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Höhen und Tiefen eines Lebens : Beate Uhse: „Ich will Freiheit für die Liebe“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Unternehmerin, Kämpferin und Pionierin: Wie Beate Uhse die Erotik salonfähig machte.

Wer den Städtenamen Flensburg liest, dem fallen meist drei Dinge ein: Die Punkte in der Verkehrssünderkartei, der letzte Urlaub an der Ostsee und Beate Uhse. Keine andere Stadt Deutschlands hat so viel Erotikgeschichte zu erzählen wie Flensburg. Denn keine andere Frau hat so viel getan, um Sex aus der Schmuddelecke und den verdunkelten Schlafzimmern zu holen wie Beate Uhse. Man gab ihr Namen wie „Orgas-Muse“, „Beate Schweinkram“, „Lustmacherin“ und „Sexshop-Königin“. Sie wurde massiv angefeindet und musste im Laufe ihres Lebens an die 2000 Anklageschriften über sich ergehen lassen, gut 500 Mal stand sie unter anderem wegen Beihilfe zur Unzucht vor Gericht. Nur einen einzigen Prozess verlor sie. Jahrelang kämpfte sie gegen Kleingeist, gegen die Prüderie der 50er und 60er Jahre und für „Freiheit für die Liebe“. Sie widersetzte sich der Kirche und der Staatsanwaltschaft.

Auch der private Mensch Beate Uhse muss einiges verkraften. Den Tod ihres ersten Mannes, einen öffentlich ausgetragenen Scheidungskrieg mit Ehemann Nummer zwei, den Tod ihres ersten Sohnes Klaus, den Kampf gegen den Krebs und ein Stück weit auch gegen sich selbst. Eine Lebensgeschichte von Anfang an:

Am 25. Oktober 1919 kommt Beate Köstlin als Tochter eines ostpreußischen Gutsbesitzers in Wargenau (im heutigen Russland) auf die Welt. Ihre Eltern erziehen sie weltoffen. Die Mutter ist Ärztin und lässt der Tochter Freiraum. Der Vater ist ein warmherziger Landwirt. Beate trägt gern praktische Kleidung, einen Kurzhaarschnitt und spielt am liebsten mit Jungs. Mit Puppen und Mädchenkram kann sie nur wenig anfangen.

Sie ist neun Jahre alt, als sie verkündet, dass sie Pilotin werden will. „Du wirst es können, wenn du es willst“, bestärkt sie der Vater in ihrem Ziel. Dieser Satz wird sie ein Leben lang begleiten. Mit gerade mal 18 Jahren ist Beate Uhse im Besitz eines Flugscheins und fliegt für ein Berliner Werk neue Flugzeuge ein. Nebenbei nimmt sie als einzige Frau an Kunst-Flugwettbewerben im In- und Ausland teil.

Der Zweite Weltkrieg bricht aus. Die junge Pilotin fliegt nun für die Luftwaffe und überführt Maschinen an verschiedene Standorte. Es reizte sie, an Maschinen ranzukommen, die sie im Zivilleben nicht hätte fliegen können. Beate Köstlin heiratet ihren Kunstfluglehrer Hans-Jürgen Uhse und bekommt den Namen, der in Deutschland später zur Marke wird.

Im Frühjahr 1943 wird Sohn Klaus geboren. Mit 24 Jahren und einem einjährigen Kind wird Beate Uhse zur Witwe. Bei einem Alarmstart rammt ein Flieger die Maschine des jungen Vaters, er ist sofort tot.

Am 24. April 1945 nimmt sich Beate Uhse die letzte intakte Maschine und startet mit Sohn Klaus und einem Kindermädchen nach Westen. Ihr Ziel ist der Ort Leck in Schleswig-Holstein. Der Vater Köstlin wird in dieser Zeit auf seinem Anwesen von Russen erschossen, die Mutter stirbt wenig später.

Als Flüchtling und Witwe steht Beate Uhse vor dem Nichts. Monatelang liegt sie mit gebrochenen Beinen im Krankenhaus und muss das Laufen neu lernen. Mit ihrem Sohn und dem Kindermädchen zieht sie später in die Bücherei der Schule in Braderup bei Niebüll. Das ursprüngliche 400-Seelen-Dorf musste nun über 900 Menschen aufnehmen. Erst sind die meisten Flüchtlinge Frauen, später kommen die Männer dazu, die den Krieg überlebt haben und zu ihren Familien heimkehren. Trotz großer Not werden viele Frauen zu dieser Zeit ungewollt schwanger. Präservative kann man nicht kaufen, die Pille ist noch nicht erfunden. Da fällt Beate Uhse, der Tochter einer der drei ersten deutschen Ärztinnen, ein, dass ihre Mutter ihr einmal von der Knaus-Ogino-Methode erzählt hatte, also den fruchtbaren und unfruchtbaren Tagen der Frau. Beate Uhse klärt die jungen Mädchen in ihrem Dorf auf. Sie setzt sich hin und schreibt das Wichtigste auf und versucht, die Verhütungsmethode so verständlich wie möglich zu machen. Zwei DIN-A6-Seiten werden es. Beate Uhse nennt sie der Einfachheit halber die „Schrift X“. Die ersten 1000 Exemplare werden gedruckt. Beate Uhse bezahlt den Druck mit fünf Pfund Butter. Ein Geschäftsidee ist geboren und der Grundstein einer bis heute andauernden Erfolgsgeschichte gelegt.

Drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes trifft Beate Uhse auf den Flensburger Kaufmannssohn Ernst Walter (Ewe) Rotermund. Das Fachwissen und die Kreativität des sportlichen, hochgewachsenen Mannes wird die ideale Ergänzung für das aufblühende Geschäft der Flüchtlingsfrau. 1949 heiraten die beiden. Der Firmenname bleibt, Beate Uhse selbst wird zu Beate Rotermund. Das Ehepaar zieht ausgerechnet in eine Pastorenwohnung in Flensburg. Die Wohnung bietet nur wenig Platz. Selbst die Wickelkommode wird zur Lagerhaltung genutzt. Später wird ein Kellerraum angemietet. Was Kundenfreundlichkeit und Service angeht, hat Beate Uhse ein gutes Geschick. Jedem Kunden legt sie zur Bestellung noch einen handgeschriebenen Dankesbrief bei. Sie beantwortet jeden Brief und schreibt Antworten auf Fragen wie „Kommen Kinder aus dem Bauchnabel und kann man vom Küssen Kinder bekommen?“. Beate Uhse wird zu „Aufklärerin der Nation“ und leistet echte Pionierarbeit.

Die Wahl-Flensburgerin bekommt zwei weitere Söhne, Ulrich und Dirk Rotermund. Jahrzehnte später erkranken sowohl Beate Uhse, wie auch ihr Sohn Klaus an Krebs. Während die Mutter die Krankheit überwindet, stirbt der Sohn im Juli 1984 am Magenkrebs. Ein schlimmer Schicksalsschlag für Beate Uhse.

Ende 1949 besteht der Firmenprospekt bereits aus acht zusammengefalteten Seiten. Vertrieben werden Bücher über Aufklärung und Sex sowie Kondome und Salben. Im Februar 1951 wird die Firma „Versandhaus Beate Uhse“ ins Flensburger Handelsregister eingetragen. 1953 hat das Unternehmen 14 Mitarbeiter. Drei Jahre später übersteigt der Umsatz die Millionengrenze. Am 27. Mai 1999 geht die Firma Beate Uhse an die Börse.

„Beate, bist du verrückt? Du hat ein super gehendes Versandgeschäft, nun machst du Läden auf – die Leute werden dir mit Steinen die Fensterscheibe einschlagen“, bekommt die Unternehmerin von ihren Mitarbeitern zu hören, als sie am 23. Dezember 1962 ihr erstes Ladengeschäft in Flensburg eröffnet. Mit Steinen hat dann keiner geworfen. Die Mitarbeiter sind ganz in Weiß gekleidet. Der Laden wird nüchtern und ähnlich einer Apotheke eingerichtet. Der erste Sexshop der Welt heißt „Fachgeschäft für Ehehygiene“.

Späte Anerkennung: Beate Uhse trägt sich im Jahr 1999 in das Goldene Buch der Stadt Flensburg ein.
Späte Anerkennung: Beate Uhse trägt sich im Jahr 1999 in das Goldene Buch der Stadt Flensburg ein. Foto: Beate Uhse AG
 

1969 wird das neue Firmengebäude in Flensburg eingeweiht und bekommt von Bürgern den Namen „Sexeck“. Es war das erste Großraumbüro Europas. Auch der damalige Oberbürgermeister Flensburgs gratulierte zur Einweihung und prägte den Satz: „Hier kann man mit Lust und Liebe für die Lust und Liebe arbeiten.“

Klaus Uhse und Dirk Rotermund bekommen 1981 das Versandgeschäft und führen es eigenständig unter dem Namen Orion weiter. Die Läden und der Großhandel Beate Uhse werden von Beate Rotermund und Sohn Ulrich betrieben. Ende der 90er Jahre betreibt die Beate Uhse AG 50 Läden, beschäftigt rund 700 Mitarbeiter und hat über 168,6 Millionen DM Umsatz. Beate Uhse selbst bezeichnet die Firma als „mein Kind“.

Beate Uhse durchlebt Höhen und Tiefen. Immer wieder muss sie sich rechtfertigen. Ihr einmal ausgerufener Satz „Hier steht der Orgasmus vor Gericht“ wird deutschlandweit zur Schlagzeile. 1976 erringt sie ihren wohl größten Sieg: Die Freigabe der Pornografie. Beate Rotermund-Uhse ist mit Abstand die meist angezeigte Frau der Republik.

Nach 20 Jahren lässt sich Ewe Rotermund für die Haushälterin Helga von Beate Uhse scheiden. Sie leidet „wie ein geprügelter Hund“. Beate Uhse reist auf die Bahamas und lernt John Holland, einen wesentlich jüngeren Mann aus New York, kennen. Ewe Rotermund zettelt daraufhin einen schmutzigen Pressekrieg an und demütigt Beate Uhse öffentlich. Fünf Jahre wird sie in Folge dessen nicht mit Journalisten sprechen.

Die Mutter von drei Söhnen hat ein straffes Arbeitspensum. Trotzdem findet sie noch Zeit um Sport zu treiben. Auch hier macht sie keine halben Sachen, denn sie zeigt Höchstleistungen. Tennis, Skilaufen, Fallschirmspringen und zuletzt Golfen stehen in ihrem privaten Kalender. Mit 76 Jahren erfüllt sie sich noch einen Traum und lernt tauchen. Doch allem voran wird die Fliegerei immer ihre große Leidenschaft bleiben.

Die große Leidenschaft von Beate Uhse war die Fliegerei.

Die große Leidenschaft von Beate Uhse war die Fliegerei.

Foto: Beate Uhse AG
 

Erst in den 90er Jahren bekommt Beate Rotermund öffentliche Anerkennung. Zum 50. Firmenjubiläum eröffnet sie in Berlin ihr eigenes Museum für erotische Kultur, und jetzt erst berichten alle Medien von der Lebensleistung der damals 76-jährigen Unternehmerin. Zahlreiche Preise werden ihr im Laufe der Jahre überreicht. 1997 wird Beate Uhse für ihr Lebenswerk mit dem Filmpreis der Erotikbranche, dem Venus Award, ausgezeichnet.

Die Grande Dame, die von sich selbst meist in der dritten Person spricht, stirbt am 16. Juli 2001 mit 81 Jahren. Auf die Frage, was ihr größter Pluspunkt in der Firmenführung war, sagte sie einmal: „Ich denke, dass ich in der Lage war, ein gutes Führungssystem für die Mitarbeiter zu schaffen und auch weitgehend in der Lage war, dafür zu sorgen, dass die Dinge auch von den anderen so gemacht werden, wie es abgesprochen war. Ich denke, das ist eine meiner größten Stärken. Ich mag Menschen wahnsinnig gern und kann auch die Menschen mit ihren Schwächen, wenn sie welche haben – wir haben ja alle welche – verstehen und es nachfühlen.“
 

Die Beate Uhse AG ist heute eines der erfolgreichsten Erotikunternehmen in Europa. In zehn Ländern bietet der Konzern seinen Kunden erotische Produkte und Unterhaltung an. Über 200 konzerneigene und Lizenzpartner-Geschäften gehören zu Beate Uhse.


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erstellt am 05.Sep.2015 | 16:56 Uhr

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