Vulva-Galerie Darum porträtiert Hilde Sam Atalanta Vulven und postet sie auf Instagram

Von Daniel Benedict | 21.01.2023, 19:00 Uhr | Update am 28.01.20231 Leserkommentar

Immer mehr Menschen lassen sich ihre Vulvalippen operieren. Oft aus falscher Scham, glaubt Hilde Sam Atalanta – und kontert mit der Vulva-Galerie. Auf Instagram hat das Projekt über 750.000 Follower. Jetzt plant Atalanta, auch Leute mit Penis zu malen. Ein Interview über Body-Positivity, Sexualkunde und Mainstream-Pornos.

Wer bei Google die Begriffe „Schamlippen verkleinern“ eingibt, bekommt mehr als zwei Millionen Ergebnisse angeboten. Eine große Anzahl von Leuten fühlt sich mit der eigenen Vulva unwohl. Und Schuld daran, sagt Hilde Sam Atalanta, sind nicht die Vulven, sondern unser Körperbild. Deshalb hat Atalanta auf Instagram eine Galerie mit Aquarell-Porträts von Vulven angelegt. Die Vorlagen sind Selfies von Menschen aus aller Welt. Gemeinsam mit den Bildern teilen sie persönliche Geschichten, die man mitunter nicht glauben möchte.

Hilde, wie kamen Sie darauf, eine Vulva-Galerie anzulegen?

Vor ein paar Jahren – damals habe ich klinische Psychologie studiert – habe ich an der Uni in Amsterdam von der massiven, weltweiten Zunahme labioplastischer Eingriffe erfahren. [Der Begriff bezeichnet die chirurgische Korrektur der Vulvalippen, Anm. d. Red.] Ich habe mich gefragt, was diesen Anstieg kosmetischer Eingriffe verursacht hat und nachgeforscht. Mir fiel auf, dass es Vulven-Darstellungen in Mainstream-Medien oft an Vielfalt fehlt und dass die wenigsten Menschen offen über genitale Vielfalt sprechen – oder konkret: über ihre Vulva. Dann fiel mir auf, dass ich selbst als Kind in der Sexualkunde gar nichts über genitale Vielfalt erfahren habe; der Unterricht konzentriert sich auf Biologie und Verhütung. Oder besser gesagt: darauf, wie man Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten vermeidet. Mir wurde klar, dass es vielen Leuten helfen würde, ein Bild der ganzen Vielfalt zu zeigen, eine große Bandbreite von Vulven darzustellen und damit ein Gespräch zu ermöglichen und Unterschiede als etwas Gutes zu etablieren.

Die Vulva-Galerie feiert die Vielfalt der Vulven

Wie wirken die traditionellen Bilder?

So wie Vulven in Lehrbüchern und Mainstream-Medien dargestellt sind, gibt es uns das Gefühl, dass mit uns was nicht stimmt – und das ist ja nicht so. Um das deutlich zu machen, habe ich die Vulva-Galerie angefangen. Das ist eine Online-Galerie und zugleich eine Bildungsseite, die Vulva-Vielfalt feiert, die die Sexualerziehung verbessern und das Gespräch über Themen erleichtern soll, die immer noch tabuisiert sind. Seit 2016 setze ich – mit einer wachsenden Gemeinschaft von über 150.000 Followern – dem stigmatisierenden Bild der Vulva etwas entgegen.

Was war die allererste Vulva, die Sie gemalt haben?

Ich habe eine Illustration mit 20 kleinen Vulven auf ein Aquarellpapier gemalt; das war der Auftakt der Vulva-Galerie. Im ersten Jahr habe ich dann nur nach meinem eigenen Anatomie-Wissen und nach anonymen Fotos gemalt, die ich im Netz gefunden habe.

Und wie wurde das Projekt interaktiv?

Nach rund einem Jahr kamen dann Nachrichten von Leuten, die sich ein Bild von ihrer eigenen Vulva wünschten und ein paar Worte über ihr Verhältnis zu ihrer Vulva mitgeteilt haben. Mir wurde klar, dass das wirklich eine gute Idee war; letztendlich kann es ja enorm inspirierend und wohltuend sein, das Vulva-Porträt von echten Menschen zu sehen – vielleicht mit einer ähnlichen Vulva wie deiner – und zu erfahren, wie sie ihre angenommen haben. Ab dann habe ich also persönliche Porträts ins Netz gestellt; die Reaktion war umwerfend. Ich kriege jede Woche Dutzende Nachrichten von Menschen, die Teil der Galerie werden und ihre Geschichte mit der Community teilen wollen. Jetzt male ich alle Porträts auf Grundlage von Fotos, die Menschen aus aller Welt mit mir teilen.

Frauen schicken Hilde Sam Atalanta nicht nur Vulva-Selfies sondern auch ihre Geschichten

Frauen schicken Ihnen nicht nur Selfies, sondern auch ihre Geschichten. Welche hat Sie am meisten berührt oder überrascht?

Seit dem Start der Vulva-Galerie habe ich Geschichten aus der ganzen Welt erfahren. Und zu meiner großen Überraschung gab es mehrere Menschen, die sich bei Routineuntersuchungen vom Gynäkologen oder Hausarzt den Rat anhören mussten, sich operieren zu lassen. Neulich hat ein 17-jähriges Mädchen mir geschildert, dass sie bei ihrem Gynäkologen zur Vorsorge war, ernsthaft verunsichert, und den Tipp bekam, „ihre Vulvalippen in Ordnung bringen” zu lassen, weil das doch so ein „leichter Eingriff” sei. Man könnte sie „zurechtstutzen, sodass sie wie eine normale Vulva” aussehen. Das Mädchen plant jetzt ihren baldigen OP-Termin. Geschichten wie diese sind herzzerreißend und empörend, zumal Mediziner eine große Verantwortung gegenüber ihren Patienten haben. Gerade sie sind es doch, die ihre Patienten informieren und stärken und mit ihnen über die natürliche Vielfalt sprechen sollten.

Gibt es auch positive Rückmeldungen?

Viele Nachrichten, die mich erreichen, sind sehr positiv. In vielen E-Mails sagen die Leute mir: Bevor sie die Vulva-Galerie entdeckt haben, hatten sie keine Vorstellung davon, wie unterschiedlich Vulven sein können. Sie schildern ihre Erleichterung und ihre Begeisterung darüber, zum ersten Mal im Leben zu erfassen, dass sie völlig normal sind. Mehrere Leute haben mir mitgeteilt, dass sie – wegen der Vulva-Galerie – ihren Termin in der kosmetischen Chirurgie wieder abgesagt haben. Das beweist für mich, wie viel Bilder von unterschiedlichen Körpern und das Gespräch darüber bewirken. 

Vulven sind so vielfältig wie Gesichter

Haben Genitalien eine Persönlichkeit?

Auf jeden Fall. Vulven haben eine einzigartige Persönlichkeit. Sie sind genauso vielfältig wie Gesichter und sie haben alle ihre eigenen Looks, Frisuren und Formen. Keine ist wie die andere und das macht sie so interessant.

Ihr positives Körperbild antwortet auf eine „Vulva-Scham”, für die Sie im Bildband zum Projekt „Magazine, Mainstream-Pornos und Biologie-Bücher” verantwortlich machen. Was hat Ihrer Meinung nach den schlechtesten Einfluss? Und wieso zählen Sie Pornos dazu? Sind die nicht der einzige Ort, an dem man überhaupt Vulven aller Arten sieht?

Ich glaube, die Botschaft wird durch eine Kombination aller drei Elemente vermittelt. Wenn du dich als junger Mensch fragst, ob dein Körper „normal” ist, dann hilft es dir nicht weiter, wenn die Schulen keine inklusive, diverse Sexualkunde anbieten – Schulbücher beispielsweise zeigen nur einen einzigen Typus von Genitalien. Es hilft dir nicht weiter, wenn deine nächste Station dann Mainstream-Pornos sind, in denen man unterschiedliche Vulven sehen oder auch übersehen kann – viele junge Leute landen am Ende nämlich doch bei einer ganz bestimmten Sorte von Vulven. Auch wenn in Pornos inzwischen eine größere Vielfalt zu finden ist. Und es hilft auch nicht, wenn in den sozialen Netzwerken Witze über eine bestimmte Art von Vulven die Runde machen.

Was kann die Schule auf diesem Gebiet leisten?

Wenn wir Vielfalt in Sexualkundebüchern zeigen, dann könnten wir wirklich etwas bewirken. Kindern etwas über körperliche Vielfalt beizubringen, sollte ein Grundprinzip der Sexualkunde sein. Von klein auf müssen Kinder erfahren, dass ihr Körper ganz und gar normal ist, so wie er ist – eben weil das „Normale” eine so große Bandbreite hat. Wir müssen Kinder ermutigen, diese Vielfalt zu verstehen und anzunehmen, indem wir eine Akzeptanz verschiedener Körpertypen herstellen – anstatt sie abzulehnen oder zu fetischisieren. Das halte ich für einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen mangelndes Selbstwertgefühl; damit stärkt man nicht nur das Wissen und Selbstvertrauen junger Menschen, was ihr eigenes Aussehen angeht, es hilft ihnen auch, andere Menschen mit anderen Körpern zu achten und zu verstehen, dass wir alle unterschiedlich aussehen – und trotzdem alle gleich sind.

Und in welchem Alter sollte das losgehen?

Sexualkunde sollte die ganze Schulzeit begleiten; sie sollte ein wiederkehrendes Element der Erziehung sein, passend auf die Bedürfnisse des unterschiedlichen Alters zurechtgeschnitten. Wir müssen Kinder über körperliche Vielfalt informieren, über Einvernehmlichkeit, über sicheren und lustvollen Sex und über offene und respektvolle Kommunikation – und diesen Stoff mit Bildern unterfüttern, die körperliche Vielfalt zeigen. Wir können der nächsten Generation das Werkzeug an die Hand geben, mit dem sie ein körperpositives und von Achtung geprägtes Bewusstsein aufbauen; und wir können ihnen helfen, selbstbewusster zu werden und sich gegen den Einfluss der Mainstream-Medien und ihrer Altersgenossen zu wappnen.

Sie zeichnen Vulven nach einem festen Muster – von vorn, geschlossene Beine. Warum ist das die beste Variante für Ihr Projekt?

Als ich 2016 mit der Vulva-Galerie anfing, wollte ich Vulva-Vielfalt in einer nicht sexuellen Weise zeigen und die Ansicht von vorn kam mir wie die richtige Methode dafür vor. Es war keine Perspektive, die ich selbst hatte, wohingegen sie vielen Menschen mit Vulva sehr geläufig ist. Ich wollte Vulven so zeichnen, wie wir selbst uns sehen, wenn wir aus der Dusche kommen oder uns umziehen. Sechs Jahre habe ich Vulven in der Vorderansicht porträtiert; und im letzten Sommer habe ich mich entschieden, die Vulva-Galerie auszuweiten und Vulven auch von unten zu malen. In den letzten Jahren habe ich viele positive Rückmeldungen bekommen, wenn ich anatomische Vulva-Illustrationen aus zwei Perspektiven geteilt habe. Ich wollte dann eine neue Serie machen, zum Thema „Lern deine Vulva kennen”: Vulva-Porträts mit zwei Ansichten – um unsere umwerfende Anatomie zu zeigen und zu feiern. Ich zeige Vulven auch deshalb aus zwei Perspektiven, um vorzuführen, wie wunderbar verschieden Vulven aussehen können – und das aus jedem Blickwinkel.

Hilde Sam Atalanta mal künftig auch andere Körperteile

Wird es nach dem Vulva-Projekt eine Penis-Fortsetzung geben – für all die Jungs und Männer, die unsicher mit sich sind?

Das bin ich in den letzten Jahren viele Male gefragt worden. Und im letzten Sommer habe ich mich endlich entschieden, zu expandieren, einen Schritt weiterzugehen und als neues Projekt die Instagram-Seite @thebodydiversitygallery einzurichten. Nach fast sechs Jahren, in denen ich Vulven gemalt und die Vulva-Galerie aufgebaut habe, will ich den Horizont der Körpervielfalt erweitern und eine neue Body-Diversity-Galerie aufbauen. Auf dieser Seite zeige (und bejuble) ich alle erdenklichen Körperformen, -größen und -farben, manchmal wieder mitsamt der persönlichen Geschichten der Porträtierten. Die Illustrationen auf der Seite sollen, genau wie in der Vulva-Galerie, auf Fotos echter Menschen basieren. Falls also irgendjemand Lust hat, Teil der Galerie zu werden und mir die Geschichte der Körperstellen anzuvertrauen, die ich malen soll, dann erreichen Sie mich per Mail über thebodydiversitygallery@gmail.com.

Mehr Informationen:

Hilde Sam Atalanta ist non-binär und lebt, malt und illustriert in Amsterdam. Neben Malerei in Öl und Aquarellfarben arbeitet Atlanta auch digital und umkreist dabei das Themenfeld Diversität, Sexualität und Inklusion. 

1 Kommentar
Herbert Port
Meine liebste Perspektive ist die von hinten. Abgesehen davon interessiert mich am meisten, wie Hilde Atalanta zu dieser geometrischen Frisur kommt? Ist das künstlerisch oder mehr die Notlösung mit dem Topf?