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Anschlag in Stockholm : Augenzeugin: „Ich habe auf eine ältere Frau geblickt, die aussah, als wäre sie tot“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nadine Kugel arbeitet in Stockholm. Von ihrem Bürofenster aus hatte sie direkten Blick auf den Anschlagsort.

Stockholm | Nadine Kugel saß am Schreibtisch, als sie am Freitag kurz vor 15 Uhr einen Knall und Schreie hörte. Die Deutsche arbeitet seit elf Jahren in Stockholm, das Fenster ihres Büros im dritten Stock geht direkt auf die Drottninggattan, auf die Stockholmer Einkaufsstraße, in der das Attentat verübt wurde. Sie sprang auf, rannte zum Fenster und schaute raus: „Ich habe auf eine ältere Frau geblickt, die aussah, als wäre sie tot. Um ihren Kopf war eine große Blutlache. Ich dachte zuerst, da wäre ein Gerüst umgestürzt, weil schon seit Tagen in der Straße gebaut wird.“

Auch, als sie zehn Meter weiter noch eine Leiche sieht, denkt sie nicht an ein Attentat, sondern an einen gemeinsamen Suizid: „Ich dachte, die wären vom Dach gesprungen. Ich war total geschockt, weil ich noch nie zuvor tote Menschen gesehen hatte.“ Erst als ein Kollege auf die großen Betonlöwen zeigt, die normalerweise als Absperrung auf der Straße stehen und jetzt verschoben sind, ahnt sie, dass ein Fahrzeug durch die Fußgängerstraße gefahren sein muss.

In dem Moment, so erinnert sie sich, seien die Menschen auf der Straße wieder zur Seite gesprungen und hätten panisch geschrien. „Warum, weiß ich nicht“, sagt sie. Kurz darauf war die Polizei im Büro ihrer Consulting-Firma: „Sie sagten, dass wir das Büro nicht verlassen dürfen und dass die Eingänge als Erste-Hilfe-Stationen genutzt werden.“ Um kurz nach fünf Uhr kam dann die Aufforderung, dass alle, die nach Hause wollten, sich im Flur sammeln sollten. Nadine Kugel kam als letzte unten an. „In dem Moment, in dem ich vor die Tür trete und die Polizistin frage, in welche Richtung wir gehen sollen, blicke ich nach unten – und sehe meine Schuhspitzen in einem großen Blutfleck stehen. Es war unwirklich.“

Nadine Kugel arbeitet in Stockholm.

Nadine Kugel arbeitet in Stockholm.

Foto: Kugel
 

Kugel und ihre Kollegen werden von der Polizei durch diverse Absperrungen geführt, dann geht sie mit einer Kollegin durch kleine Seitenstraßen nach Hause. Keine U-Bahn, kein Bus fährt. Auf dem Heimweg habe sie realisiert, dass die Bilder, die sie vor ihrem Bürofenster gesehen hat, heute Abend um die Welt gehen. Auch das Bild des Blutflecks. „Und dann habe ich an Donald Trump gedacht, der wieder twittern wird. Und an den armen Menschen, der diesen Blutfleck wegmachen muss.“ Wie geht es in der kommenden Woche weiter? „Mal sehen. Wir wissen bis jetzt nicht einmal, ob einer unserer Kollegen unter den Opfern ist.“ Wird sie sich anders verhalten? „Ich gehe mehrmals in der Woche den Weg, den der vermeintliche Attentäter mit seinem Lkw gefahren ist. Das werde ich erstmal nicht mehr machen.“

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erstellt am 07.Apr.2017 | 20:00 Uhr

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