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Simulation des Ernstfall-Szenarios : Asteroid 2012 TC4 verfehlt die Erde um nur 44.000 Kilometer

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Für die Wissenschaft bietet der Asteroid die Möglichkeit zum Durchspielen der verschiedenen Schutzmechanismen.

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2017 | 17:39 Uhr

Darmstadt | Er ist so groß wie ein Haus und wird die Erde am kommenden Donnerstagmorgen (12. Oktober) nur knapp verfehlen – wobei „knapp“ rund 44.000 Kilometer bedeutet. Zum Vergleich: Der Abstand Erde-Mond beträgt rund 400.000 Kilometer. Würde der Asteroid 2012 TC4 die Erde treffen, hätte das beträchtliche Folgen – so wie 2013 rund um die russische Millionenstadt Tscheljabinsk. Ein Asteroid ähnlicher Größe löste damals schwere Stoßwellen aus, etwa 1500 Menschen wurden verletzt, rund 7000 Gebäude beschädigt. Weil der nächste Einschlag nur eine Frage der Zeit ist, wollen Forscher aus dem Vorbeiflug von 2012 TC4 wichtige Erkenntnisse für die Zukunft ziehen.

Nur ein pixeliger Punkt und trotzdem gefährlich: Asteroid 2012 TC4.
Ein Pixelhaufen mit Gefahrenpotenzial. Foto: ESO/ESA/NEOCC/O. Hainaut (ESO), M. Micheli (ESA), D. Koschny (ESA), CC BY-SA 3.0 IGO
 

Der Asteroid, dessen Durchmesser die US-Raumfahrtbehörde Nasa auf zwölf bis 27 Meter schätzt, biete „eine exzellente Gelegenheit, die internationalen Fähigkeiten zur Erkennung und Verfolgung erdnaher Objekte zu testen und unsere Fähigkeiten zu überprüfen, wie wir gemeinsam auf eine reale Bedrohung reagieren können“, schreibt die Europäische Raumfahrtagentur Esa.

Hintergrund: Asteroid 2012 TC4

Der Asteroid 2012 TC4 wurde im Jahr 2012 erstmals von einem Observatorium auf Hawaii gesichtet. Er hat einen Durchmesser von zehn bis zwölf Metern und ist so lichtschwach, dass er danach fünf Jahre nicht zu sehen war. Erst im August dieses Jahres wurde er über ein Teleskop in Chile wiederentdeckt, das von einer Kooperation der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) und der Europäischen Südsternwarte (ESO) betrieben wird.

Seit dem Wiederauftauchen konnten die Wissenschaftler die Bahn von 2012 TC4 relativ genau berechnen. Er flog am 12. Oktober in einer Entfernung von 44.000 Kilometern an der Erde vorbei. Damit verfehlte der kosmische Brocken laut ESA geostationäre Satelliten nur um 8000 Kilometer.

 

Rüdiger Jehn leitet die Abteilung beim Europäischen Raumflugkontrollzentrum Esoc in Darmstadt, die sich mit der Erforschung „Erdnaher Objekte“ (englische Abkürzung: NEOs) befasst. „Ein Fall wie in Tscheljabinsk kommt alle 40 bis 50 Jahre vor“, sagt er. Ein Ereignis wie vor 108 Jahren, als ein 40 Meter großer Brocken aus dem All in Sibirien rund 2000 Quadratkilometer Wald vernichtete, gebe es nur alle 300 Jahre.

„Im Notfall wäre ein nuklearer Einschlag denkbar“

„Je größer der Asteroid, desto kleiner die Wahrscheinlichkeit. Der Einschlag, der zum Aussterben der Dinosaurier geführt hat, ist 65 Millionen Jahre her.“ Nähert sich ein großer und potenziell gefährlicher Himmelskörper der Erde, hat man nach Einschätzung von Experten mit den aktuellen Kontrollmöglichkeiten in der Regel mehrere Jahre bis Jahrzehnte Vorlaufzeit, um Schutzmaßnahmen zu treffen. Eine entsprechende Liste der ESA zeigt das Gefahrenpotential einiger Asteroiden, die sich der Erde nähern.

„Die naheliegende Option wäre ein kinetischer Impakt“, sagt Jehn. Das heißt, dass man den Asteroiden mit einem anderen Objekt kollidieren lässt, um ihn von seiner Bahn abzulenken. Er selbst verfolgt als Forschungsansatz einen sogenannten Gravity Tractor, wobei ein Raumschiff neben dem Asteroiden herfliegt und ihn über die gegenseitig ausgeübte Anziehungskraft von seinem Kurs abbringt. „Im Notfall wäre auch ein nuklearer Einschlag denkbar. Aber das müssen wir wohl den Amerikanern überlassen. In Europa gibt es keine Bereitschaft, das zu testen.“

Aber auch von kleineren Asteroiden droht Gefahr, wie in Tscheljabinsk zu sehen war. Der frühere Apollo-Astronaut Rusty Schweickart hat sich auch den Kampf gegen solche Objekte zur Aufgabe gemacht. „Überall, wo wir Leben retten oder die Zerstörung von Dingen verhindern können, sollten wir das tun“, sagte der 81-Jährige in einem „Spiegel“-Interview.

Politische Vorbereitung wichtig

Jehn strebt ein Frühwarnsystem an, mit dem man die jeweils gefährdeten Menschen etwa eine Woche vorher warnen kann. „Wenn wir der Bevölkerung sagen können ,Bleibt dann in euren Kellern!‘, ist das wie eine Tornado-Warnung. Man kann das sehr genau vorhersagen und einen großen Schaden vermeiden. Das wäre ein großer Fortschritt.“ Schweickart verweist darauf, dass es nicht nur um Frühwarnsysteme sowie Abwehr- und Evakuierungstechniken gehe, sondern auch um die politische Vorbereitung. „Im Fall der Fälle muss klar sein, wer was entscheidet, wer welche Raketen startet, wer welche Beträge von seinen Steuerzahlern bezahlen lässt. Das ist eine planetare Entscheidung. Wir müssen das alle zusammen machen“, betont er.

Im Moment sind die Budgets eher bescheiden. Bei der ESA stehen laut Jehn in den kommenden vier Jahren 26 Millionen Euro für die Asteroidenentdeckung und -abwehr zur Verfügung. Dabei konzentriere man sich vor allem auf die Entdeckung. Die Programme bei den Vereinten Nationen liefen „momentan auf Sparflamme“. Allerdings erwartet Jehn, dass sich das im Falle einer konkreten Bedrohung ändert: „Wenn so ein Teil 20 Jahre vorher entdeckt würde, würde sicher plötzlich genügend Geld zur Verfügung stehen.“

Kinofilme sorgten für Aufmerksamkeit

Filme über Asteroiden-Bedrohungen wie „Armageddon“ oder „Deep Impact“ kann Jehn sogar etwas Positives abgewinnen – auch wenn sie meist völlig übertrieben seien. „Die Filme wecken das Bewusstsein und haben uns bei der Finanzierung unheimlich geholfen. Nach solchen Filmen ist jedes Mal unser Budget hochgesetzt worden. Da sind wir jedes Mal dankbar, wenn so ein Film gedreht wird.“

Momentan geht es darum, den Himmel flächendeckend nach heranfliegenden Objekten abzusuchen und Lücken bei der Beobachtung zu schließen. Deswegen will die Esa 2019 ein sogenanntes Fly-Eye-Teleskop in Betrieb nehmen. Doch auch dann wird es keine absolute Sicherheit geben. Denn 15 bis 20 Prozent der NEOs kommen laut Jehn von der Sonnenseite und sind für Teleskope unsichtbar.

Zudem gebe es „ein unheimlich kleines Restrisiko, dass ein Komet von weit draußen ankommt und dass wir ihn erst zwei Jahre vorher sehen“, sagt Jehn. „Der Normalfall ist aber, dass wir davon ausgehen, dass wir das Objekt rechtzeitig sehen und genügend Zeit haben, um die entsprechenden Maßnahmen umzusetzen und die Finanzierung zu sichern.“

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