Terrorwelle in Frankreich : „Charlie Hebdo“-Attentäter tot – Fünf weitere Opfer

Nach über 50 Stunden hat der Albtraum allem Anschein nach ein Ende: Die islamistischen Terroristen in Frankreich sterben bei Zugriffen der Polizei. Aber auch mehrere Geiseln kommen ums Leben.

shz.de von
10. Januar 2015, 08:43 Uhr

Paris | Mit einem Doppelschlag hat die französische Polizei den tagelangen Terror im Großraum Paris beendet und drei islamistische Attentäter getötet. Die beiden Brüder Chérif (32) und Said Kouachi (34), die bei einem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ zwölf Menschen kaltblütig getötet haben sollen, starben am Freitag in einem Ort nordöstlich der Hauptstadt im Kugelhagel der Polizei.

<iframe width="560" height="315" src="//www.youtube.com/embed/aH3B5npxz3A?rel=0" frameborder="0" allowfullscreen></iframe>

Fast zeitgleich schlugen Sondereinheiten im Osten von Paris gegen einen weiteren als Islamisten bekannten Geiselnehmer zu und töteten auch diesen. Dort kamen nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch vier Geiseln ums Leben. Frankreichs Präsident François Hollande nannte die doppelte Geiselnahme eine „Tragödie für die Nation“.

Zunächst stürmten Spezialeinheiten gegen 17 Uhr den Unterschlupf der mutmaßlichen Attentäter von „Charlie Hebdo“ in Dammartin-en-Goële, etwa 40 Kilometer nordöstlich von Paris. Die Terrorverdächtigen starben außerhalb des Gebäudes im Kugelhagel der Polizei, nachdem sie auf Beamte geschossen hatten. Sie hatten sich zuvor in dem Gebäude über sieben Stunden verschanzt. Zwei Polizisten wurden leicht verletzt.

Nur wenig später griff die Polizei auch bei der zweiten Geiselnahme in einem jüdischen Lebensmittelladen im Osten von Paris zu. Der Geiselnehmer Amedy Coulibaly (32) starb dabei. Der Mann, der am Donnerstag im Süden von Paris bereits eine Polizistin getötet haben soll, brachte vier Geiseln um. „Keine Geisel wurde während des Polizeieinsatzes getötet“, bilanzierte der Staatsanwalt von Paris, François Molins. Der Täter soll die Attentäter von „Charlie Hebdo“ gut gekannt und wie sie einen islamistischen Hintergrund haben. Als Polizisten das Geschäft stürmten, erschütterten laute Explosionen das Stadtviertel. Zahlreiche Geiseln rannten aus dem Laden und brachten sich in Sicherheit. Die Freundin des Geiselnehmers, die ebenfalls in die Schießerei mit der Polizistin verwickelt gewesen sein soll, war laut Staatsanwaltschaft flüchtig.

Die drei Attentäter haben sich nach einem Bericht des französischen Fernsehsenders BFMTV bei ihren Taten eng abgestimmt. Der Sender strahlte Originaltöne von Telefongesprächen aus, die er vor den Zugriffen der Polizei mit den Terroristen geführt hatte. In einem Gespräch sagt Coulibaly, er habe sich mit den Brüdern Chérif und Said Kouachi abgesprochen.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) drohte mit einer größeren Terrorkampagne und weiteren Angriffen in Europa und den USA. „Wir haben mit der Operation in Frankreich begonnen, für die wir die Verantwortung übernehmen“, sagte der IS-Prediger Abu Saad al-Ansari nach Angaben von Anwesenden beim Freitagsgebet in einer Moschee der nordirakischen Stadt Mossul. „Morgen werden es Großbritannien, die USA und andere sein.“

In einer im Fernsehen live übertragenen Rede an die Nation sprach Hollande mit Blick auf die Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt von einem „antisemitischen Akt“. Regierungschef Manuel Valls sagte, Hollande habe selbst über den Doppelschlag der Polizei gegen die Terroristen entschieden. Staatsanwalt Molins bestätigte, dass sich beim Überfall der beiden „Charlie-Hebdo“-Attentäter auf die Druckerei ein Angestellter verstecken konnte. Der Mann habe sich im zweiten Stock des Gebäudes unter einem Spülbecken verborgen. Nach Medienberichten informierte der Mann die Polizei. Den Geschäftsführer der Druckerei hatten die Attentäter laut Molins als Geisel genommen, dann aber wieder freigelassen.

Nach dem Ende der beiden Geiselnahmen suchten die Ermittler nach möglichen Hintermännern. Die Fahnder wollten laut Staatsanwalt herausfinden, woher die Waffen der Terroristen stammten und ob die Männer Anweisungen erhielten, „aus Frankreich, dem Ausland oder dem Jemen“. Chérif Kouachi hatte sich 2011 im Jemen aufgehalten.

Die Brüder Kouachi sollen am Mittwoch schwarz vermummt die Redaktion des Satiremagazins im Herzen der französischen Hauptstadt gestürmt und mit Sturmgewehren um sich geschossen haben. Unter den zwölf Todesopfern waren acht Journalisten von „Charlie Hebdo“ und ein weiterer Kollege, der unter anderem für den Radiosender France Inter arbeitete. „Charlie Hebdo“ war mehrfach wegen Mohammed-Karikaturen angefeindet worden.

Zu einem Solidaritätsmarsch für die Opfer des Anschlags auf „Charlie Hebdo“ wollen am Sonntag zahlreiche europäische Regierungschefs in die französische Hauptstadt kommen. Neben EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker, EU-Ratspräsident Donald Tusk und der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini sagten auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Großbritanniens Premier David Cameron, Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy, sein italienischer Kollege Matteo Renzi und Belgiens Premier Charles Michel ihre Teilnahme zu. „Es ist ein wichtiges Zeichen deutsch-französischer Freundschaft, dass wir in diesen Stunden zusammenstehen“, sagte Merkel am Abend in Hamburg.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert