Staus, Zusammenbrüche, Senderausfälle : Auf Rekordhitze in Deutschland folgen Unwetter – auch Tornados möglich

Knackt Deutschland am Samstag den Hitzerekord? Der Deutsche Wetterdienst warnt vor schweren Unwettern.

shz.de von
04. Juli 2015, 15:06 Uhr

Offenbach | Mit der Hitze steigt die Gefahr schwerer Unwetter: Vor allem dem Westen und Nordwesten Deutschlands drohen Gewitter mit Hagel, schweren Sturmböen und starken Regenfällen. Die Unwetter zogen bereits am Samstag von Frankreich und den Benelux-Staaten heran. Sogar Orkanböen und Tornados sind möglich, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach vorhersagte. Gleichzeitig ist weiter Schwitzen angesagt: Temperaturen von stellenweise 40 Grad und womöglich sogar darüber hatte der Wetterdienst vorhergesagt.

Bis zum frühen Samstagnachmittag wurde bereits die 38-Grad-Grenze geknackt, etwa in Bad Dürkheim in Rheinland-Pfalz, berichtete DWD-Meteorologe Christoph Hartmann. Die bisher höchste in Deutschland gemessene Temperatur betrug 40,2 Grad. Die Meteorologen hielten einen neuen Rekord am Samstag für möglich. Am Abend wollte der Wetterdienst den Tages-Höchstwert bekanntgeben.

Am Sonntag weitet sich das Risikogebiet für schwere Unwetter in Richtung Süden und Osten aus, wie Hartmann weiter berichtete. Trocken bleibt es demnach bis zum Abend wohl nur in Südostbayern sowie vom Zittauer Gebirge bis in die Lausitz. Die Temperaturen gehen im Norden und Nordwesten auf unter 30 Grad zurück, ansonsten wird es noch einmal bis 38 Grad heiß.

Am Montag erwartet der Wetterdienst im Norden und Westen kühlere 21 bis 27 Grad. Ansonsten wird es zwischen 27 und 33 Grad heiß, am Ober- und Hochrhein sind erneut 35 Grad möglich. Am Nachmittag drohen dann der Südhälfte starke, teils unwetterartige Gewitter. Am Dienstag muss sich wieder der Westen auf Blitz und Donner einstellen, die Temperaturen schwanken zwischen 24 und 36 Grad.

Schwitzen im Auto statt Abkühlung im Meer: Die Sperrung der A7 im Norden Hamburg und die Reisekarawane an die Strände verursachten lange Staus auf Autobahnen und Landstraßen. Allein auf der A1 von Hamburg in Richtung Ostsee staute sich der Verkehr nach Angaben der Polizei zwischen Ahrensburg und Lübeck auf rund 30 Kilometern. „Auf einmal wollen sie alle - das ist der normale Wahnsinn bei diesen Hochsommertemperaturen“, sagte ein Sprecher des Lagedienstes in Kiel.

Wegen Verdachts auf Hitzekollaps wurden am Samstag mindestens sechs Teilnehmer des Deutschen Chorfestivals in Trier ins Krankenhaus gebracht. Die jungen Leute seien etwa bei einer Probe im Trierer Dom zusammengeklappt, sagte ein Feuerwehrsprecher. Zuvor hatte der „Trierische Volksfreund“ (Online) über die Hitzeopfer berichtet. In Schwagstorf bei Osnabrück kollabierten 25 Erntehelfer auf einem Erdbeerfeld.

In Berlin musste am Samstag die Kuppel und die Dachterrasse des Reichstagsgebäudes gesperrt werden. Mehrere Menschen hätten dort Kreislaufprobleme bekommen, sagte ein Bundestagssprecher. Die „Bild“-Zeitung hatte zuerst darüber berichtet.

Die Polizei bekam am Samstag mehrere Notrufe, weil Eltern ihre Kinder während des Einkaufs in geparkten Autos zurückgelassen hatten. Auch Hunde mussten aus Fahrzeugen befreit werden. „Das ist unfassbar, so geht das einfach nicht“, sagte ein Beamter in Thüringen. Die Fahrzeughalter seien mit Megafonen ausgerufen worden.

Zu einem gefährlichen Zwischenfall kam es in Rheinland-Pfalz: Eine Mutter hatte aus Versehen ihr vier Monate altes Baby im Auto eingeschlossen. Der Zündschlüssel befand sich im Fahrzeug. Wegen der großen Hitze riet der ADAC den besorgten Eltern, sofort zu handeln und nicht auf die Pannenhilfe zu warten, wie die Polizei in Bad Kreuznach mitteilte. Der Vater des Kindes schlug daher mit einem Hammer ein Fenster ein. Das Baby blieb unverletzt.

Ein Hitze-Brand löste einen stundenlangen Komplettausfall der Sendungen des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte aus. Die Panne in einem elektrischen Schaltraum habe über fünf Stunden ab sieben Uhr morgens gedauert, sagte die Sprecherin des Senders Claude Savin am Samstag in Straßburg. Der Sendebetrieb konnte um 12.30 Uhr wieder aufgenommen werden. „Die Panne war so schwer, weil auch das Notstromaggregat betroffen war“, sagte Savin.

Riskant ist inzwischen die Lage in vielen Wäldern. So richteten sich die Forstämter in Thüringen auf die Sperrung von Waldgebieten für Wanderer und Ausflügler ein. Die Waldbrandgefahr könnte auf die höchste Warnstufe 5 steigen, teilte der Thüringenforst mit.

Die hohen Temperaturen ließen zudem vielerorts die Ozonbelastung steigen, auch in Hessen. An rund einem Drittel der Messstellen sei am Freitag die Alarmschwelle von 240 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft überschritten worden, teilte das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie am Samstag mit. Schon bei über 180 Mikrogramm sollten Aktivitäten im Freien vermieden oder stark reduziert werden. Erhöhte Ozonkonzentrationen können die Atemwege reizen.

Nicht nur in Deutschland leiden die Menschen unter der Hitze. In Italien gab das Gesundheitsministerium für das Wochenende eine Hitzewarnung für mehrere Städte heraus, darunter Florenz, Bozen, Mailand und Rom. Die Temperaturen sollten bis auf 38 Grad klettern. Die Menschen suchten in Scharen Abkühlung in öffentlichen Brunnen.

Über solche Werte können viele Iraker nur lächeln - am Freitag kletterte das Thermometer in Bagdad auf 46 Grad. Wegen des Fastenmonats Ramadan ist das für die Muslime derzeit besonders hart, da sie zwischen Auf- und Untergang der Sonne weder essen noch trinken dürfen. Um Abkühlung in diesen heißen Wochen zu schaffen, haben viele Geschäftsinhaber zu einer besonderen Maßnahme gegriffen: Sie haben vor ihren Läden öffentliche Duschen aufgestellt.

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