Richard von Weizsäcker "Versöhnung ist die wichtigste Aufgabe von uns Deutschen"

Von Ulrich Krökel | 30.12.2009, 10:42 Uhr

Resümee und Ausblick: Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker spricht im Interview über die wahren Helden von 1989.

Ein Jahr lang hat sich unsere Zeitung ausführlich dem Epochenjahr 1989 gewidmet - Grund genug, eine Bilanz zu ziehen. Zum Abschluss unserer Serie über die Zeitenwende sprach Politikredakteur Ulrich Krökel mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (89), der den Mauerfall und die Wiedervereinigung im Amt erlebte.
 Herr Bundespräsident, das Jahr 1989 gilt als "annus mirabilis", als wundervolles Jahr. Welches war das größte Wunder für Sie?
Richard von Weizsäcker: Dass die ostdeutsche Zivilgesellschaft im Laufe des Jahres eine solche Kraft entfaltete, um das politische Zwangssystem der DDR voller Entschlossenheit, vor allem aber friedlich zum Einsturz zu bringen. Im Grunde hat sich der Fall der Mauer schon am 9. Oktober vollzogen und nicht erst am 9. November.
Sie spielen auf die Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober mit 70.000 Teilnehmern an, die trotz gegenteiliger Drohungen des Regimes letztlich friedlich blieb.
Ja, damals offenbarte sich mit ganzer Klarheit, dass dieses Regime nicht mehr in der Lage war, Proteste zu verhindern. Proteste, die es zuvor ausdrücklich verboten hatte! Man muss sich das noch einmal vergegenwärtigen: Die Staatsführung hatte bewusst publik gemacht, dass bewaffnete Kräfte bereit standen, um gewaltsam einzuschreiten. In den Krankenhäusern wurde Vorsorge getroffen, um hunderte Verletzte behandeln zu können. Und dann diese bürgerliche Tapferkeit! Der Mut der Menschen, die trotz aller Einschüchterungsversuche in Massen auf die Straßen strömten, hat den SED-Staat zu einem Offenbarungseid gezwungen. Der gewaltlos errungene Sieg der Freiheit - das war das eigentliche Wunder des Jahres 1989. Nebenbei bemerkt: Das gilt auch für die friedlichen Revolutionen in Osteuropa, in Polen, Ungarn, der CSSR . . .
Manche sprechen mit Blick auf 1989 vom Geschenk der Freiheit. Eine zutreffende Bezeichnung?
Ja und nein. Ich halte den Begriff Geschenk für ebenso schön wie unzureichend. Denn ohne den Mut und die Standfestigkeit der Menschen hätten wir die Freiheit nicht geschenkt bekommen.
Ist demnach auch der Terminus "Revolution" zutreffender als die Begriffe "Zusammenbruch" oder "Systemkollaps"?
Ja, es waren friedliche Revolutionen. Denn die Menschen waren es, die das Entscheidende zum Sieg der Freiheit beigetragen haben. Es war ihre Tapferkeit, die gesiegt hat. Das Ende des Kalten Krieges im Sinne einer Epochenwende ist aber selbstverständlich in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

In welchem?
Wir haben den Kalten Krieg Schritt für Schritt überwunden. Denken Sie an die Ostpolitik Willy Brandts und an die Konferenz von Helsinki 1975. In der berühmten KSZE-Schlussakte haben Ost und West sich vertraglich auf die Menschenrechte und zu friedlicher Koexistenz verpflichtet. Dann kam ein Rückschlag mit der Nachrüstung Ende der 70er Jahre, mit Moskaus SS 20-Raketen und den westlichen Pershing II. Doch es stellte sich heraus, dass die ständige Konzentration auf das Militärische die Sowjetunion wirtschaftlich überforderte. Vor diesem Hintergrund leitete Michail Gorbatschow Mitte der 80er Jahre die Perestroika ein, die Umgestaltung in der UdSSR. Gorbatschow war es übrigens auch, der US-Präsident Ronald Reagan zu ersten nennenswerten Abrüstungsschritten bewog.
Der US-Historiker Francis Fukuyama hat Anfang der 90er Jahre mit Blick auf die Zeitenwende des Jahres 1989 vom Ende der Geschichte gesprochen.
Natürlich kommt Geschichte nie an ein Ende, und das weiß auch Fukuyama, der im Übrigen ein kluger und höchst interessanter Mann ist. Heute stehen wir vor völlig anderen Herausforderungen, vor Fragen, die sich Fukuyama 1992 nicht stellten: Denken Sie an die Atomkonflikte mit dem Iran und Nordkorea, an den internationalen Terrorismus und vor allem an die Gefahr, dass waffenfähiges Nuklearmaterial in die Hände von Terroristen geraten könnte. Im Zusammenhang damit stellt sich heute viel brisanter als zu Zeiten des Kalten Krieges die Frage: Wie vertragen sich die verschiedenen Religionen in der Welt miteinander? Dabei gilt es zu beachten, dass der weit überwiegende Teil der Religionsanhänger, selbstverständlich auch der Muslime, völlig friedliebend ist.

Anti-Terror-Kampf statt Kalter Krieg?
Eine solche Formel ist zu einfach. Aber die Frage, ob es zu einem Zusammenprall der Kulturen kommt, wie ihn der US-Politologe Samuel Huntington 1996 an die Wand gemalt hat, ist noch nicht abschließend beantwortet. Dabei spielt auch die demografische Entwicklung eine große Rolle: In Europa und Russland gibt es immer weniger und immer ältere Menschen. Ganz anders stellt sich die Situation in Afrika und Asien dar, vor allem in Indien und China. Hinzu kommen Hunger, Migration und nicht zuletzt der Klimawandel - das sind die Themen, die sich heute stellen. Die Welt bietet zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein gänzlich anderes Bild als ausgangs des 20. Jahrhunderts, als Fukuyama die Geschichte enden lassen wollte. Er wusste es ja selbst besser und führt den Diskurs heute anders.

Zugespitzt lautete Fukuyamas These, dass sich Demokratie und Marktwirtschaft als letztgültiges sozio-ökonomisches System durchgesetzt haben . . .
Die Demokratie hat viele Stärken. Inwieweit sie aber im Zusammenspiel mit dem Kapitalismus mit den Problemen der globalisierten Welt fertig werden kann, ist - vorsichtig formuliert - offen. Wie soll, wie kann denn der Kapitalismus reagieren, wenn das Grönlandeis abschmilzt und der Golfstrom klimatisch umkippt? Im Kapitalismus steckt der Geist der Freiheit, den der Mensch, wenn er begabt ist, nutzen kann, um Güter zu produzieren. Dabei ist der Markt eine unentbehrliche Hilfe. Aber er ist kein Schutz davor, dass die Not in der Welt zunimmt.

Sind die Menschen nach 1989 verantwortungsvoll mit der Freiheit umgegangen?
Ja, im Großen und Ganzen schon. Aber man muss zwischen Ost und West unterscheiden, im deutschen wie im europäischen Maßstab. Für die Menschen im Westen änderte sich ja fast nichts. Selbst die notwendige Lektion, teilen zu lernen, blieb doch im Wesentlichen auf die Staatsfinanzen beschränkt. Im Osten aber begannen gewaltige Anstrengungen.

Die bis heute andauern.
Ja. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Kürzlich war ich in Vorpommern unterwegs, in der Uckermark. In einem kleinen Ort habe ich dort mit dem Bürgermeister gesprochen. Der war 37 Jahre alt und der Jüngste im ganzen Dorf! Alle Jüngeren waren abgewandert - wenn nicht in den Westen, dann in die Metropolen Ostdeutschlands. Wie soll ein Dorf unter solchen Bedingungen überleben? All das wird uns noch lange beschäftigen. Deswegen gilt es auch immer, die Westdeutschen dafür zu interessieren, wie es im Osten aussieht und wie es dort vorangehen kann.

Wie kann man das schaffen? Indem man sich gemeinsam an den Sieg der Freiheit im Jahr 1989 erinnert?
Das gehört sicher dazu, wird aber allein nicht ausreichen. Leben sollten wir im Heute und für die Zukunft.
Ihre Generation hat aus dem Zweiten Weltkrieg die Lehren gezogen: Nie wieder Krieg, nie wieder Diktatur. Vergleichbare Schlagwörter gibt es mit Blick auf das Jahr der Wunder 1989 nicht. Welche Lehren sollten wir aus der Zeitenwende ziehen?
1989 war das Ergebnis gewachsener Einsicht in die Sinnlosigkeit der Blockkonfrontation und, im Osten, in die Unzulänglichkeiten des eigenen Systems. Die Länder des Warschauer Paktes waren totalitäre Staaten. Das SED-Regime in der DDR war grausam. Aber es war in keiner Weise vergleichbar mit der nationalsozialistischen Diktatur, und der Kalte Krieg war eben etwas anderes als der Weltkrieg und der Holocaust. Das darf man niemals miteinander vergleichen! Und schon deshalb hatten die langfristigen Einsichten im Jahr 1945 eine andere Dimension als nach dem Sieg der Freiheit im Jahr 1989.

In der jungen Generation, die den Mauerfall nicht bewusst miterlebt hat, wissen viele sehr wenig über den Kalten Krieg und die friedlichen Revolutionen. Besteht die Gefahr, dass wir den Sieg der Freiheit des Jahres 1989 verspielen, weil wir uns nicht angemessen erinnern?
Das glaube ich nicht. Dass für junge Menschen zunächst einmal der Aufbau ihrer eigenen Welt im Vordergrund steht, ist doch verständlich. Und dass dieser Aufbau im Zeichen einer freiheitlich verfassten Demokratie am ehesten gelingt, das wissen die jungen Leute. Natürlich ist es wichtig, sich dabei der Geschichte zu erinnern. Was 1989 geschah, ist ohne die Teilung Deutschlands und Europas nicht zu verstehen. Und diese Teilung hat in Wahrheit 1933 begonnen, als Hitler an die Macht kam und dann den Weltkrieg vom Zaun gebrochen hat, diesen unsäglichen Angriffskrieg.

Jüngere und Ältere, Ossis und Wessis, Polen, Russen und Deutsche erinnern sich jeweils anders an die Vergangenheit. Glauben Sie, dass wir trotzdem zu einer gemeinsamen Erzählung über das Jahr 1989 kommen können?
Die Unterschiede sind nicht vollständig zu überwinden. Jeder kann nur von sich selbst ausgehen. Ich war deutscher Soldat, als wir am 1. September 1939 in Polen einmarschiert sind - ohne tiefere Kenntnis der polnischen Geschichte, ohne Bewusstsein, was dieser Überfall wirklich bedeutete. Daraus habe ich als Erstes in der Nachkriegszeit, wie viele andere Deutsche auch, die Lehre gezogen, dass man sich mit den Gegnern aussöhnen sollte. Im Falle Frankreichs war das leichter als mit Blick auf Polen, weil Frankreich und Deutschland zum Kern der Europäischen Gemeinschaft werden konnten. Die eigentliche große Aufgabe und Schwierigkeit war es, mit den Kriegsgegnern im Osten zu einer Aussöhnung zu kommen.
Was konnte man denn über den Eisernen Vorhang hinweg überhaupt tun?
Ich bin aus diesem Grund in die Politik gegangen. Ich wollte etwas zur Verständigung mit den Polen beitragen. Unter den Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs haben unendlich viele Menschen gelitten, auch die Deutschen, die diesen Krieg entfesselt haben. Auch meine Familie. Ich habe am zweiten Kriegstag meinen Bruder verloren, der Soldat war wie ich und an der Front ganz nah bei mir kämpfte. Meine Schwester war in Ostpreußen verheiratet und musste fliehen. Um so wichtiger war und ist es, sich auszusöhnen.
Wie kommen wir auf diesem Weg voran?
Das geht Schritt für Schritt, mit Höhen und Tiefen. Sich für Versöhnung mit den Osteuropäern einzusetzen, habe ich in den vergangenen 20 Jahren als wichtigste Aufgabe von uns Deutschen angesehen. Das schließt das Verhältnis zu den Russen übrigens ein. Wir sollten versuchen zusammenzufinden, denn die vor uns stehenden Herausforderungen sind weit größer und wichtiger als die aus der Geschichte abgeleiteten Sorgen und Ängste. Diese Probleme können wir nur gemeinsam lösen.