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Bayern, NRW, Frankreich : Aufräumarbeiten nach dem Unwetter: „Wie im Krieg sieht das aus“

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Nach dem verheerenden Unwetter sind die Menschen in Süddeutschland und NRW fassungslos. Auch in Paris gibt es Überschwemmungen.

shz.de von
erstellt am 02.Jun.2016 | 23:41 Uhr

Simbach/Düsseldorf | Nach dem verheerenden Hochwasser in Niederbayern mit mindestens fünf Toten hat die Polizei die Opfer identifiziert. Drei Frauen einer Familie aus Simbach seien ums Leben gekommen. Die Opfer seien 28, 56 und 78 Jahre alt, teilte die Polizei am Donnerstag in Straubing mit. Im Nachbarort Julbach starb eine 80-Jährige. Ihre Leiche hing über einem Baumstamm in einem Bach. Am Donnerstagmittag wurde nach Polizeiangaben in Simbach die Leiche eines 75-jährigen Mannes geborgen. Mehrere Menschen werden noch vermisst.

Bis in die nächste Woche seien in Deutschland Schauer und Gewitter zu erwarten, sagte Meteorologe Simon Trippler vom Deutschen Wetterdienst (DWD). „Tief ,Friederike' wird uns auch in den nächsten Tagen beschäftigen.“ Es werde zwar schwächer, bewege sich aber nur wenig und bringe weiter feuchtwarme Luft, die zu Schauern und Gewittern neige. „In der Atmosphäre ist kaum Bewegung“, sagte Trippler. Das Unwetterpotenzial vor allem für Starkregen bleibe erhöht, weil entstehende Gewitterzellen ohne Antrieb nur langsam ziehen.

 

Wie ist die Lage in Deutschland? Eine Übersicht.

Im Hochwassergebiet von Niederbayern wird es Tage dauern, ehe die Wasser- und Stromversorgung wieder hergestellt ist. „Wir sind dabei, die Lücken zu schließen und stellen Wasseraufbereitungsanlagen auf“, sagte Johann Prex von der Feuerwehr Rottal-Inn am Donnerstag in Pfarrkirchen. Zudem müssten die vom Heizöl verschmutzten Keller geräumt werden. Vorrangig ist nach Angaben von Prex die Suche nach den Vermissten und die Sicherung der Gebäude, die einsturzgefährdet sind. Bei den mehr als 2000 Einsatzkräften habe es keine Verletzten gegeben.

In Simbach am Inn sind das Dröhnen der Rettungshubschrauber und das Heulen der Sirenen verstummt, stattdessen brummen Wasserpumpen. Die Helfer räumen fort, was die Flut durch die Innenstadt von Simbach am Inn gespült hat: Bäume, Steine, Autos, Hausrat, Schutt und jede Menge Schlamm. Noch in der Nacht waren erschöpfte Feuerwehrleute und Polizisten durch den Ort gelaufen; ihre Taschen- und Stirnlampen warfen kurze Streiflichter auf das Bild der Verwüstung links und rechts von ihnen: Zerborstene Schaufenster, völlig zerstörte Geschäftsräume.

Die Menschen in dem einst beschaulichen Ort Simbach am Inn sind fassungslos. „Krieg“, sagt einer. „Wie im Krieg sieht das aus.“ Autos liegen auf ihren Dächern, Straßenlaternen sind umgeknickt wie Strohhalme, Läden und Wohnhäuser sind nur noch Trümmer.

Schon am Mittwochabend war klar: Das Wasser hat nicht nur Existenzen zerstört, sondern auch Menschenleben mitgerissen. In einem Erdgeschoss wurden drei tote Frauen - Tochter, Mutter und Oma - gefunden. Kurz darauf wurde eine Frau tot in einem Bach bei Julbach entdeckt. Rettungskräfte bargen am Donnerstag einen 75 Jahre alten Mann, den Angehörige als vermisst gemeldet hatten.

„Was in fünf Jahren aufgebaut ist, ist in fünf Minuten weg“, sagt Muhammed Fidanci. Dem 25-Jährigen gehört ein Kebab-Stand. „Ich bin nur rausgerannt, als das Wasser kam“, berichtet er. Innerhalb von zehn Minuten stand das Wasser zwei Meter hoch, und es hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Fidanci muss alle Geräte wegschmeißen - fünf Kühlschränke, eine Kebab-Maschine, den Pizzaofen.

Pizza wird es auch gegenüber, im Restaurant „O Sole Mio“, bis auf Weiteres nicht geben. Die Scheiben sind zerborsten, die Bänke und Tische umgefallen, Weinflaschen stecken im Schlamm fest. „Das Wasser stand zweieinhalb Meter hoch“, sagt Restaurantbesitzer Carmelo Giandinoto. 30 Jahre habe er den Laden schon. „Scheiße ist das. Da muss ich wieder von vorne anfangen.“ Ein paar Meter weiter sollte in wenigen Tagen die neue Turnhalle der Realschule eröffnet werden. In den Geruch von frischem Holz mischt sich der nach Schlamm und Öl, der den ganzen Ort überzieht wie ein schmieriger Film. Die Heizöltanks der Häuser sind ausgelaufen.

In Teilen der Stadt wurde das Wasser abgestellt, auch Strom gibt es nicht überall. Unter einer Unterführung liegt ein Glas Marmelade im Schlamm. Es ist halbvoll.

 

Die Menschen in Triftern können es immer noch nicht fassen: Das Hochwasser, das am Mittwoch durch den Ort im Landkreis Rottal-Inn gerauscht ist, hat Dutzende Häuser verwüstet, Autos zerstört, Existenzen fortgespült. Einen Tag nach der Katastrophe packen die Anwohner an. Mit Schaufeln, Eimern und Schubkarren beseitigen sie den Schlamm, den das Wasser zurückgelassen hat. Die Feuerwehr pumpt Keller aus, ein Reinigungsfahrzeug fährt durch die Straßen. In all dem Chaos ist aber Aufbruchstimmung zu spüren. 

Aus den Häusern entlang des Altbaches schleppen die Anwohner Sofas, Regale, Sessel, Stühle. Alles kaputt. Binnen Minuten war der Bach zu einem reißenden Strom angeschwollen. In den Häusern reichte das Wasser beinahe bis in die ersten Etagen.  Im Schlamm auf den Straßen stecken Schuhe, Milchtüten, Blechdosen, Spielkarten, Plastikflaschen und eine Kinderrutsche. Beißender Ölgeruch liegt über dem Dorf und vermischt sich mit dem modrigen Geruch nassen Holzes. Die Sonne kämpft sich durch die Wolkendecke. Die Luft ist dampfig-feucht.

Hildegard Hitzlinger stehen die Tränen in den Augen. Mit Gummilatschen an den Füßen steht sie buchstäblich vor den Trümmern ihrer Existenz. Gemeinsam mit ihrem Mann wirft sie ihr Hab und Gut vor die Tür. Kleidung, Nähmaschinen, Möbel. Freunde packen mit an und schleppen eimerweise Schlamm nach draußen. „Das Wasser zerstört alles“, sagt sie. „Es zerstört ein Leben.“ „Es ist unvorstellbar“, sagt Erwin Wimmer und blickt auf die verwüstete Straße entlang des Bachlaufes. Der 72 Jahre alte Feuerwehrmann hat bis Mitternacht bei den Arbeiten geholfen. „Da sind Autos rumgeschwommen. Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann man es nicht glauben.“ Zum Glück sei niemand verletzt worden. Jetzt packt jeder mit an: „Alle helfen zam.“

Der Keller in dem Einfamilienhaus in Braunsbach ist noch voller Schlamm, die Wände sind braun, der Boden ist noch feucht, es riecht modrig. Der Sachverständige Alexander Timper-Jansen und der Schadensregulierer Harald Dittes tragen Gummistiefel und Schutzhelme. Seit zwei Stunden sind sie in dem verwüsteten Ort Braunsbach unterwegs - es ist bereits ihr sechster Kunde heute.

Während die Bewohner immer noch Schlamm und Schutt aus ihren Häusern schippen, ziehen die Schadensregulierer mit unabhängigen Sachverständigen von Haus zu Haus in dem kleinen Ort im Kreis Schwäbisch Hall in Baden-Württemberg. Eine Schutt- und Gerölllawine hat Braunsbach in der Nacht zum Montag in ein Schlachtfeld verwandelt.

Timper-Jansen steht in einem Keller. Das Haus wurde erst 2010 saniert. Nun hat der Schlamm den Flur, den Heizungsraum und mehrere Räume im Erdgeschoss zerstört. „Die Garage ist so schlimm, da komm ich noch gar nicht rein“, sagt Kochendörfer.

Timper-Jansen blickt auf eine alte Heizung und runzelt die Stirn. „Die Kontakte sind hinüber, die Dämmung kaputt“, sagt er. „5000 Euro.“ Dann wirft er einen raschen Blick in den angrenzenden Flur. „Reinigungsarbeiten - 2000 Euro.“ An die Wand. „Malerarbeiten 2000 Euro.“ Er schreibt in seine grüne Mappe und blickt zu Kochendörfer.„Und noch 2000 für die Türen?“ Viele Häuser im Ort sind aber auch einsturzgefährdet.

Bei den Besuchen in Braunsbach geht es aber nicht nur ums Geld: „Es geht uns darum, den Leuten ein Gesicht zu geben“, sagt Hartmut Schuster, Abteilungsleiter bei der Sparkassenversicherung. Manche Kunden seien sehr bescheiden, unterschätzten die Kosten. Insbesondere im ländlichen Bereich wollten die Leute zudem viel selbst reparieren.

Auch die Feuerwehr in Düsseldorf kämpfte gegen die Folgen eines heftigen Unwetters. Bis in die Nacht zum Donnerstag habe es rund 420 Einsätze gegeben, teilte die Feuerwehr mit. Etwa 240 Mann rückten in der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens aus, um unter Wasser stehende Keller und geflutete Tunnel leer zu pumpen. Sorgen bereitete den Rettern das Flüsschen Anger, in dem das Wasser stetig stieg. Für den Notfall lagen 2000 Sandsäcke bereit.

Im Kreis Wesel (Nordrhein-Westfalen) ist der Katastrophenfall ausgerufen worden. Die Issel erreichte in der Nacht zum Donnerstag in Hamminkeln einen Pegelstand von zwei Metern, das sei 1,5 Meter höher als normal, sagte ein Sprecher des Krisenstabs. Bei einem Bruch des Dammes sei ein Gewerbegebiet betroffen. Derzeit versuchen Helfer, mit Sandsäcken den Damm zu stabilisieren. Die starken Regenfälle hatten bereits in den vergangenen Tagen zum starken Anstieg des Flusses und zu zahlreichen Überschwemmungen geführt. Polizei und Feuerwehr rückten zu etwa 400 bis 500 Einsätzen am Tag aus.

Auch in Rheinland-Pfalz mussten nach heftigem Regen Keller ausgepumpt werden. In Altenahr (Kreis Ahrweiler) rettete die Polizei zahlreiche Camper mit dem Hubschrauber - teils von den Dächern ihrer Wohnwagen - nachdem die Ahr über die Ufer getreten und die Zeltplätze geflutet hatte. In Müsch holten Feuerwehrleute zwei Männer vom Dach ihres Lastwagens, der im tiefen Wasser auf einer Straße nicht weiterkam.

Überschwemmungen auch in Frankreich - Kunst wird verlegt

Die Kunstwerke im weltberühmten Pariser Louvre müssen vor dem Hochwasser der Seine in Sicherheit gebracht werden. Dafür bleibt das Museum am Freitag geschlossen, wie die Direktion am Donnerstag ankündigte. Zudem sei ein Krisenstab eingerichtet worden. Betroffen sind den Angaben zufolge Werke in der Hochwasserzone des direkt an der Seine gelegenen Palastes. Die Arbeiten sollen in höher gelegene Stockwerke der ehemaligen Residenz französischer Könige gebracht werden.

Auf der gegenüberliegenden Uferseite kündigte das Museum d'Orsay für Donnerstag eine vorzeitige Schließung an. Das nach anhaltenden Regenfällen weiter steigende Seine-Hochwasser hat zudem in Paris den Betrieb der Regionalbahnlinie RER C streckenweise lahmgelegt. Ein Abschnitt im Zentrum der französischen Hauptstadt parallel zum Flussverlauf wurde aus Sicherheitsgründen gesperrt, wie der Betreiber SNCF mitteilte. Zuvor waren bereits einzelne Stationen geschlossen worden. Auch niedrig gelegene Uferstraßen wurden teilweise gesperrt.

Die Spitze des Hochwassers wurde für Freitag erwartet mit einem Pegelstand von 5,75 Metern erwartet. Eine Woche zuvor waren es noch 1,20 Meter. Beim verheerenden Überschwemmungen von 1910 hatte der Wasserstand die Marke von 8,60 Meter erreicht.

In Baden-Württemberg und Franken hatte das Tief „Elvira“ schon am Sonntagabend schwere Verwüstungen angerichtet. Vier Menschen waren bereits bei diesem Unwetter im Südwesten ums Leben gekommen.

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