Mohammed-Karikaturen in Dänemark : „Charlie Hebdo“ und „Jyllands-Posten“: Der Zündstoff in Karikaturen

Wie Mohammed-Karikaturen Dänemark in eine schwere außenpolitische Krise stürzten.

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07. Januar 2015, 20:11 Uhr

Karikaturen des Propheten Mohammed: Terroristen nahmen sie zum Anlass für das Attentat auf „Charlie Hebdo“. Einige der Zeichnungen, die das französische Satiremagazin gedruckt hat, waren eine Zweitverwertung von Bildern aus Dänemark. Vor zehn Jahren haben sie die Welt in Wallung gebracht: Die Tageszeitung „Jyllands-Posten“ hat sie erstmals am 30. September 2005 veröffentlicht. Das löste nicht nur Dänemarks schwerste außenpolitische Krise seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Die Mohammed-Karikaturen traten europaweit eine Debatte über das Verhältnis von Meinungsfreiheit und Religion in Zeiten von Einwanderung los.

Ganz am Anfang stand ein Kinderbuch über den Islam. „Jyllands-Posten“ bekam Wind davon, dass es Schwierigkeiten gab, dafür einen Illustrator zu finden. Der Islam verbietet Abbildungen von Allah und Mohammed. Daraufhin wollte die Zeitung, die bei Einwanderungsthemen traditionell den Finger in die Wunde legt, testen, wie weit Selbstzensur in Dänemark geht: Sie lud Karikaturisten ein, Mohammed zu zeichnen. Zwölf machten mit. Am bekanntesten wurde das Bild des Zeichners Kurt Westergaard. Es stilisiert den Turban Mohammeds als Bombe.

Wenige Tage später demonstrieren in Kopenhagen 3000 Moslems gegen die Motive. Elf Botschafter muslimischer Länder in Dänemark sprechen in einer gemeinsamen Erklärung von einer „Schmutzkampagne in der dänischen Öffentlichkeit gegen den Islam“. Sie bitten den damaligen Ministerpräsidenten und späteren Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen im Oktober 2005 um ein Gespräch. Doch der lässt die Chance zur Deeskalation verstreichen. Er empfängt die Botschafter nicht. Rasmussen zieht sich auf die Position zurück, in einem freiheitlichen Land handelten die Medien auf eigene Faust. Er habe weder die Aufgabe noch die Möglichkeit, die Presse zu beeinflussen.

Die zunächst sich einstellende Ruhe erweist sich als trügerisch: Kurz vor dem Jahreswechsel kritisiert die Arabische Liga die Passivität der dänischen Regierung, und im Januar und Februar 2006 kommt es in zahlreichen Ländern von Algerien im Westen bis Indonesien im Osten zu antidänischen Demonstrationen. In Afghanistan und Pakistan sterben dabei mindestens 16 Menschen. Bei den Protesten werden dänische Flaggen verbrannt, Mordaufrufe gegen die Zeichner skandiert. Obwohl Fogh Rasmussen inzwischen persönlich auf die Distanz zu den Karikaturen gegangen ist, wird im Februar 2006 die dänische Botschaft im Libanon bis auf die Grundmauern abgefackelt. Die Redaktionen von „Jyllands-Posten“ in Aarhus und Kopenhagen werden nach Bombendrohungen mehrfach geräumt. Später beschuldigen dänische Medien Imame aus dem Königreich, diese hätten im Vorfeld der Protestlawine zahlreiche muslimische Länder bereist und so zur Eskalation entscheidend beigetragen. Die Folgen treffen Dänemark auch wirtschaftlich: Unter anderem Saudi-Arabien verhängt einen Boykott gegen Milchprodukte der Meierei „Arla“.

„Jyllands-Posten“ bedauert, mit der Veröffentlichung religiöse Gefühle verletzt zu haben, für die Karikaturen als solche entschuldigt sich die Zeitung aus Gründen der Meinungsfreiheit nicht. Aus Solidarität drucken zahlreiche Zeitungen in den westlichen Ländern die Karikaturen nach. „Jyllands-Posten“-Chefredakteur Jørn Mikkelsen erklärt gegenüber unserer Zeitung auf dem Höhepunkt der Proteste Anfang 2006: „Natürlich sind wir nachdenklich geworden, auch selbstkritisch nachdenklich“. Er streitet jedoch ab, dass die Folgen vorhersehbar gewesen wären.

Wie lang der „Karikaturen-Streit“ nachwirkt, zeigen unter anderem zwei Episoden aus Deutschland: Im Mai 2010 setzt sich das ZDF dem Vorwurf der Selbstzensur aus, weil es Kurt Westergaard zunächst zu „Markus Lanz“ ein-, dann jedoch unter fadenscheinigen Argumenten wieder ausgeladen hat. Nach viel Wirbel darf er dann doch kommen. Am 8. September 2010 zeichnet Kanzlerin Angela Merkel Westergaard in Potsdam für sein Engagement für die Meinungsfreiheit mit dem Medienpreis „M100“ aus.

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