Genie und Popstar : Britischer Astrophysiker Stephen Hawking ist tot

stephen hawking

Stephen Hawking war bereits seit Jahren bewegungsunfähig.

Mit seinen Theorien über die Geheimnisse des Weltalls fesselte Hawking Forscher und Laien zugleich – bis zu seinem Tod.

Martin Schulte ist Leiter der Kulturredaktion des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags. von
14. März 2018, 06:53 Uhr

London | Es gibt diese eine Szene aus der Fernseh-Serie „Star Trek“, die viel über den Erfolg Stephen Hawkings aussagt: Er sitzt mit Albert Einstein und Isaac Newton am Pokertisch, die drei Physik-Genies belauern sich misstrauisch, das Kartenspiel steht sinnbildlich für das Ringen um die jeweilige wissenschaftliche Bedeutung. Hawking spielt sich in dieser Szene selbst, er tut das mit einiger Ironie; als Newton gerade erklären will, wie er einst wegen des berühmten fallenden Apfels die Physik erfunden habe, unterbricht ihn Hawking: „Nicht schon wieder diese Apfel-Geschichte...“

Stephen Hawking war der oberste Physik-Erklärer der Gegenwart, er war ein wissenschaftlicher Superstar und er war immer vorne dabei, wenn es darum ging, Forschung und Popkultur zusammenzubringen. Deshalb war es auch nicht überraschend, dass gestern, als der Tod des Astrophysikers mit 76 Jahren bekannt wurde, unzählige Trauerbekundungen eingingen. Pop-Sternchen Katy Perry etwa schrieb: „Da ist ein großes Schwarzes Loch in meinem Herzen.“ Die Welt verneigte sich vor dem großen Welten- und Sternenerklärer, der mit Anfang 20 an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) erkrankte und deshalb die letzten 50 Jahre seines Lebens nahezu bewegungsunfähig an den Rollstuhl gefesselt war.

Schwarze Löcher waren es, die seinen Ruhm als Physiker begründeten. Hawking entdeckte eine nach ihm benannte Strahlung, die belegen sollte, dass eben diese Schwarzen Löcher Energie abgeben. Physikalische Zusammenhänge, die man gewiss nicht nachvollziehen, geschweige denn verstehen muss, um das Phänomen Hawking zu begreifen. Das hatte mit seiner eigentlichen Profession mitunter nur am Rande zu tun.

Seinen Ruhm als populärwissenschaftlicher Autor begründete er 1988 mit dem Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“. Darin erklärt er verständlich, wie der Mensch und das Universum zusammenhängen. Vor allem aber formulierte er die Grenzen der menschlichen Erkenntnis, die auch sein eigenes Handeln bestimmten – die vollständige Beschreibung des Universums, in dem wir leben.

Stephen Hawking wurde mit Erscheinen dieses Bestsellers zur öffentlichen Person. Seine gescheiterten Ehen waren ebenso Thema wie seine Krankheit. Hawking selbst nutzte seine wachsende Popularität, um auf die seiner Meinung nach drängenden Menschheitsfragen aufmerksam zu machen: Umweltverschmutzung, die Gefahren der künstlichen Intelligenz, Klimawandel, Besiedelung von Planeten, Nachweis außerirdischen Lebens. Seine Forscher-Tätigkeit dagegen schränkte er, auch krankheitsbedingt,  zunehmend ein. Das tat seiner Popularität jedoch keinen Abbruch, ganz im Gegenteil.

Hawking selbst nahm sich und seine populärwissenschaftlichen Ausflüge nie so ernst, wie Teile seiner Kollegen, die ihm wohl auch den Erfolg neideten. Auch deshalb freute er sich über jeden Auftritt in Comedy-Formaten und Fernseh-Serien. Bei den „Simpsons“, deren großer Fan er war, hatte er mehrere Auftritte, auch bei den Nerds der „Big Bang Theory“ hatte er einen Gastauftritt.

Und dann war da noch die besagte „Star Trek“-Szene. Das Poker-Spiel entscheidet sich am Ende zwischen Albert Einstein und Stephen Hawking, Isaac Newton ist längst ausgestiegen. Einstein – selbst seit seinem Foto mit ausgestreckter Zunge Teil der Popkultur – blickt seinem Kontrahenten tief in die Augen und sagt: „Dieses Spiel werden Sie verlieren. Ich glaube, Sie bluffen.“ Hawking deckt einen Vierling auf und sagt: „Irrtum, Albert.“ Hawking hat gewonnen – und es wird ziemlich deutlich, dass das Pokerblatt bei diesem Ringen um Recht und Geltung nur ganz am Rande eine Rolle spielt.

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