Pro und Contra Kostenloser Nahverkehr – Eine gute Idee?

Von Merle Dießelkämper, Sven Raschke | 14.02.2018, 16:51 Uhr

Der Bund will den Schadstoffausstieg senken und erwägt kostenlose Bus- und Bahnfahrten. Ergibt das Sinn? Zwei Meinungen.

Kostenlos mit Bus und Bahn fahren für bessere Luft in den Städten: Mit diesem Vorschlag will die Bundesregierung das Problem zu hoher Schadstoffbelastung durch den Autoverkehr angehen. Sie denkt zusammen mit Ländern und Kommunen über einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr nach, um die Zahl privater Fahrzeuge auf den Straßen zu verringern.

Ist ein kostenloser öffentlicher Nahverkehr sinnvoll? Zwei Kollegen aus der Online-Redaktion haben dazu ganz gegenteilige Ansichten.

Autofahren macht unabhängig

Umsonst mit Bus und Bahn durch die Stadt zu fahren, klingt ja ganz nett, kommt für mich aber nicht infrage und das aus ganz persönlichen Gründen.

Vorweg sei gesagt, dass hier jetzt keine Aneinanderreihung sachlicher Argumente folgt, sondern eher meine persönlichen Empfindlichkeiten im Vordergrund stehen.

Zu allererst möchte ich meine Unabhängigkeit, die mir mein Auto bringt, nicht missen. Ich kann losfahren, wann ich möchte und muss auf keinen Bus warten. Weder vor noch nach der Arbeit. Vor allem, da die Arbeitszeiten in der Onlineredaktion recht unterschiedlich sind. Die Busse müssten in regelmäßigem Turnus fahren, um für mich überhaupt interessant zu werden. Denn wer hat schon Lust, nach der Spätschicht 30 Minuten auf ein Transportmittel zu warten? Richtig: niemand. Am besten noch bei Minusgraden zitternd in der Kälte stehen, sodass einem der Schnott in der Nase gefriert. Nein, Danke!

Im Sommer sieht es jedoch nicht besser aus. Schlecht klimatisierte Wagen, in denen man dicht gedrängt wie in einer Sardinendose steht und einem der Schweißgeruch des Gegenübers in die Nase steigt. Darauf kann ich gut verzichten und setze mich lieber hinter das Steuer meines klimatisierten Fahrzeuges.

Zudem kommen Busse und Bahn immer dann zu früh, wenn man selbst spät dran ist und gerade zur Haltestelle hetzt. Meistens sieht man das Gefährt dann nur noch von hinten und steht nach Luft schnappend an der Straße. Im Besten Fall erwischt man den Bus doch noch und bricht spätestens drinnen in Schweiß aus, weil man vom Rennen noch so aufgeheizt ist und es im Bus brütend heiß ist.

Auf der anderen Seite lassen sie gerne auf sich warten, wenn man pünktlich im Büro sein muss. Trotz zeitlichem Puffer kommt man dann völlig abgehetzt zu spät zu einem wichtigen Termin.

Zwar soll das umsonst Fahren die Menschen zur Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln animieren, die große Frage ist doch aber, wer soll das Ganze bezahlen? Der Hamburger Nahverkehrsbund (HVV) spricht von jährlichen Ticketverkäufen von 830 Millionen Euro. Diese Einnahmen würden dann fehlen – eine Elfi pro Jahr.

Für Studenten, Rentner und Arbeitslose gibt es dabei schon Vergünstigungen, um ihnen die Nutzung von Bus und Bahn zu ermöglichen.

Den Umweltaktivisten, die jetzt nach sauberer Luft schreien, sei gesagt: Würde man die Fahrzeuge, die über deutsche Straßen rollen und die Luft verpesten, vernünftig auf Kosten der Hersteller nachrüsten, wäre schon einiges getan. Zumal die Klagen in Brüssel und die drohenden Fahrverbote somit hinfällig werden.

Und den Menschen auf dem Land wäre mit kostenlosen Busfahrten sowieso nur wenig geholfen, wenn dieser drei Mal am Tag fährt. Sie werden auch weiterhin ihr Auto nutzen, weil es dort einfach alternativlos ist. Wo wir wieder beim Nachrüsten der Fahrzeuge wären.

Merle Dießelkämper

Gut für die Umwelt, gut für die Menschen – her damit!

Das offensichtliche Argument für einen kostenlosen Öffentlichen Nahverkehr: der Schutz von Natur und Mensch. Wenn die Leute weniger Auto fahren, weil das im Vergleich teurer wird als Bus und Straßenbahn, dann schrumpft der Schadstoffausstoß (und nebenbei die Staus) – und drohende Klagen aus Brüssel gegen Deutschland fallen weg. Genauso wie zwangsläufige Fahrverbote für Städte, in denen Stickoxide aus Auspuffen die Luft über das erträgliche Maß vergiften. Das wäre für viele Autofahrer deutlich schlimmer als die Kosten für den freien Nahverkehr, die sie letztlich über die Steuern mittragen müssten.

Dass kein Geld da ist, um aufs Busticket zu verzichten, ist ein Totschlagargument, das man praktisch immer hört, wenn etwas verändert werden soll. Die Nahverkehrsbehörde in Hamburg spricht von jährlichen Kosten einer Elphi pro Jahr. Nun, wenn für Prestigebauten wie die Elbphilharmonie genug da ist, dann sollte es auch für Projekte reichen, von denen deutlich mehr Menschen profitieren. Zumal ein großer Kostenblock wegfällt, wenn Kontrolleure und die zugehörige Bürokratie überflüssig werden.

An die Menschen, die einfach keine Lust haben, in überfüllten Bussen zu sitzen oder wegen Verspätungen zu spät ins Büro zu kommen: Wenn mehr Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, lohnt es sich für die Betriebe, mehr Fahrzeuge einzusetzen und das Streckennetz auszubauen. Dann gibt es vielleicht irgendwann auch bessere Verbindungen für die die Bürger auf dem Land.

Und zu guter Letzt: Was für ein schönes Gefühl wäre es, ohne Gedanken über die Kosten oder lästiges Ticketlösen in den Bus zu steigen. Das würde den Öffentlichen Nahverkehr auch in den Köpfen zu unserem Nahverkehr machen.

Sven Raschke