Kompetenz von Senioren im Straßenverkehr Streitthema: Rentner am Steuer

Von Thomas Schmoll | 19.11.2017, 11:29 Uhr

Immer häufiger verursachen Senioren Unfälle. Das heizt die Debatte um Pflichttests zur Fahreignung an.

Der letzte Fall dieser Art geschah erst diese Woche – am Montagabend wendete ein 82-Jähriger auf der B77 in Rendsburg – und verursachte einen Unfall mit vier Schwerverletzten. Einer von zig Fällen. Traurige Berühmtheit erlangte in diesem Zusammenhang die Waitzstraße, eine Einkaufsmeile im schnieken Hamburger Stadtteil Groß Flottbek: Immer wieder fuhren hier  Autos in Geschäfte – gesteuert von Menschen, die allesamt über 70 Jahre alt waren und die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren, nachdem sie eine falsche Entscheidung getroffen hatten.

Mal traf es einen Optiker oder eine Reinigung, dann wieder eine Blumen- oder eine Weinhandlung. Wie durch ein Wunder kamen Ladenbesitzer, Kunden und Autofahrer stets mit dem Schrecken davon – zum Teil schlicht aus Glück. Als im März 2016 ein Mercedes in das libanesische Restaurant „Hala“ donnerte, hatte das Lokal noch geschlossen. Der PS-starke Wagen war nach vorne geschossen und hatte das großflächige Fenster durchbrochen. Der 83-jährige Lenker, der sein Gefährt ins „Hala“ steuerte, hatte den Rückwärts- mit dem Vorwärtsgang verwechselt. Seine Reaktionszeit war zu schwach, um den unfreiwilligen Besuch des Restaurants zu verhindern.

Die Spitze des Eisbergs. Überall aus Deutschland werden Crashs gemeldet, die auf das Konto von Senioren gehen. Zwar chauffieren viele Hochbetagte ihre Wagen tadellos durch die Gegend. Allerdings fällt auf, dass bei Verkehrsunfällen mit Beteiligung älterer und alter Menschen häufig Senioren Hauptverursacher waren.

Häufigsten Unfallursachen bei den Senioren sind„Vorfahrtsfehler“

Nach Darstellung der Deutschen Verkehrswacht, die sich auf Angaben des Statistischen Bundesamtes beruft, hatten in zwei Drittel (67,1 Prozent) der Fälle Pkw-Lenker über 64 Jahre die Hauptschuld an dem Crash. „Bei den 75-Jährigen und älteren waren es 75,1 Prozent“, berichtet die Organisation auf ihrer Internetseite.

Die häufigsten Unfallursachen bei den Senioren waren „Vorfahrtsfehler“ (17,6 Prozent) sowie Fehler beim „Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, Ein- und Anfahren“ (16,6 Prozent). Andere Gründe, die vor allem bei jüngeren Fahrern ursächlich zu Unfällen führten, wie Abstandsfehler, falsches Verhalten gegenüber Fußgängern oder nicht angepasste Geschwindigkeit, spielten dagegen laut Deutscher Verkehrswacht eine geringere Rolle.

Dieter Müller, Professor an der Polizeihochschule Sachsen und Experte für Straßenverkehrssicherheit, verweist auf einen Fakt, der den Trend belegt. „Senioren sind für genauso viele Unfälle verantwortlich wie die kritische Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen.“ Der Unterschied aber ist nach Worten des Wissenschaftlers, dass die Zahl der jungen Leute als Unfallverursacher in jüngerer Vergangenheit konstant blieb, während die der Betagten wuchs. „Weil die Lebenserwartung steigt und immer mehr alte und sehr alte Menschen in Deutschland leben, muss davon ausgegangen werden, dass die Zahl der Unfälle unter Beteiligung von Senioren zunehmen wird.“

Manchmal fehlt die gesunde Selbsteinschätzung

Im Alter – so will es nun einmal die Natur – lassen körperliche und kognitive Fähigkeiten nach, Gebrechen nehmen zu, das Gehör und die Sehstärke werden schlechter. Müller sagt: „Das sind ganz normale Folgen des Alterns.“ Bei manchem Rentner kommt hinzu, was der Volksmund als Altersstarrsinn bezeichnet.

Mangelnde Einsicht und Akzeptanz, dass der Körper nicht mehr so will und kann wie wenige Jahre zuvor. Es fehlt an gesunder Selbsteinschätzung. „Bei Demenz sind die Patienten kaum zugänglich“, meint Müller. Der Professor rät Angehörigen, Betroffene mehr oder weniger subtil zum Nachdenken zu zwingen. So könnte man die Enkel nicht mehr mitfahren lassen oder selbst verkünden: „Bei dir steige ich nicht mehr ein.“

Oftmals belegen Videos aus Überwachungskameras das Unvermögen hochbetagter Menschen am Steuer. Zum Beispiel die – zum Glück – sehr kurze Geisterfahrt eines 77-Jährigen, der im September mit seinem Volvo in Wendlingen nahe Stuttgart in eine Tankstelle „einbrach“. Sieht man die Aufnahme, will man seinen Augen nicht trauen. Erst rammt der Mann im Rückwärtsgang einen Kleinlaster, dann fährt er gegen die Tür zum Eingang des Tankstellen-Shops, merkt das aber und fährt abermals zurück. Nun könnte er anhalten, die Schäden begutachten und die Polizei rufen. Stattdessen entschließt sich der Rentner zur Weiterfahrt. Er hätte genügend Platz, das Gelände mit einem Linksschwenk zu verlassen, ohne noch mehr Schaden anzurichten. Doch was macht der 77-Jährige? Er fährt mit Karacho geradeaus in den Shop. Den Schaden bezifferte die Polizei auf insgesamt rund 56.000 Euro. Der Fahrer erlitt geringe Verletzungen.

Nicht immer gehen die von Senioren verursachten Unfälle verhältnismäßig glimpflich aus. Im Frühjahr 2016 fuhr ein 84-Jähriger in Bad Säckingen nahe der Grenze zur Schweiz in der Fußgängerzone in ein Straßencafé. Zwei Menschen kamen ums Leben, 27 wurden teils schwer verletzt. Der Rentner hatte Gas und Bremse seines Automatikwagens verwechselt. Im Mai 2017 wurde ihm der Prozess gemacht. Er wurde wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt; der Führerschein wurde ihm lebenslang entzogen.

Um dramatische Ereignisse dieser Art oder auch Unfälle wie in der Hamburger Waitzstraße möglichst zu verhindern, wird über Maßnahmen diskutiert, auch verpflichtende. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) fordert – nicht völlig ohne Eigeninteresse – regelmäßige Tests für Fahrer ab 75 Jahre, wie es sie in anderen europäischen Ländern längst gibt.

Siegfried Brockmann, Leiter der GDV-Unfallforschung, schlägt eine „begleitete Fahrt von etwa einer Stunde“ vor. Im Anschluss solle eine vertrauliche Auswertung mit einem „sachkundigen Begleiter“ erfolgen, „der Hinweise geben kann, etwa nicht mehr im Dunkeln zu fahren oder Innenstädte zu meiden“. Senioren seien „auffälliger als die Hochrisikogruppe der Fahranfänger“. Mit zunehmendem Alter steige das Risiko. „Deshalb sollten die Tests auch alle drei bis fünf Jahre wiederholt werden.“

Politik setzt auf Freiwilligkeit

Die Politik hält sich in der Debatte zurück – wohl auch, weil Rentner ein sehr großes Wählerpotenzial bilden. Sie setzt auf Freiwilligkeit. Zwang und starre Regeln würden eher abgelehnt, meint etwa Winfried Hermann, Minister für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg. Der Grünen-Politiker wirbt dafür, die Akzeptanz freiwilliger Gesundheitschecks zu erhöhen. Diese Position vertrat in den vergangenen Jahren auch die Landesregierung von Schleswig-Holstein. Eine Abkehr davon ist nicht in Sicht. Betont wird, dass das eigene Auto gerade in ländlichen Gebieten zur Lebensqualität gehöre.

Der wahrscheinlich scheidende Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt ist ebenfalls gegen eine staatliche Anordnung, Rentner zu Fahrtauglichkeitstests zu schicken. „Unsere Statistiken zeigen: Ältere Menschen bauen deutlich weniger schwere Unfälle als andere Autofahrer“, begründet der CSU-Politiker seine Haltung. „Ob jemand sicher Auto fährt, hängt nicht vom Geburtsdatum ab.“

Das behaupten die Befürworter eines Pflichttests allerdings auch gar nicht. Brockmann betont: „Niemandem wird der Führerschein entzogen.“ Die Statistik müsse richtig gedeutet werden, was Dobrindt nicht tue. „Heute besitzen Ältere seltener einen Führerschein als Jüngere, das gilt besonders für Frauen. Und diejenigen, die einen besitzen, fahren deutlich weniger.“ In Zukunft werde „sich die schon heute relativ größere Gefährdung der Senioren auch in den absoluten Unfallzahlen spürbar bemerkbar machen“.

Müller betrachtet gesetzlichen Zwang, seine Fahreignung bewerten zu lassen, mit Skepsis. Aus seiner Sicht würde es viele Fahrer, die in ihrem Auto fehlerfrei unterwegs sind, psychologisch belasten, was unnötig wäre. Er plädiert für Verbesserungen im System. Die Ausbildung der Polizisten müsse so ausgeweitet werden, dass die angehenden Ordnungshüter „schon beim ersten Parkplatzrempler“ mitbekämen, ob der Fahrer eventuell grundsätzliche Schwächen habe.

Freiwillige Checks sind keine Gefahr für den Führerschein

Freiwillige Checks werden bundesweit angeboten, zum Beispiel vom ADAC. In Schleswig-Holstein setzt der Interessenverband der Autofahrer nach eigenen Angaben extra ausgebildete Moderatoren ein. Das Prinzip funktioniert wie der Vorschlag des GDV, nur eben auf freiwilliger Basis. Der ADAC betont, dass die kostenpflichtigen Tests „ohne Risiko für den Führerschein“ seien. Heißt: Wir nehmen keinem die Fahrerlaubnis weg.

Verkehrssicherheitsfachmann Müller rät Senioren zur Selbstbeobachtung möglicher Schwächen, die Gesundheit auch mit Blick auf die Fahrtüchtigkeit beim Hausarzt überprüfen zu lassen. Allerdings hätten die wenigsten eine verkehrsmedizinische Zusatzausbildung. Also müssten Betroffene zu Spezialisten. Zudem verweist der Experte auf eine Hemmschwelle: Senioren fürchteten den sofortigen Entzug des Führerscheins. Diese Gefahr besteht faktisch nicht, zumal die Ärzte der Schweigepflicht unterliegen. Nach Meinung Müllers geht es um Tipps wie zum Beispiel, sich stärkere Brillengläser zuzulegen oder besser nur noch bei Tageslicht zu fahren.

Die Ladenbetreiber in der Hamburger Waitzstraße haben ebenfalls einen Weg gefunden, die Gefahr zu verringern. Nachdem im Februar 2015 ein Auto im Schaufenster der Volksbank landete, dessen Fahrer eigentlich einparken wollte, betonte die Interessengemeinschaft Waitzstraße die Dringlichkeit baulicher Schutzmaßnahmen. Parkbuchten sind nun von Pollern umgeben, die das Straßenbild nicht verderben. Zum Beispiel sind Barrieren als Sitzflächen gestaltet. „Jetzt kann keiner mehr reinfahren“, heißt es nun im Restaurant „Hala“.