte, blieb dem königlichen Köter die eigentlich obligatorische Einschläferung im Land der harten Hundegesetze erspart. Stattdessen reiste die gefährliche Dame mit in die Sommerferien. Auch das führte natürlich zu Tumulten in der Öffentlichkeit. Als sich Kronprinz Frederik (46) Anfang des Jahres ermächtigte, trotz sturmbedingter Sperrung über die unpassierbare Große-Belt-Brücke zu fahren, war die Monarchie mal wieder Streitthema. Das Fußvolk musste ausharren, der Prinz fuhr einfach los. „Dem Kronprinzen tut leid, was passiert ist“, ließ er über die Pressestelle ausrichten. Wenigstens die Königin hält sich immer an die Regeln.

 

3. Zeit zum Forschen, Malen und Schreiben

Foto: imago/ZUMA/Keystone

Ein Berufsleben als Malerin oder Archäologin hätte sich Margrethe wohl auch vorstellen können, doch als sie 13 war, wurde per Volksabstimmung die Verfassung geändert: Und so wurde sie nach 600 Jahren die erste Frau, die dänische Thronfolgerin werden musste. Auf ihren jährlichen Sommerfahrten mit der königlichen Yacht Dannebrog müht sie sich, alle Außenbezirke des dänischen Reiches zu besuchen, darunter auch die Färöer und Grönland.

Neben diesen Reisen und der zentrifugalen Neujahrsansprache ermöglicht das zurückhaltende Amt der ausgebildeten Altertumsforscherin viel Zeit für geistige Aktivitäten. Margrethe hat sich aber nie auf die faule Haut gelegt – im Gegenteil. Dabei könnte sie mit 75 Jahren ruhig mehr Zeit auf dem Kanapee verbringen.

„Völlig ausgebrannt“ sei die Königin und sie und flüchte sich deshalb in ihre „Malereiprojekte“, heißt es in einem 2007 erschienen Buch, dass das königliche Idyll vorübergehend in der Außendarstellung etwas ins Wanken brachte. Kronprinz Frederik beschwerte sich mehrfach darüber, eine lieblose Kindheit gehabt zu haben. Margrethe war meist mit anderen Dingen beschäftigt. Doch beide Söhne mühten sich später redlich, die Gerüchte aus der Welt zu schaffen.

Unter dem Pseudonym Ingahild Grathmer illustrierte Margrethe 1977 das Titelbild der dänischen Ausgabe von Tolkiens Bestseller „Herr der Ringe“, das sie über 100 Mal gelesen haben will. Zusammen mit ihrem Mann Prinz Henrik übersetzt sie verschiedene Romane vom Französischen ins Dänische. Auch entwirft sie Theaterkostüme und Bühnenbilder. Ihre schrillen Kleider tragen auch häufiger königliche Signatur.

4. „Mein Mann hat die Grippe“: Schwächen sind kein Problem

margrethe II dänemark
Foto: dpa

Gerade weil Dänemarks Königin Margrethe II. sich so brav an die Gesetze hält, kann sie sich so manche schrille Eigenart erlauben, die sie so menschlich macht. Sie kann fluchen wie ein Rohrspatz, hat eine überdimensionierte Lache und ist selbstkritisch genug, sich als Quasselstrippe zu outen. Ihre gelben Zähne, die bei jedem Lächeln der Strahlefrau zu Tage kommen, zeugen von 60 Zigaretten am Tag, die sie täglich anzündet. Seitdem sie sich das Rauchen in der Öffentlichkeit verkneift, haben sich die Dänen erstaunlicherweise vom Rauchervolk Europas zu einer Nichtrauchergesellschaft gemausert.

Exklusiv unter Monarchen ist auch Margrethes Recht, überdrehte Knallfarben am Leibe zu tragen. Vielleicht will sie damit ja auch bloß Paparazzi-Fotografen abschrecken, wird geunkt.

Wirklich ins Wanken geriet ihr royales Himmelreich nur bei der Ehekrise 2002, als ihr Prinzgemahl Henrik sich beleidigt auf ein französisches Weinschloss zurückzog, weil er das Dasein im Schatten der Gattin satt hatte. Damals hatte er in einem seiner seltenen Interviews seine Unterdrückung am Hofe beklagt. Er werde von bestimmten Leuten erniedrigt. Es wurde von vielen so verstanden, dass er es Leid war, unter der Fuchtel seiner Frau zu stehen. „Ich bin meinem Mann wohl nicht so zur Seite gestanden, wie ich es hätte sollen“, sagte Margrethe später selbstkritisch in ihrem Interviewbuch.

Prinz Henrik, über dessen Status keiner so recht Bescheid weiß, kann es sich derweil erlauben, dem Ehrentag seiner Frau nicht beizuwohnen. Statt sich mit Medikamenten vollzustopfen, schläft er seine Grippe im Bett aus. Die Monarchin selber verkündete die Abwesenheit ihres Gemahlen bei einer Pressekonferenz. „Das Programm wird natürlich ablaufen wie geplant, aber ohne die Teilnahme des Prinzgemahls und mit den Anpassungen, die nötig sind“, sagte die Sprecherin der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau. Man fragt sich, ob ein solches Zeichen von menschlicher Schwäche in anderen Königshäusern genehm wäre. Gerüchte, er sei eigentlich schwul, lässt Henrik, der weiter mit der dänischen Sprache kämpft, sowieso an sich abprallen.

5. Gott bewahre Dänemark

Königing Margrethe II von Dänemark wird vom Volk geliebt.
Königing Margrethe II von Dänemark wird vom Volk geliebt. Foto: dpa

Kaum eine dänische Silvesterfeier beginnt ohne die traditionelle Neujahrsansprache der Königin im Fernsehen. Diese hält die Nation zusammen und ist beinahe ein Muss für alle Landsleute in der Welt. 1,5 Millionen Menschen schauen zu, wie Margrethe langsam und für alle verständlich mit einigen Versprechern den großen dänischen Themen des Jahres noch einmal ihre gewichtige Stimme verleiht. Auch wenn sie sich in ihrer repräsentativen Funktion politisch zügeln muss, hat sie keinerlei Hemmungen, in ihren selbst verfassten Texten soziale Missstände anzuklagen. Das bewusst gewählte „wir“ in ihrer Ansprache schließt die Regentin mit ein.

Begonnen mit der Ansprache ans Volk hatte einst König Christian IX. – seine gesprochenen Worte beschränkten sich in den 1880er Jahren jedoch aufs Zuprosten mit Trinksprüchen aufs Vaterland. Das Gewicht dieses heute für Außenstehende schwer zu begreifenden Brauchtums hat Margrethe II sich erkämpft. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihre Ansprache von 1984, als sie das Verhalten der Dänen gegenüber Einwanderern kritisierte: „Dann kommen wir mit unserem dänischen Humor und kleinen dummcleveren Bemerkungen. Dann begegnen wir ihnen mit Kaltherzigkeit, und dann ist es nicht weit bis zur Schikane und gröberen Methoden – das ist nicht nett von uns.“ Das Wort „dumsmart“ („dummclever“) fand daraufhin seinen Weg in die Wörterbücher.

Dänen aus den autonomen Gebieten Grönland und Färöer Inseln sowie die dänische Minderheit in Südschleswig können gewiss sein, dass die Königin sie am Ende grüßen wird, genauso wie die Soldaten im Auslandseinsatz. Das ist einfach immer so und am Ende heißt es dann „Gud bevare Danmark.“

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