Polizei-Nachtschicht in Eckernförde "Ich zeig dich an, du Ratte"

Von Dorthe Arendt | 31.05.2011, 10:24 Uhr

Verdacht auf Einbruch, ein 18. Geburtstag und randalierende "Intensivtäter": Eine Nachtschicht der Eckernförder Polizei ist alles andere als ruhig.

Ein letzter Schluck Kaffee, dann geht es aus der Polizeiwache in den Hof. Polizeioberkommissarin Christine Meyer und Polizeiobermeister Torben Svensson klettern in den Polizeibus, in dem sie in den nächsten Stunden Eckernfördes Straßen abfahren werden. Zwölf Stunden dauert die Nachtschicht, die diesmal vom CDU-Landtagsabgeordneten Daniel Günther begleitet wird. Erst um 7.30 Uhr werden die Polizisten Feierabend haben. Es ist Freitagabend, kurz vor 23 Uhr. Ein Radfahrer ohne Rücklicht darf nach einer Ermahnung weiterradeln, der Parkplatz vor der Diskothek K7 ist weitgehend leer. Doch so ruhig soll es nicht bleiben.
Nach einem Funkspruch nimmt die Streife Fahrt auf: "Verdacht auf Einbruch in der Riesebyer Straße." Jetzt heißt es handeln: "Wie schnell?" fragt Svensson. "Schnell!", antwortet Polizeioberkommissarin Meyer. Einen Knopfdruck später jagt der Polizeibus mit Blaulicht über die Umgehungsstraße, bis zu 150 Stundenkilometer zeigt der Tacho. Einige Querstraßen vor dem Ziel drosselt Svensson das Tempo, schaltet das Blaulicht aus. "Wir wollen sie ja nicht verjagen." Mit Taschenlampen nähern sich die Polizisten dem Haus - doch alles bleibt ruhig. Eine ältere Dame öffnet verängstigt die Haustür. "Wir gehen jetzt rein", diesen Satz habe sie laut und deutlich gehört, sagt sie. Die Beamten suchen nach Einbruchsspuren - und finden keine. Wahrscheinlich habe die Dame Nachbarn gehört, oder jemanden, der in sein Auto eingestiegen ist, vermuten Meyer und Svensson.
"Die Polizei kommt zu meinem Geburtstag"
Die Fahrt geht weiter, bis der nächste Funkspruch kommt: Eine Ruhestörung führt die Polizeistreife in einen Garten in der Bismarckstraße. Aus einem großen Zelt dringen laute Musik und fröhliches Gegröhle. Der Auftritt der Polizisten macht Eindruck auf den Party-Veranstalter, der gerade 18 Jahre alt geworden ist: "Die Polizei kommt zu meinem Geburtstag - das ist ja cool!" Die Musik wird augenblicklich leiser, die Polizisten plaudern kurz mit dem Geburtstagskind und setzen dann ihre Streife fort.
Die nächste Ruhestörung lässt nicht lange auf sich warten - diesmal sprudelt die Lärmquelle im Domstag. Klebrige Treppenstufen und beißender Alkoholdunst empfangen die Polizisten im Flur des Mehrfamilienhauses, dazu dröhnt laute Musik. Erst nachdem die Polizisten minutenlang geklingelt und geklopft haben, regt sich etwas in der Wohnung im Obergeschoss. Die Polizisten treffen auf zwei Männer, zwei Frauen und viele leere Flaschen. Der junge Mann, der verspricht, die Musik leiser zu drehen, lallt beträchtlich. "Hier sind wir heute nicht zum letzten Mal gewesen", prophezeit Torben Svensson. "Intensivtäter" nennt er die wohlbekannten Unruhestifter, die regelmäßig viel Alkohol trinken und deren Strafregister sich auch auf Drogenmissbrauch, Körperverletzung oder Raub erstreckt.
"Die haben meine Tasche, meine Geldkarte, mein Handy"
Der Polizist behält recht: Kaum eine Stunde später hält die Streife wieder im Domstag. Diesmal hat nicht ein Nachbar, sondern eine der Frauen aus der Wohnung die Polizei gerufen. Sie wartet bereits vor dem Haus. "Die haben meine Tasche, meine Geldkarte, mein Handy" - diesen Satz spult die Frau immer wieder ab, wie eine gesprungene Platte. Ihre Alkohol-Fahne eilt ihr voraus, aus ihren geröteten Augen laufen Tränen, immer wieder streicht sie durch ihre strähnigen blonden Haare. "Sie bleiben hier unten", mahnen die Polizisten.
Die Frau gehorcht - im Gegensatz zu den jungen Männern in der Wohnung. Sie öffnen zwar die Tür, wollen die Polizisten aber nicht hereinlassen. "Das ist Hausfriedensbruch, ich rufe jetzt die Polizei", ruft der eine - und knallt den Polizisten die Tür vor der Nase zu. Die Musik wummert lauter als zuvor durch den Hausflur. Christine Meyer lacht ungläubig. "Verstärkung ist schon unterwegs. Und wir rufen den Schlüsseldienst - das wird dann richtig teuer." Mit tränenerstickter Stimme meldet sich die Frau zu Wort: "Das brauchen Sie nicht, ich habe einen Schlüssel für die Wohnung."
Ein fester Griff und Platzverbot
Dann geht alles schnell: Mittlerweile zu viert drängen die Polizisten in die Wohnung. Oberkommissarin Meyer zieht alle Kabel aus der Anlage, die sie erwischen kann: "Das kriegen die bei den Promillewerten nicht wieder zusammengestöpselt", sagt sie. Polizeiobermeister Svensson fordert einen Trinkgelage-Gast auf, die Wohnung zu verlassen. Als der sich weigert, packt Svensson zu, treibt ihn vor sich das Treppenhaus herunter. Der Betrunkene wird aggressiv, draußen vor der Tür holt er zum Angriff aus. Der Polizist reagiert blitzschnell, packt den jungen Mann und ringt ihn zu Boden. Der Betrunkene windet sich auf dem Rasen unter dem festen Griff. "Ich zeig dich an, du Ratte!", schreit der junge Mann. Svensson wartet ein wenig, dann holt er den jungen Mann wieder auf die Füße. "Sie gehen jetzt nach Hause. Ich spreche Ihnen ein Platzverbot aus. Gehen Sie jetzt!" Wieder und wieder ruft Svensson diese Sätze, bis sich der junge Mann trollt.
Es ist 2.30 Uhr, die Polizisten fahren zur Wache. In der Küche blubbert die Kaffeemaschine - jetzt heißt es Berichte schreiben. Die "Ratte" wird Svensson nicht auf sich sitzen lassen und formuliert zusätzlich eine Anzeige wegen Beleidigung. Noch zwei Mal fahren die Polizisten in dieser Nacht auf Streife. Längst ist es hell, als sie einen Autofahrer ins Alkohol-Teströhrchen pusten lassen. Das Ergebnis: 0,0 Promille - und kein zusätzlicher Papierkram zum Feierabend.
(doa, shz)