Sylt Schönheits-OP: Die Branche boomt

Von Anja Werner | 05.10.2009, 06:55 Uhr

Zwischen Tabu und Normalität liegen die Trends der ästhetisch plastischen Chirurgie. Die führenden Operateure trafen sich auf Sylt.

Umgeben von millionenschweren Urlaubsdomizilen unter Reet, mit Blick auf den von Nobel-Boutiquen, Edel-Gastronomie und Luxus-Limousinen reichlich bestückten Strönwai - wo sonst als im Sylter Premiumresort Kampen sollten die führenden ästhetisch-plastischen Chirurgen der Republik am vergangenen Wochenende zu ihrer Jahrestagung zusammen kommen? "Die Wünsche unserer Patienten kumulieren sich hier", bestätigt Prof. Dr. Peter Brenner, Präsident der 37. Tagung der Deutschen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie (DGÄPC), während der Jahrespressekonferenz. "Wir haben aber Patienten aus allen sozialen Schichten", ergänzt DGÄPC-Präsident Prof. Dr. Joachim Graf von Finckenstein.

Dieser erläutert - basierend auf der jüngsten Patientenbefragung - die sich spürbar wandelnden Trends einer wachsenden Branche. Demnach ist die größte Gruppe der Schönheitsoperierten nicht mehr weiblich und in den Wechseljahren, sondern weiblich und jung. 28 Prozent der operierten Frauen und 27 Prozent der operierten Männer lassen den ästhetischen Chirurgen im Alter von 20 bis 29 Jahren Hand an ihren Körper legen, der in diesen jungen Jahren doch kaum Mängel aufweisen dürfte. Warum?
Lidstraffung auf Platz eins

Viele Menschen in den 20ern sehen heute anders aus als vor 20 Jahren. "Die von Fast-Food und Bewegungsmangel geprägte Amerikanisierung hinterlässt immer stärkere Spuren - immer öfter liegen bei uns 120 Kilo auf dem OP-Tisch", sagt Brenner. Die jüngere, Internet affine Generation sei zudem besser informiert und gehe fast tabulos mit dem Thema Schönheits-OP um, sagt von Finckenstein. Auch der zweiten starken Patientengruppe, den 40gern (25,6 Prozent), fällt es mittlerweile leichter, aber noch immer nicht leicht, über ästhetische Eingriffe zu reden. "Für viele ältere Patientinnen liegt der beliebteste OP-Termin noch immer am ersten Tag einer längeren Dienstreise ihres Gatten", sagt Brenner, Chefarzt der Sylter Klinik für plastische und ästhetische Chirurgie. Generell fällt es dem vermeintlich stärkeren Geschlecht schwerer, dazu zu stehen, Mutter Natur mit dem Skalpell auf die Sprünge geholfen zu haben. Jeder achte Mann verschweigt den Eingriff sogar vor seiner Partnerin. Die Lidstraffung steht bei beiden Geschlechtern klar auf Platz eins der Eingriffe, gefolgt von der Brustvergrößerung und der Fettabsaugung.

Die Zahl der 2009 vorgenommenen ästhetisch-plastischen Eingriffe schätzt die DGÄPC auf rund eine Million. Exakte Zahlen liegen nicht vor, weil laut der beiden Experten immer mehr mangelhaft qualifizierte Mediziner Schönheits-OPs vornehmen, um sinkende Einnahmen auszugleichen. "Während eines Wochenendseminars kann aber nicht das komplette erforderliche Wissen für eine erfolgreiche Fettabsaugung erworben werden", sagt Brenner. Dadurch werde die Seriosität der gesamten Fachrichtung beschädigt. Zu einem seriösen Umgang zähle zudem die Ablehnung jeder OP, die die Erwartungen des Patienten nicht erfüllen kann - also 60 bis 70 Prozent der Anfragen. "Schließlich findet keiner von uns Schlauchbootlippen schön", betont Brenner.

Die Wirtschaftskrise hat in der ästhetisch-plastischen Chirurgie bisher keine Spuren hinterlassen - im Gegenteil. Dafür hätten die Eingriffe für viele Menschen eine zu große persönliche Bedeutung. "Eine Brustvergrößerung ist oft die Initialzündung für eine ganz neue Lebensqualität - dafür verzichten viele lieber aufs Reisen", sagt von Finckenstein. Das gilt natürlich nicht für die verschönerten Urlauber im noblen Kampen.