„Social Freezing“ für Männer : Autismus, Schizophrenie, niedriger IQ: Machen alte Väter kranke Kinder?

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Vater und Sohn.

Kinder älterer Väter haben ein höheres Risiko für bestimmte Gendefekte. „Social Freezing“ könnte populärer werden.

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24. Januar 2018, 16:18 Uhr

Prominente Väter in gehobenem Alter gibt es reichlich: Charlie Chaplin (73), Pablo Picasso (68), Franz Beckenbauer (60) oder Jean Pütz (74), um nur ein paar zu nennen. „Generell kann man nicht sagen, dass die Fruchtbarkeit bei Männern im Alter nachlässt“, sagt der Münchner Androloge Prof. Dr. Frank-Michael Köhn. Allerdings unterschätzen Paare mit Kinderwunsch häufig, wie stark Krankheiten, Arzneimittel, Diabetes und Übergewicht sowie Genussgifte wie Nikotin und Alkohol die Furchtbarkeit beeinflussen können.

Die Spermien werden weniger beweglich und die Chancen auf eine Schwangerschaft sinken. „Die gute Nachricht ist jedoch, dass sich das Hodengewebe nach Beendigung schädlicher Einflüsse auch wieder erholen kann“, sagt Köhn. Das erfordere allerdings Geduld, da die Produktion und Reifung von Samenzellen im menschlichen Hoden und Nebenhoden etwa drei Monate in Anspruch nehmen. Problematischer als die eigentliche Fruchtbarkeit ist hingegen eine Häufung von bestimmten Erkrankungen, die Kinder von älteren Vätern aufweisen.

Zellteilungen als Risiko für Fehler

„Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder von Vätern, die älter als 45 bis 50 Jahren sind, häufiger an Autismus leiden“, sagt Köhn. Ganz neu ist das nicht: Bereits Mitte der 1950er Jahre wurde eine Verbindung zwischen väterlichem Alter und Auftreten verschiedener genetischer Defekte besteht. Das höhere Alter der Väter soll zudem für sogenannte „Imprinting-Phänomene“ verantwortlich sein, also für vom Erbgut geprägten Phänomenen. Dazu zählen Erkrankungen wie Schizophrenie und bipolare Erkrankungen, wie Prof. Eberhard Nieschlag vom Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie am Universitätsklinikum Münster in seinem Aufsatz „Greise Väter – kranke Kinder?“ schreibt.

Als Ursache für diesen Zusammenhang zwischen Alter und Gendefekten sieht Nieschlag die Tatsache, dass bis zum 50. Lebensjahr die Stammzellen der Spermatogenese etwa 890 Mal eine meiotische Teilung durchlaufen, bis zum 75. Lebensjahr sind es bereits 1460 Teilungen. Je häufiger die Stammzellen geteilt werden, desto anfälliger sind sie für Teilungsfehler und äußere Einflüsse. „Daraus wurde die Copy Error Hypothesis, die Hypothese der fehlerhaften Kopien, entwickelt“, heißt es in dem Aufsatz.

Darüber hinaus fanden australische Wissenschaftler heraus, dass Kinder von älteren Vätern auch einen niedrigeren Intelligenzquotienten aufweisen.

Social Freezing als Option

So umstritten das sogenannte „Social Freezing“, also das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen ohne medizinischen Grund, auch sein mag – vor dem Hintergrund der möglichen vererbbaren Erkrankungen sei das Einfrieren von Sperma in jungen Jahren ein Gesichtspunkt, über den man sich zumindest Gedanken machen sollte, so Köhn. „Das ist natürlich immer eine ganz individuelle Entscheidung, aber wenn ich mir als Mann sicher bin, dass ich aus bestimmten Gründen auf jeden Fall erst später Vater werden will, wäre Social Freezing eine Möglichkeit.“

Allerdings weist Frank-Michael Köhn darauf hin, dass das Social Freezing von Spermien gewisse Risiken für die Partnerinnen der betroffenen Männer berge, wenn künstliche Befruchtungen außerhalb des Körpers notwendig würden. Hier müssen zum Beispiel Nebenwirkungen durch die Hormonstimulation als Folge eines ovariellen Hyperstimulationssyndroms (OHSS) mit Unterleibsschmerzen, Schwindel, Erbrechen oder Kurzatmigkeit und im schlimmsten Fall einer Behandlung im Krankenhaus berücksichtigt werden.

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