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Rekord-Schmerzensgeld : „Bild“-Zeitung muss Jörg Kachelmann 635.000 Euro Entschädigung zahlen

vom

Noch nie gab es in Deutschland eine so hohe Schmerzensgeldsumme: Die Bild muss Wetterfrosch Jörg Kachelmann 635.000 Euro zahlen. Doch das reicht ihm und seinem Anwalt nicht.

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2015 | 15:20 Uhr

Köln | Die „Bild“-Zeitung (Print und Online) ist vom Landgericht Köln zur Zahlung einer Rekordsumme von 635.000 Euro Entschädigung an Jörg Kachelmann verurteilt worden. Das bestätigten am Mittwoch sowohl der Anwalt des Fernsehmoderators, Ralf Höcker, als auch eine Sprecherin der Axel Springer SE. Die Summe gilt als die bisher höchste in einem solchen Verfahren. In dem Prozess ging es um die persönlichkeitsverletzende Berichterstattung während des Vergewaltigungs-Prozesses gegen Kachelmann. Seine Ex-Freundin hatte ihn verklagt.

Kachelmann forderte vom Springer-Konzern insgesamt 2,25 Millionen Euro Entschädigung. Das Gericht hatte bereits vor dem Urteil deutlich gemacht, dass die Summe so hoch kaum ausfallen wird. Allerdings hatte die Kammer auch mitgeteilt, dass sie in 26 Fällen bei Print und in 21 Fällen bei Online eine schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzung für möglich hält. Kachelmann wurde 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Er sieht sich durch die Prozess-Berichterstattung weiter Teile der Medien verleumdet. Mit der Hubert Burda Media („Bunte“/„Focus“) hatte er sich im Mai außergerichtlich geeinigt. „Bild“ wies die Vorwürfe zurück.

In einer Pressemitteilung schrieb das Landgericht, Kachelmann sei „durch die Preisgabe von Informationen über sein Sexualleben, durch die teilweise wörtliche Veröffentlichung seines SMS- und E-Mail-Verkehrs und durch die Veröffentlichung von Fotos, die ihn zum Beispiel beim Hofgang in der Justizvollzugsanstalt zeigten, in seiner Intimsphäre, seinem informellen Selbstbestimmungsrecht und seinem Recht am eigenen Bild verletzt worden“.

Das Gericht konnte hier kein berechtigtes Informationsinteresse der Allgemeinheit erkennen. Zudem sei es durch die Print- und Online-Berichte zu unzulässigen Vorverurteilungen Kachelmanns gekommen. Durch die Berichterstattung werde Kachelmann auch in Zukunft als „frauenverachtender und gewaltbereiter Mensch“ stigmatisiert.

Dagegen sah das Gericht „keine vom Kläger angeführte Pressekampagne mit anderen Verlagen“, wie es im Urteil heißt. „Vor dem Hintergrund der grundsätzlich bestehenden Konkurrenz der einzelnen Verlage stellt allein das wechselseitige Zitieren der Berichterstattung kein hinreichendes Indiz für ein planmäßiges und auf die Schädigung des Klägers gerichtetes Zusammenarbeiten der Verlage dar.“

Kachelmann bedankte sich via Twitter bei seinem Anwalt.

Dieser twitterte, dass Kachelmann sogar 800.000 Euro bekommt.

„Herr Kachelmann musste die schlimmste Hetzkampagne der deutschen Presserechtsgeschichte über sich ergehen lassen“, sagte Höcker. „Sein Ruf wurde durch „Bild" & Co. vollständig ruiniert. Dieses Urteil ist die Quittung. Es wird hoffentlich abschreckende Wirkung auf den Boulevard haben.“

In einem Interview mit dem Medienmagazin Meedia kündigte Höcker an, in Berufung zu gehen, um die Schadensersatzsumme zu erhöhen. „Das Urteil muss Springer richtig wehtun, sonst erzielen wir keinen Abschreckungseffekt und es ändert sich nie etwas“, sagte der Anwalt dem Branchenmagazin.

Der Springer-Konzern hatte vor der Entscheidung aus Köln bereits mitgeteilt, im Falle einer Verurteilung Berufung beim Oberlandesgericht Köln einlegen zu wollen. Deswegen ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

In den sozialen Netzwerken gibt es Zustimmung für das Urteil.

Die Bild-Zeitung hüllte sich übrigens lange auf ihrer Homepage und in den sozialen Netzwerken zu dem Urteil in Schweigen. (Stand 10.46 Uhr, 30. September). Das kam nicht so gut an.

Am Mittag fand sich eine Meldung auf der „Bild“-Homepage mit der Überschrift „Keine Millionen für Kachelmann“.

Nach dem Freispruch im Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann im Jahr 2011 ging der juristische Streit weiter. Eine Chronologie des Ringens um Schadenersatz:

9. Juni 2011

Kachelmann gibt der „Zeit“ ein Interview. Er betont, dass er unschuldig sei - und kündigt juristische Schritte gegen alle an, die etwas anderes behaupten.

23. Dezember 2013

Kachelmann verliert vor dem Landgericht Frankfurt einen Schadensersatz-Prozess gegen seine ehemalige Geliebte in erster Instanz. Die Berufungsverhandlung vor dem Oberlandesgericht Frankfurt ist bis heute nicht entschieden.

25. Juni 2014

Kachelmann verklagt „Bild“, „Bunte“ und „Focus“ wegen schwerwiegender Verletzung seines Persönlichkeitsrechts auf insgesamt mehr als drei Millionen Euro Schmerzensgeld.

25. Februar 2015

Der Prozess gegen die „Bild“-Zeitung (Print und Online) beginnt vor dem Landgericht Köln. Kachelmann fordert allein hier eine Geldentschädigung von insgesamt 2,2 Millionen Euro.

18. Mai 2015

Vergleichsgespräche zwischen Kachelmann und „Bild“ scheitern. Mit der Hubert Burda Media („Bunte“/„Focus“) einigt sich der Moderator dagegen außergerichtlich.

30. September 2015

Das Landgericht Köln verurteilt „Bild“ zur Zahlung einer Rekordsumme von 635.000 Euro Entschädigung. Springer will gegen die Entscheidung in Berufung gehen.

 
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