Porträts von Comic-Helden Foto-Protest gegen die Gesundheitskarte

Von Margret Kiosz | 20.07.2012, 04:22 Uhr

Micky Maus, Darth Vader oder Brad Pitt: Um die Fotopflicht bei der neuen Gesundheitskarte zu umgehen, schicken Gegner im Norden Bilder von Comic-Helden oder Filmstars.

Mal sind es die Linken, die zur Abstimmung mit den Füßen aufrufen. Mal sprechen sich die Piratenpartei, Ärzte oder Patientenverbände für den Boykott der Gesundheitskarte aus. Seit einem Jahrzehnt wird an der Plastikkarte mit dem Mini-Prozessor herumgedoktert, die Ärzten, Apotheken und Versicherungen wie ein "Sesam öffne dich" Zugang zu sensiblen Patientendaten erlaubt. Doch das Volk liebt die Karte nicht. Laut Branchenverband Bitkom lehnen 30 Prozent der Bundesbürger die Karte ab. Schon lange kursieren im Internet Tipps, wie man vor allem die Fotopflicht umgehen kann: etwa durch Ignorieren oder Widerspruch. Jetzt greifen Kartengegner in Norddeutschland zu einem neuen Trick: Sie schicken Bilder von Micky Maus, ihrem Goldfisch oder dem Hund ein oder sie laden Promi-Bilder von Brad Pitt oder Darth Vader hoch. "Dass ist zwar kein Massenphänomen, aber im Zeitalter von Twitter und Facebook machen solche Geschichten schnell die Runde", räumt Armin Tank vom Ersatzkassenverband Schleswig-Holstein ein.
Der Kreativität sind offenbar keine Grenzen gesetzt. "Ich bin auf dem Foto im Skiurlaub 2009 zu sehen, inklusive dunkler Skibrille und Schutzhelm. Viel Spaß beim biometrischen Erfassen des Bildes", freut sich der bei der Techniker Kasse versicherte Sebastian M. auf der Seite metronaout de. Und der Chaos Computer Club weist darauf hin, dass es "keine gesetzliche Vorgabe gibt, wie das Foto aus gestaltet sein muss - auch wenn die Krankenkassen das gern behaupten".
"Das fällt offensichtlich nicht auf"
Selbst in Ärzteforen wird das Problem diskutiert. "Zumindest die Druckereien, die die Karten herstellen, haben ein Prüfprogramm, das Hund, Katze, Micky Maus und Shrek aussortiert", schreibt ein Mediziner in Hausarzt.net. "Ansonsten aber kann man als Männlein ein Bild von Stallone, Sarkozy oder dem Großvater einsenden, als Weiblein entsprechend. Das fällt offensichtlich nicht auf."
Die AOK Schleswig-Holstein bestätigt, dass es in Einzelfällen vorkomme, dass "keine menschliche Person oder eine Person des öffentlichen Lebens eingestellt wurde". Selbst bei einer Sichtkontrolle aller Karten könne eine eingescannte Comicfigur schon mal durchrutschen, sagt Sprecherin Andrea Elsenplässer. "Ansonsten achten wir eher auf technische Details wie Helligkeit, Kontrast und Auflösung." Ob das Foto wirklich die Versicherte Luise Meyer und nicht doch deren Nachbarin Sophie Müller zeigt, kann die Kasse ohnehin nicht prüfen. Eine Bestätigung der Identität des abgebildeten Versicherten durch die Kasse ist nicht vorgesehen - obwohl gerade der Kartenmissbrauch ein schlagendes Argument für die neue elektronische Karte samt Foto war.
Das Roll-Out der Karten läuft auf Hochtouren 
"Spätestens beim Arzt fällt es jedoch auf, wenn sich ein vermeintlicher Spaßvogel mit einem Micky-Maus-Bild ausweisen will", warnt Tank. Da es sich nicht um einen Spaß handle, sondern um eine gesetzliche Vorgabe zur Identifikation - ähnlich wie beim Personalausweis - fordert der Kassenvertreter alle Ärzte und Kliniken auf, solche Fake-Karten sofort zu melden oder einzuziehen.
Dabei kommt der Protest nicht von ungefähr. Datenschützer bemängeln seit Jahren, dass sensible Patientendaten wie Arztbriefe, Diagnosen oder Röntgenbilder nicht auf der Karte, sondern auf einem zentralen Server gespeichert werden sollen. Zugriff haben dann rund 100.000 Arztpraxen, 3000 Krankenhäuser sowie alle Apotheken und Kassen. Ob sich dadurch die Versorgung der Patienten verbessert, ist fraglich. Fest steht, dass die Karte teuer wird. 1,5 Milliarden Euro hat die IT-Industrie schon einkassiert.
Das Roll-Out der Karten läuft trotz dieser Bedenken und zahlreicher technischer Pannen auf Hochtouren. Erst kürzlich waren zwei Millionen Karten ohne Pin ausgeliefert worden und mussten zurückgerufen werden. Trotzdem: Bis Ende Dezember sollen 50 der insgesamt rund 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten die neue Karte erhalten haben. Rund 70 Prozent aller AOK-Versicherten im Norden werden laut Elsenplässer dann mit der Karte ausgestattet sein. Kliniken sowie Arzt- und Zahnarztpraxen haben die nötigen Lesegeräte bereits angeschafft.