Verse gegen das Vergessen Poetry Slam im Pflegeheim

Von Merle Bornemann | 03.11.2013, 14:48 Uhr

Gedichte und Lieder machen müde Zellen munter – dieses Prinzip hat der Kabarettist und Dichter Lars Ruppel erkannt. Mit seinem Projekt „Weckworte“ tourt er durch Pflegeeinrichtungen in ganz Deutschland. Unsere Redakteurin Merle Bornemann war in Flensburg dabei.

Festgemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt. Kaum hat der junge Mann mit Ringelhemd und Jeans den ersten Vers aus Schillers „Lied von der Glocke“ zu Ende gesprochen, begleitet ihn schon ein kleiner Chor. Zwischen den Bewohnern des Pflegeheims entfacht ein regelrechter Wettstreit um die Zeilen. Plötzlich verziehen sich die tiefen Falten im Gesicht zu einem Lächeln. Wer eben noch mit gesenktem Blick auf den Fußboden im Stuhlkreis starrte, hebt den Kopf ein Stückchen höher, richtet sich auf, um die  Lungen mit Luft zu füllen. Keiner will leiser sein als der Sitznachbar. Heute muss die Glocke werden, frisch, Gesellen, seid zur Hand! Lars Ruppel reicht den Senioren reihum seine Hand, der Arm schwingt im Rhythmus des Gedichts von links nach rechts. „Und jetzt bewegen wir mal den ganzen Oberkörper mit“, spornt er die Runde an. „Sie sollen ja auch was tun für Ihre Rente!“ Immer wacher werden die Blicke, immer gelöster die Stimmung.

„In jedem steckt ein Stück Poesie“, meint Lars Ruppel. Er hat ganz offensichtlich ein etwas größeres Stück abbekommen. Alles schnürt er im Nu zu unterhaltsamen Reim-Paketen und macht eine raumerfüllende Show daraus. Der 28-jährige Marburger ist ein sogenannter Slam-Poet. Das englische Verb „slam“ bedeutet so viel wie zuknallen oder jemanden ins Gesicht schlagen – doch geschlagen wird bei den „Poetry Slams“ genannten Dichterwettbewerben nur mit Wörtern. Mit selbstgeschriebenen Texten buhlen meist junge Nachwuchspoeten um die Gunst des Publikums. Doch Gedichte können noch viel mehr, hat Lars Ruppel irgendwann bemerkt. Gerade für ältere und kranke Menschen können die bekannten Reime Therapie sein, speziell für Demenzkranke. „Man kann sie damit für einen kurzen Moment wecken“, erklärt er. Das Besondere an seinem Projekt „Weckworte“: Nicht nur Ruppel selbst tritt in Pflegeeinrichtungen auf – er bringt zunächst Jugendlichen vor Ort bei, wie sie ältere Menschen mit Poesie ansprechen können, trainiert in einem Workshop Betonung, Rhythmus und Gesten mit ihnen. Und nimmt sie dann einfach mit zu einem besonderen Literaturerlebnis für Jung und Alt.

Zunächst haben die jungen Menschen aus dem Ökumenischen Bildungszentrum in Flensburg die Abwehrhaltung eingenommen: Arme verschränkt, Blick nach unten. Die 16- bis 20-Jährigen wissen nicht recht, was auf sie zukommt. Sie alle absolvieren gerade ihren Freiwilligendienst in verschiedenen Pflegeeinrichtungen, kennen also das Metier – aber was will dieser Typ in schlabbriger Jeans, Turnschuhen, grauer Wollmütze und dicker Hornbrille ihnen nun von Gedichten erzählen? Ruppel bittet einen Teilnehmer um ein Wort – „Ball“, bietet er an. „Baaaaall“, so lang wie das A streckt er seinen rechten Arm vom Kinn in die Ferne. „Das ist eine Technik der Backstreet Boys“, erklärt er. Jetzt machen alle 22 Schüler die „Berühre-den-Horizont-Geste“, die „ganz schön poetisch rüberkommt“. Das Eis ist schnell gebrochen. Als er ein eigenes Gedicht vorträgt, bewegt er sich durch den Stuhlkreis, schüttelt die Hände und fordert Reaktionen der Jugendlichen heraus. „Merkt ihr, was das für ein besonderer Moment ist? Ein kleiner Moment für jede Person ganz allein. Das ist total wichtig für die Leute. Aufmerksamkeit ist im Pflegealltag ein rares Gut“, erklärt Ruppel und macht der Gruppe klar: Wer Gedichte so vortragen will, dass Menschen mit welcher Einschränkung auch immer davon profitieren, der muss sich die Frage stellen: Was unterscheidet mich von einem Blatt Papier? Mimik, Gestik, Rhythmus, Interaktion – alle Puzzleteile werden am Beispiel demonstriert. Und dann geht’s ans Eingemachte. Lars Ruppel verteilt Zettel mit Gedichten von Ringelnatz bis Eichendorff auf dem Fußboden, die Schüler wählen sich jeweils eines aus.

„Dunkel war’s, der Mond schien helle...“, liest Laura schon recht selbstbewusst vor. „Lauter!“, ruft der Kursleiter. „Denn es gibt nichts Nervigeres als ’ne Omi, die ständig ,waaaas?’ schreit!“ Angst und Verunsicherung steht vielen Teilnehmern ins Gesicht geschrieben, während sie das Sprechen der Verse üben – und vor allem die Gestik und Berührungen mit dem Publikum, die ihnen Lars Ruppel dazu ans Herz legt. „Es kann überhaupt nichts passieren. Ihr habt nur die Chance, Menschen sehr glücklich zu machen.“ Doch insgeheim ist ihm klar, dass er mit  Überforderung, Angst und Irritation der jungen Leute arbeite. Gar nicht viel nachzudenken sei das Beste.


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Nach zwei Stunden Training wird es in Flensburg ernst. Die „Session“ im Gotthard-und-Anna-Hansen-Stift des Diakonissen-Krankenhauses steht an. „Die Bewohner freuen sich, sie sind schon ganz heiß“, begrüßt  Leiter Dirk Lange die Gäste. Viele von ihnen absolvieren ihren Freiwilligendienst in Altersheimen und haben daher erste Berührungsängste bereits abgebaut. Die Senioren sitzen erwartungsvoll in einem Kreis aus Stühlen und Rollstühlen und wissen genauso wenig, was nun auf sie zukommt. Energiebündel Lars Ruppel springt durch den Raum und begrüßt jeden persönlich mit einem Reim. Herr Palme „mäht sonntags die Halme“, Frau Eichner „tut sein Herz erweichnern“. Als eine Pflegerin den Rollstuhl mit einer offenbar teilweise gelähmten, sichtbar geschwächten Dame hereinschiebt, tuscheln ein paar Bewohnerinnen „für die ist das doch nix, was soll das denn“.

Fünf Minuten später hat diese Frau ihren Kopf angehoben, bewegt ihn zum Takt der „Glocke“ und ihre Augen leuchten. Auch wenn erkennbar ist, welche Anstrengung das für ihre schwachen Muskeln bedeutet.

Zwischen den einzelnen Vorträgen der Schüler baut Lars Ruppel geschickte Übergänge. Er ist ein Entertainer durch und durch und er weiß genau, wie er mit diesen Menschen umgehen muss. Der kernige Spruch eines Opas wird kernig gekontert, zu den schwer Kranken kniet er sich und nimmt ihre Hände. Die Hände spielen überhaupt eine Hauptrolle. „Sie sind der sichtbare Teil des Gehirns“, hat er den Jugendlichen zuvor erklärt. 

Überraschend selbstbewusst erfüllen die jungen Gäste ihre mitgebrachten Verse mit Leben. Laura bekommt tatkräftige Unterstützung bei „Dunkel war’s, der Mond schien helle“. Einige Senioren haben sichtlich Spaß daran, dass sie ihrem rund 60 Jahre jüngeren Gegenüber in Sachen Textsicherheit überlegen sind. Maja erzählt vom Riesen Timpetu, Michelle gibt Erich Frieds Ballade „Was es ist“zum Besten. Den Refrain „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“sprechen alle gemeinsam. Als Annika „Mutters Hände“ von Tucholsky vorträgt, fordert ein Herr lautstark ein: „Auch mal zu mir umdrehen!“, und beugt sich angestrengt vor, um sein Hörgerät so nah wie möglich an die Sprecherin zu strecken. Als diese sich wieder hinsetzt, lobt er sie. Und sie strahlt.

Schillers „Glocke“ hat es einem Bewohner besonders angetan. Immer wieder wirft er ein: Oh, dass sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe!  Die fehlenden Zähne machen seine Artikulation etwas undeutlich – aber dieses Handicap übertrumpft er einfach mit Lautstärke und stolzer Brust. Schmunzeln macht sich breit. Und er schiebt hinterher: Aber mit der Liebe müsse man aufpassen. „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich noch was Besseres findet!“

„Was ist für Sie das Schönste?“, fragt Lars Ruppel die Senioren reihum. Von Gesundheit, über das neugeborene Enkelkind Emma, einen Kasten Bier, Reisen oder das neue Gebiss reichen die Antworten – und zu jeder Antwort wird gemeinsam ein Lied angestimmt. „Oh, wie ist das schön“ passt immer. Zur Kiste Bier erklingt auch mal  „Einer geht noch...“, und den Jugendlichen ist die Verblüffung über das lautstarke Einstimmen der Alten darüber ins Gesicht geschrieben.

Für einen Moment halten alle inne: Als Lars Ruppel sich zu der Dame im Rollstuhl beugt, „für die das doch nix ist“, und sie fragt, was das Schönste für sie sei. Bisher hat sie nicht gesprochen. Doch plötzlich richtet sie sich auf, schaut ihm in die Augen und sagt: „Wenn Sie hier singen“. Beim jetzt folgenden „Oh, wie ist das schön!“-Gesang müssen einige Gäste schlucken.

Viele Erinnerungen sind erloschen, aber einst in der Schule auswendig gelernte Gedichte und Volkslieder sitzen noch perfekt – dieses Prinzip nutzt Lars Ruppel in seinem Projekt „Weckworte“, das er 2009 entwickelt hat. Jugendliche lernen zunächst, wie sie alte Menschen über Poesie sinnlich und lebendig ansprechen können; bei anschließenden „Sessions“ in Pflegeeinrichtungen  kommt es zur literarischen Begegnung zwischen Jung und Alt. Menschen und Institutionen, die sonst oft nur wenig voneinander wissen, lernen sich über die Gedichte kennen und entdecken neue Formen der Begegnung. Fortbildungen und Vorträge zum Thema hält Lars Ruppel im ganzen deutschsprachigen Raum.

Die „Weckworte“-Veranstaltungen in Schleswig-Holstein sind Teil des Projekts „Picknick im Labyrinth“ der Büchereizentrale, das spezielle Medien, Weiterbildungs- und Veranstaltungsformen für Menschen mit Demenz bereithält. Die Stationen waren in dieser Woche Flensburg und Bordesholm, 2014 ist ein Workshop in Norderstedt geplant.