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Lebensraum kartografiert : Biotop-Karte: Der Ostsee auf den Grund gehen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Erstmals haben Wissenschaftler den Lebensraum Ostsee kartografiert. Die Karte zeigt, wo das Leben blüht – und wo es durch den Menschen gefährdet ist oder sein wird.

shz.de von
erstellt am 15.Nov.2015 | 15:27 Uhr

Warnemünde | Rund 20.000 Kubikkilometer Wasser über einer Fläche von 412.500 Quadratkilometern – für ein Meer ist die Ostsee von überschaubarer Größe. Neun Staaten grenzen an ihre Ufer, 85 Millionen Menschen leben in ihrem Wassereinzugsgebiet, unser Binnenmeer wird intensiv genutzt – und ist als Lebensraum für Tiere und Pflanzen längst untersucht und kartografiert, sollte man meinen. Irrtum, wie ein Forscherteam des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung in Warnemünde zeigt. Dort geht man jetzt dem deutschen Teil der Ostsee mit der ersten flächendeckenden Biotop-Karte auf den Grund. Das Leben in der „Baltischen Pfütze“ (Günter Grass) ist bunt. Und schutzbedürftig.

Die Karte signalisiert Leben. Ein bunter Farbteppich zieht sich von der Kieler Bucht bis vor den Strand von Usedom. Braun gekennzeichnet sind die Lebensräume der Islandmuschel, blau steht für Miesmuscheln, helles und kräftiges Pink für die Lebensräume der Baltischen Plattmuschel. Und dann gibt es graue Flächen. „Grau bedeutet: keine eindeutige Zuweisung“, erklärt Alexander Darr, der im Warnemünder Forscherteam um die Meeresbiologin Kerstin Schiele das Leben im deutschen Teil der Ostsee erkundet hat. Und schon ist er mittendrin im Problem, das die Menschen dem Binnenmeer bereitet haben. „Keine eindeutige Zuweisung“ beschreibt nämlich nicht nur eine Mischgemeinschaft am Meeresboden, sondern auch, wie beispielsweise in der südlichen Lübecker Bucht, eine Störung, in diesem Fall einen von Menschen verursachter Sauerstoffmangel.

Die Ostsee ist Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen.
Die Ostsee ist Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen. Foto: Leibniz-Institut Warnemünde

Betroffen von ihm ist die Islandmuschel, eines der faszinierendsten heimischen Wasserwesen, das Darr schlicht als „langlebig“ bezeichnet. Vor zwei Jahren haben britische Forscher ein 507 Jahre altes Exemplar entdeckt, bis dahin galt eine rund 400 Jahre alte Islandmuschel als Alters-Rekordhalter unter Tieren; nur Schwämme und Lebewesen, die sich per Teilung vermehren, können noch älter werden. Und was da in der südlichen Lübecker Bucht nach Sauerstoff ringt, ist obendrein dieselbe Art, die bereits aus dem Holsteiner Gestein des Miozän bekannt ist: aus der Zeit vor mehr als 20 Millionen Jahren. Ein langes Erdenleben, dem ein abruptes Ende droht.

Bedrohungen dieser Art soll die Warnemünder Biotop-Karte verhindern helfen. Die Informationen, vorerst hauptsächlich zu tierischen Artengemeinschaften, sind wichtige Grundlagen für ein naturverträgliches Meeresmanagement, sagt Darr. Wer etwa einen Offshore-Windpark plant, weiß nun vorher, wo wertvolle Lebensräume gefährdet werden. Für das Festland sind solche Informationen selbstverständlich, für die Ostsee sind sie neu.

Hintergrund: Forschungsgebiet Ostsee

Das Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW) wurde 1992 gegründet. Entstanden ist es aus dem „Institut für Meereskunde“, das zur Akademie der Wissenschaften der DDR gehörte. Es widmet sich der Forschung und Lehre auf dem Gebiete der Meereskunde mit besonderer Hinwendung zum Ökosystem Ostsee.

Forschungsschwerpunkte sind „Transport- und Transformationsprozesse im Meer“, „Marine Lebensgemeinschaften und Stoffkreisläufe“ sowie „Marine Ökosysteme im Wandel“.

Dem Institut stehen die in Rostock beheimateten Forschungsschiffe „Maria S. Merian“ und „Elisabeth Mann Borgese“ zur Verfügung.

Am IOW sind rund 200 Menschen beschäftigt, etwa 110 davon sind Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Im Jahr 2014 betrug der Gesamtetat 21,4 Millionen Euro, davon wurden 14,1 Millionen Euro von Bund und Ländern, 7,3 Millionen Euro als Drittmittel oder Erstattungen zur Verfügung gestellt.

 

Über 14 Jahre lang wurden vom IOW-Team dafür Tausende Meeresboden-Proben an gut 2000 unterschiedlichen Stationen entnommen und im Wesentlichen auf das Vorkommen von Muscheln, Schnecken, Kleinkrebsen, Würmern als Marker für Charakterarten untersucht. In einem zweiten Schritt wurden möglichst umfassende Informationen zu chemisch-physikalischen Umweltparametern – Wassertiefe, Strömung, Salzgehalt, Wassertemperatur, Sauerstoffzehrung, Korngröße des Sediments – zusammengetragen. Mit neuen computergestützten Analyseverfahren wurden Messdaten von den jeweiligen Beprobungsorten mit bereits vorhandenen Daten kombiniert. So entstand die Karte, auf der sich jeder Lebensraum einem bestimmten Biotop-Typus zuordnen lässt.

„Für rund ein Fünftel der modellierten Fläche haben wir besonders schützenswerte Biotope ermittelt“, erklärt Kerstin Schiele das Ergebnis. „Entweder stehen sie auf der Roten Liste stark gefährdeter Biotoptypen oder sind einfach generell sehr selten.“ Und: „Die von uns verwendete Biotop-Klassifizierung nach einem international anerkannten System ist eine gute Grundlage dafür, dass auch andere Ostsee-Anrainerstaaten kompatible Karten entwickeln können.“

Abgeschlossen ist die Warnemünder Arbeit an der Biotop-Karte nicht. Alexander Darr spricht von einem „ersten Aufschlag“. Jede neue Erkenntnis soll die Karte komplettieren. Untersucht werden beispielsweise die Hartböden der baltischen Pfütze, an denen sich die Miesmuscheln verankern, und die Unterwasser-Flora.

Die Ostsee-Arten im Portrait:

Herzmuschel Wer an Strandfund denkt, der denkt an sie: Die Herzmuschel (Cerastoderma edule) ist in Ost- und Nordsee, in Mittelmeer und Atlantik zu Hause. Sie zeigt etwa 25 Rippen auf Schalen, die weiß, grau, bräunlich, gelb oder rosa gefärbt sein können. Die Herzmuschel ist essbar und kann bis zu fünf Zentimeter groß werden. Ihren Namen hat sie vom Bild, das der Querschnitt ihres gleichklappigen Gehäuses abgibt: ein Herz.
Sandklaffmuschel Die Sandklaffmuschel (Mya arenaria) ist neben der Herzmuschel eine der bekanntesten Bewohnerinnen von Ost- und Nordsee; sie kommt auch im Atlantik vor und kann bis zu 15 Zentimeter groß werden. Sie lebt bis zu 40 Zentimeter tief eingegraben im Sediment. Versorgung mit Sauerstoff und Nahrung sowie Entsorgung der Stoffwechselprodukte erfolgt über ein langes mit zwei Röhren ausgestattetes Organ, den Sipho.
Baltische Plattmuschel „Rote Bohne“ wird die Baltische Plattmuschel (Macoma Balthica) wegen ihrer Färbung auch genannt, allerdings können Exemplare dieser Art auch weiß, gelb, bräunlich oder violett sein. Sie wird bis zu drei Zentimeter groß und kommt außer in Ost- und Nordsee im Atlantik vor. Wenige Zentimeter tief im Meeresboden eingegraben, ist sie wie die Herzmuschel bedeutender Nahrungslieferant für Watvögel. Sie versorgt sich über Siphone.
Islandmuscheln Ein Exemplar ihrer Art gilt als eines der ältesten Tiere der Welt: Britische Meeresbiologen entdeckten 2013 eine 507 Jahre alte Islandmuschel (Arctica islandica). Als langlebig ist sie allemal bekannt – und als gefährdet. Islandmuscheln können bis zu zwölf Zentimeter groß werden und leben außer in der westlichen Ostsee in Nordsee, Mittelmeer und Atlantik. Sie ist essbar, wird aber nicht kommerziell befischt.
Miesmuschel Die Miesmuschel (Mytilus edulis) kann bis zu zehn Zentimeter groß und 15 Jahre alt werden. Außer in der Ostsee kommt sie in Nordsee, Mittelmeer und Atlantik vor. Miesmuscheln können Kolonien (Muschelbänke) bilden und sind meist mit Byssusfäden an festen Untergrund geheftet. Eine Muschel dieser Art filtert drei Liter Wasser pro Stunde und nimmt dabei bis zu 100.000 Plankton-Organismen auf.
Astarte-Muscheln Benannt sind Astarte-Muscheln nach der orientalischen Mondgöttin Astarte. Sie leben in kalten bis gemäßigt warmen Meeren bei einer Temperatur bis zu 16 Grad Celsius in Schlick-, Sand und Kiesböden, ihre Arten sind oft nur schwer von einander zu unterscheiden. Astarte-Muscheln haben ein sehr dickschaliges, flaches, je nach Art zwischen sechs und 30 Millimeter langes Gehäuse.
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