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Geburtenzahlen 2015 : Babyboom in Schleswig-Holstein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es gibt mehr Geburten – aber auch die Zahl der Sterbefälle steigt deutlich an.

shz.de von
erstellt am 30.Jun.2016 | 20:42 Uhr

Die Zahl der Geburten in Deutschland ist auf den höchsten Stand seit 15 Jahren gestiegen. 2015 wurden bundesweit 738.000 Babys geboren, das waren 23.000 oder 3,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Auch in Schleswig-Holstein kamen mehr Babys zur Welt – nämlich 23.550 oder 3,3 Prozent mehr als 2014.

„Dieser erfreuliche Trend bestätigt unseren Einsatz für ein familienfreundliches Schleswig-Holstein und motiviert zugleich, das gemeinsame Engagement fortzusetzen, beispielsweise beim Kita-Ausbau“, freut sich Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) über den Babyboom. Auch der Chef des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Jürgen Dorbritz, spricht von einer Trendwende. Er erklärt die steigende Geburtenzahl mit einem „Doppeleffekt“, bestehend aus der Altersstruktur der Frauen und ihrem Verhalten.

So sei die Geburtenziffer von 1,39 pro Frau (2011) auf 1,48 (2014) gestiegen und werde 2015 voraussichtlich noch leicht darüber liegen. Zugleich gebe es mehr Frauen im Alter zwischen 25 und 35 Jahren – also potenzielle Mütter.

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Foto: dpa
 

Dies erklärt auch die Zunahme der Eheschließungen. Etwa 400.000 Paare gaben sich das Ja-Wort, auch hier gab es seit dem Jahr 2000 keinen höheren Wert. Im Norden segelten 16.660 Paare in den Hafen der Ehe, das sind sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Laut Dorbritz sind Kinder eines der zentralen Heiratsmotive.

Allerdings wollen viele junge Menschen nach langer Ausbildung erst den beruflichen Einstieg finden und eine große Wohnung haben. Die Fruchtbarkeit nehme mit 30 Jahren aber allmählich ab, und statt der gewünschten zwei bis drei Kinder kämen dann oft nur ein bis zwei.

„Die Gesellschaft ist nicht sehr kinderfreundlich“, sagt auch Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock: „Viele Frauen sind mit einem Kind zufrieden.“ Die Bevölkerung müsse sich darauf einstellen, dass sie schrumpfe. Denn: „Seit mehr als 40 Jahren sterben in Deutschland mehr Menschen als geboren werden.“

Dieser Trend wurde trotz der gestiegenen Geburtenzahlen auch im vergangenen Jahr nicht gebrochen. In Deutschland starben 925.000 Menschen, das waren 6,5 Prozent mehr als im Vorjahr. In Schleswig-Holstein stieg die Zahl auf 34.264 – das sind sogar 8,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor. „Die Kluft zwischen Sterbefällen und Geburten wird sich nicht schließen, sondern eher noch größer werden“, ist sich Dorbritz sicher. Der Grund: „Die Babyboomer – dass sind die zwischen 1955 und 1969 Geborenen – kommen so langsam in das Alter, wo die Sterbewahrscheinlichkeit steigt.“
 

Leitartikel „Kinder sind keine Geldanlage“ von Dieter Schulz

Kinder sind keine gute Geldanlage  – rein finanziell zumindest. Das Statistische Bundesamt beziffert die Kosten für ein Kind auf jährlich 6000 bis 8500 Euro. Wer addiert, kommt schnell auf deutlich mehr als 100000 Euro bis zum 18. Lebensjahr – und sollte der Sprössling studieren, wird es noch teurer. Nun sind Kinder zum Glück für den überwiegenden Teil der Eltern keinesfalls ein Kostenfaktor, sondern ein Segen. Deshalb kann sich die Politik den gegenwärtigen Babyboom auch nicht dank höherer Freibeträge oder dem künftigen Zuschuss von monatlich 100 Euro je Krippenplatz auf die Fahne schreiben  –   die paar Euro machen aus Deutschland kein kinderfreundliches Land.

Nein, der Babyboom hat ganz andere Ursachen. Zum einen sind es die zahlreichen Kinder der Babyboomer-Generation aus den Jahren von 1955 bis 1969, die jetzt selbst Eltern werden. Und zum anderen sind die Zeiten für junge Leute so zukunftsträchtig wie lange nicht. Waren vor zehn Jahren selbst sehr gute Zeugnisnoten kein Garant für einen Ausbildungs- oder Studienplatz, so ist dies heute anders. Wer Leistung bringt, hat Perspektive – die Generation Praktikum ist Geschichte.

Ohne Angst vor der Zukunft fällt es leichter, für Kinder Verantwortung zu übernehmen. Allerdings werden trotz der neuen Geburtenzahlen noch immer zu wenig Kinder geboren. Wer das ändern will, der muss die gesellschaftliche Wertschätzung für Familien deutlich anheben.

Das fängt bei einem veränderten Fokus des Sexualkundeunterrichts an – so könnte nach dänischem Vorbild das positive Erlebnis mit Kindern im Fokus stehen – und hört bei der „Abkehr“ von heutigen Statussymbolen wie Fernreise, Sportwagen oder Traumvilla auf. Wer Kinder hat, kann sich diese nicht leisten – und muss es auch nicht: Denn das Glück, Eltern zu sein, ist unbezahlbar.  

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