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"Tannöd" : Beklemmende Krimi-Verfilmung in der bayerischen Ödnis

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Ein dunkles Porträt der bayerischen Ödnis - Bettina Oberli ist mit ihrer Adaption des Kriminalromans "Tannöd" von Andrea Maria Schenkel eine spannende Verfilmung gelungen.

shz.de von
erstellt am 17.Nov.2009 | 06:27 Uhr

Verfilmungen von Bestsellern sind eine undankbare Sache. Zu groß sind die Erwartungen der Leser. Regisseurin Bettina Oberli ist mit ihrer Adaption des Kriminalromans "Tannöd" von Andrea Maria Schenkel eine spannende Verfilmung gelungen. Nicht zu nah und doch nah genug an der Romanvorlage erzählt sie die Geschichte um den grausamen Mord an einer ganzen Bauernfamilie auf einem bayerischen Hof in der Ödnis. Wie auch Schenkel beschränkt sich Oberli nicht auf den Stoff als Krimi, sondern zeichnet eine Gesellschaftsstudie - wirft die Frage nach Schuld und Verantwortung in einer Gemeinschaft auf. Dank großartiger Schauspieler, darunter Julia Jentsch und Monica Bleibtreu in einer ihrer letzten Rollen, ist "Tannöd" ein beklemmender wie nachdenklich stimmender Film.

Einsam liegt der Tannöd-Hof im blauschwarzen Tannenwald. Nur dunkle Wege führen von dem Dorf zu dem Gehöft, wo die gesamte Familie Danner grausam und unbemerkt von den Dorfbewohnern mit einer Kreuzhacke erschlagen wurde, selbst die Kinder und die neue Magd. Auch wenn ein Landstreicher schnell von den Dorfbewohnern verdächtigt wird, kann es jeder gewesen sein. Denn wundern tut die Tat keinen so recht, war der alte Tyrann Danner doch bei allen verhasst, die gesamte Familie den Menschen suspekt und angsteinflößend. Die bigotte Frau sprach mit keinem und schaute weg, wenn sich ihr Mann an der Tochter verging. Auf dem Hof lebte die Sünde, der Teufel.
Bigotterie, Gewalt und Verlogenheit

Zwei Jahre nach der Tat kommt die größtenteils von Oberli erfundene junge Kathrin (Julia Jentsch) in das Dorf, um ihre Mutter zu begraben. Zurückhaltend und wie aus einer anderen Welt steigt Kathrin bei strahlendem Sonnenschein aus dem Bus. Schenkel hatte den realen Fall aus den 1920er Jahren schon in ihrem Roman in die 50er Jahre verlegt, was Oberli und Drehbuchautorin Petra Lüschow übernommen haben. Kathrin sieht frisch, sauber, jung aus und steht damit im krassen Kontrast zu der Dunkelheit, dem Dreck und der Wand aus Schweigen, die im Dorf herrschen. Doch nach und nach taucht sie immer weiter in die Dorfgemeinschaft ein, lernt die Bigotterie, Gewalt, Verlogenheit, das Misstrauen und den gegenseitigen Hass kennen. Und sie merkt, dass sie selbst mehr mit dem Fall zu tun hat, als ihr lieb ist.

Der Mörder der Danners ist da immer noch nicht gefunden. Fast jeder hätte einen Grund gehabt, doch alle schauen weg. Einzig die schrullige Traudl Krieger (Monica Bleibtreu), deren Schwester als Magd auch auf dem Danner-Hof ermordet wurde, legt immer wieder den Finger in die Wunde, spricht Dinge aus, die sonst keiner zu sagen wagt.
Netz aus Lügen und Schweigen

Die von Schenkel in Interview-ähnlichen Mosaikstücken erzählte Geschichte schildert Oberli in Rückblenden. Hier die brutale Tat und das Leben der Danners, dort das Jetzt mit der jungen zunächst ahnungslosen Kathrin. Doch nach und nach vermischen sich die Bilder. Wie stark Misstrauen und Missgunst weiter in dem Dorf herrschen, wird klar. Und über alldem erklingen immer wieder die von Mutter Danner leise genuschelten Gebete.

"Der Film ist nicht im klassischen Sinne als Krimi angelegt mit einer Ermittlerin, die dem Täter auf die Spur kommt", sagte Julia Jentsch. Wie in dem Roman tappe auch der Zuschauer lange im Dunkeln. Zum Schluss ahne man zwar, wer der Täter ist. "Aber es ist eben nicht nur ein Schuldiger, das wäre zu einfach." Zu einfach wäre auch zu glauben, dass so ein Netz aus Lügen und Schweigen nur in der vermeintlichen Idylle einer dörflichen Gemeinschaft möglich wäre. Und so geht der Zuschauer fast benommen und mit einem sehr beklemmenden Gefühl aus dem Kino, wozu auch die dunklen, gewaltigen Bilder der bayerischen Ödnis und die dramatische Musik beitragen.

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