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Fragen an Dr. Sommer : BRAVO! Du musst dich verändern!

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Bravo geht es nicht gut. Am Mittwoch will der Bauer-Verlag Änderungen verkünden. Wir hätten da auch ein paar Ideen und versetzen uns in die Lage Doktor Sommers.

shz.de von
erstellt am 02.Sep.2014 | 18:28 Uhr

Bravo (58): Meine Sprache ist krass. Kauft ihr mir das ab?

Beauty Queen, Selfie-Diary und Co: Jugendsprache in der Bravo hat sich verändert.
Beauty Queen, Selfie-Diary und Co: Jugendsprache in der Bravo hat sich verändert. Foto: Hencke

Liebe Bravo, wer dich heute aufschlägt, kann sich vor Anglizismen und Slang gar nicht mehr retten. In deiner aktuellen Ausgabe schreibst du von „Fuck Drugs“, von „Mega Fun“ oder dem „Selfie-Diary der Beauty-Queen“. Andere hippe Netzthemen wie die „Ice Bucket Challenge“ nimmst du natürlich genauso mit wie den „Bromance-Alarm“ bei den „Youtube-Comedians“. „Coole Star Looks“ findet man auch. Klar Bravo, du gehst mit der Zeit. Doch ich weiß nicht, ob die jungen Leute von heute genau so eine Sprache von dir wollen, damit du dein Image als junge, moderne Zeitung halten kannst. Heute hast du 145.000 Leser, 2010 waren es mehr als doppelt so viele und 1998 gar fast eine Million. Und früher hast du noch einen anderen Ton angeschlagen – der war nicht ganz so krass.

1980 warnst du in einer Drogengeschichte noch: „Vorsicht, Rauschgift“. An anderer Stelle sprichst du gemäßigt von „großem Spaß“. Das Pendant zum Selfie-Diary hieß bei dir früher noch „Super-Poster-Story“. Anstelle von Internettrends hattest du es voll drauf, was hippe 80er-Themen wie die Selbstmach-Dosen-Taschen für die Disco angeht. Klar, Internet war ja noch nich so. Die Schummeltricks in der Schule haben genauso eingeschlagen wie die „Bravo-Lachparade“. Wir sind schon so lange für dich da, da hättest du uns doch auch schon vorher mal fragen können, ob wird dir mit der modernen Ausdrucksweise der Teenies helfen können. Schlag einfach einen gemäßigteren Ton an, vielleicht verstehen dich dann auch wieder mehr Menschen. Tausend mal krass zu sagen, macht deine Mega-News auch nicht besser.

Bravo (58): Die Boys und Girls von heute finden nur noch Youtuber cool. Ich will aber endlich mal wieder eine richtig fette Star-Story rausbringen. Wie sag ich’s den Kids?

Foto: Bonsen
 

Liebe Bravo, ich kann deine Sorge gut verstehen. Luna Darko, Bianca „Bibi“ Heinicke, Dagi Bee – ich kann mit diesen „Stars“ auch nicht wirklich etwas anfangen. Wer sind die eigentlich? Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als die Backstreet Boys, Michael Jackson und Leonardo di Caprio auf der Titelseite zu sehen waren. Früher hast du sogar Nena, die Rolling Stones oder Elvis abgelichtet. Kein Wunder, dass du den guten, alten Zeiten nachtrauerst. Wichtig ist, du musst Verständnis zeigen! Durch das Internet kann heute jeder zum Star werden. Youtube hat in den letzten Jahren einen unglaublichen Hype erfahren. „Bibi“ erreicht zum Beispiel über 800.000 Abonnenten mit ihren Beauty-Sendungen bei Youtube. Damit ist sie Deutschlands Superstar. Also stress dich nicht, bei dir ist alles gut!

Trotz des ganzen Startrubels sind die Youtuber aber noch lange nicht mit Hollywood- oder Musikstars zu vergleichen. Das musst du deinen Lesern schonend beibringen, Bravo! Rede offen mit ihnen. Sag ihnen, was dir wichtig ist. Deine Leser freuen sich bestimmt, wenn du deine Erfahrungen mit ihnen teilst. Alles wird gut!

Bravo (58): Keiner kauft meinen Sex, was soll ich nur tun?

Foto: Bonsen
 

Liebe Bravo, was Dich jetzt bewegt, ist ganz normal. Das erleben die meisten Jugendzeitschriften in deinem Alter. Du lebst in deinen Träumen, kommst viel zu aufgetakelt daher, hörst kaum noch schlimme Musik und umschwärmst so ausgerechnet die Leser, die dich sowieso nicht mögen. Dazu stellst du im Sexualkundeunterricht bei deinem fiktiven Alterego Dr. Sommer selten dämliche Fragen.

Zwei Mark kostete mein einziger Flirt mit dir im Jahre 1991, und dafür bekam ich mein AC/DC –Poster und Michaela (16) eine konkrete Antwort auf ihre irre Interrogation: „Mein Freund möchte, dass ich nach dem Sex das Kondom austrinke – kann ich davon Aids bekommen?“ Das blieb haften wie höhere Literatur und dient noch heute der Belustigung. Im fünfseitigen Dr. Sommer-Special der aktuellen Aufgabe fragt der 13-jährige Leon gequält „Mein Sperma spritzt nicht […] stimmt bei mir was nicht?“ – vermutlich ja. Es trieft.

Du brauchst Dich deshalb aber nicht zu schämen, und niemand soll es Dir übelnehmen, liebe Bravo. Du brauchst Dich auch nicht zu entschuldigen, dass du kein Musikmagazin für elfjährige mehr bist. Sei ganz du selbst und probier doch einfach mal das Gegenteil: mach dich rar.

Bravo (58): Was haltet ihr von meinen Extras? Wenigstens an dieser Front alles „cool“?

Mega-Cooles Extra: Nagelaufkleber.
Mega-Cooles Extra: Nagelaufkleber. Foto: Hencke

Liebe Bravo, leider nicht. Seit der Einführung des Bravo-Extras hast du deinen Teil zur Plastikverschmutzung unserer Meere beigetragen. In einem Turnus von zwei Monaten beglückst du deine jungen Leser mit immergleichen zweifelhaften Freuden wie Hartplastik-Freundschaftsketten für die „BFF“ oder Star-Tattoos zum Abwaschen. Auch in der aktuellen Ausgabe wurden die niedrigen Erwartungen an den allwöchentlichen Instant-Plastikmüll nicht enttäuscht: die „coolen Nagelsticker“ der Stars. Dank Photoshop schmücken sie nicht nur Selena Gomez sondern auch – die Bravo rühmt sich ja als Unisex-Magazin – „Boys“ wie Jared Leto.

Die kurze Halbwertszeit deiner lieblosen Gimmicks ist eine Sache – dass du bei deinen Lesern jedoch eine Dyskalkulie voraussetzt, ist schlicht fies. Von den groß angekündigten 40 Nagelstickern wurden zur Enttäuschung der gesamten Redaktion nur 20 geliefert. Zur Wiedergutmachung – und um dein Produkt dauerhaft aufzuwerten – könntest du in der kommenden Ausgabe etwas für und nicht gegen die Bildung unserer Hoffnungsträger tun – etwa mit Periodensystem und Parabelschablone zum Ausschneiden statt der „geilen Schul-Sticker“.

Bravo (58): HOT or NOT, was sagt ihr zu  „Trends & Lifestyle“ ?

Foto: Bonsen
 

„Trends & Lifestyle“ ist eine Rubrik, die ausbaufähig ist. Euch fehlt Struktur und die Kunst, hotte Tipps herauszufiltern. Bilder überlagern sich, die gesamte Bandbreite der Schriftarten wird ausgenutzt und alles ist wild und bunt zusammengewürfelt. Hier und da werden noch Zeichnungen dazwischen gequetscht und Rezepte neben App-Tipps platziert. Eure Seiten wirken überladen und unstrukturiert, das ist nicht hot, sondern erschlagend. Wie sagt man so schön „weniger ist mehr“.

Das Best of „Trends & Lifestyle“ sind die Look-Seiten. Aber wieso muss gleich alles wieder doppelt umrandet sein? 20 Star-Outfits zu zeigen ist lieb gemeint, aber schlecht gemacht. Ihr wollt immer mehr, dabei merkt ihr nicht, dass es inzwischen zu viel ist. „GEIZ IST STYLE“, schreibt ihr so passend, wieso geizt ihr dann nicht mal ein wenig mit Bildern, Farben und Cartoons und glänzt mit Struktur und Bildführung?

Bindet die Leser mehr ein! Auf den Straßen findet man so viele tolle Looks, die gezeigt werden sollten. Apps, das „must have“ der heutigen Zeit! Lasst doch einfach mal die Leser ein paar Apps testen, oder fragt sie welche App ihr „must have“ ist. Zeiten ändern sich, so wie eure Zielgruppe. Die Kinder von gestern sind die Teenager von heute und was vor Jahren modern war, das ist heute nur noch peinlich. Zeit sich zu ändern..

Bravo (58): Ich fühle mich in letzter Zeit so unattraktiv, sollte ich mehr Sport treiben?

Foto: Bonsen

Nein, liebe Bravo, Du bist und bleibst schön. Und ich weiß, dass es die „Bravo Sport“ gibt. Aber ein bisschen sportlicher dürfte es im Heft trotzdem zugehen. Denn das Einzige, was ich in der aktuellen Ausgabe finde, ist ein Poster vom halbnackten Schweinsteiger. Okay, „coole Kicker“ sind auch dabei. Die sind auch halbnackt. Das ist aber nicht deine Schuld, Bravo. Schließlich zogen sich die Fußball-Weltmeister Mario Götze, Andre Schürrle, Marco Reus und Kevin Grosskreutz für die „Ice Bucket Challenge“ ja aus, um ihre Klamotten nicht nass zu machen. Das habt Ihr ja nur abfotografiert. Manuel Neuer ist ein paar Seiten später abgebildet. Der hat seinen Torhüter-Dress noch an – und dafür einen lustigen Hut auf. Zugegeben: Bei der Geschichte „Mein geiler Party-Trip nach Malle“ hat der Geile ein DFB-Trikot an. Da dachte ich erst: Das ist bestimmt ein Nationalspieler. War er aber doch nicht, wie ich beim Lesen feststellen musste. Fazit: Ich war mit dem Heft ziemlich schnell durch. Also, bitte mehr Sport und weniger Nackte.

Bravo (58): Ich mag immer noch Foto-Love-Storys. Bin ich altmodisch?

Foto: Bonsen
 

Liebe Bravo, das ist überhaupt gar kein Problem. Liebe, die ganz großen Gefühle – das geht doch immer. In der aktuellen Ausgabe beschäftigst du dich mit Kate und Lars und der Langeweile. Sie sind ja auch schon seit zwei Jahren zusammen. Eine Ewigkeit. „Schlaftablette“, steht anfangs noch in Kates Sprechblase. Doch am Ende: Herzchen auf einer ganzen Seite. Der Grund: eine romantische Schatzsuche, die „BFF“ Nela organisiert hat. Geknutscht wird auch. Da seufzen junge und ältere Mädchen doch auf. Und zeitgemäß wird das durch Bildunterschriften wie „What?“ und „Help“. Rosamunde Pilcher für die Jüngsten – das kannst du, Bravo. Weiter so, dann wird auch alles gut.

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