Neumünster Die Messer-Rache der "Bandidos"

Von sh:z | 27.04.2010, 11:34 Uhr

Rockerkrieg mitten in Schleswig-Holstein: Zwei Anhänger der "Hells Angels" wurden in einem Schnellrestaurant überfallen und schwer verletzt.

Blaue Papiertücher liegen im Eingang. Ein Angestellter des Schnellrestaurants "Subway" in der Innenstadt von Neumünster verteilt sie auf dem Fußboden, versucht, eine gewaltige Blutlache abzudecken. Sie ist das Zeugnis der jüngsten Eskalation der Gewalt im Kampf rivalisierender Rockerbanden in Schleswig-Holstein.
Eine Gruppe "Bandidos" aus Neumünster hat drei Mitglieder der "Red Devils" Neumünster angegriffen. Vor den Augen entsetzter Kunden, die sich gerade ein Sandwich kaufen wollten.
"Überfallartig durch Messer verletzt"
Das "Subway" ist ein bekannter Treffpunkt der "Bandidos", im Sommer sitzen sie gerne davor in der Sonne. Warum die "Red Devils", die als Unterstützer der "Hells Angels" gelten, ausgerechnet dort etwas bestellten, ist unklar. Um 19.45 Uhr kam zu einem Zusammentreffen. "Die Geschädigten wurden überfallartig durch Messerstiche verletzt", erklärt Stefan Jung, Sprecher des Landeskriminalamts (LKA).
Erik B. (45) von den "Red Devils" erlitt lebensgefährliche Stiche in den Oberkörper, zusätzlich Verletzungen an den Beinen. Nur durch eine Notoperation konnte er gerettet werden. "Red Devil" Bodo W. (50) wurde durch Messerstiche in die Oberarme verletzt, verließ nach ambulanter Behandlung aber das Krankenhaus. Der dritte "Red Devil" blieb unverletzt.
"Seine Kutte zu verlieren ist die größte Schande"
Beiden Messeropfern wurden die Kutten geraubt. Das sind die Lederjacken mit den Emblemen der Clubs. Polizeidirektor Joachim Gutt vom LKA: "Eine Kutte wird normalerweise bis zum Tode verteidigt. Sie zu verlieren, ist die größte Schande für einen Rocker." Und so reiste kurz nach der Tat auch ein "Hells Angels"-Präsident an, um den Verletzten einen Besuch abzustatten.
Die Polizei startete einen Großeinsatz, aktivierte die Soko "Rocker", zog Spezialkräfte aus allen Teilen des Landes zusammen und bestellte bei der Justizvollzugsanstalt Neumünster einen großen Gefangenenbus.
"Bandidos"-Quartier nach Tat umstellt
Die "Bandidos" haben ihr Hauptquartier in einer Villa am Ortsrand von Neumünster. Dieses Gebäude umstellten die Polizisten, nahmen Kontakt mit den "Bandidos" auf, die schließlich freiwillig herauskamen. LKA-Sprecher Jung: "Es wurden 14 Personen festgenommen. Sie leisteten keinen Widerstand."
Während die "Bandidos" im Gefängnisbus zur Vernehmung gefahren wurden, durchsuchten Ermittler ihr Clubhaus nach Beweisen. Ob die Tatwaffen gefunden wurden, darf der Sprecher nicht sagen. Nur dies: "Die festgenommenen Personen wurden nach Abschluss der Maßnahmen und nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft Kiel in den frühen Morgenstunden wegen zurzeit fehlender Haftgründe wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen."
Mercedes sichergestellt
Ein dringender Tatverdacht gegen einen der "Bandidos" hat sich bisher nicht erhärten lassen. Allerdings wurde ein älterer Mercedes abgeschleppt, der den Rockern als Fluchtwagen gedient haben könnte. Genau einen solchen Wagen fährt Peter Borchert (36). Der ehemalige NPD-Landesvorsitzende gilt als treibende Kraft bei der Gründung der schleswig-holsteinischen "Bandidos" im Frühjahr 2009. Bereits im Sommer 2008 hatte Borchert vor dem Kieler Amtsgericht "Hells-Angels"-Altrocker Dennis K. niedergestochen. Borchert wurde freigesprochen, nachdem sein Opfer den Behörden jegliche Aussage verweigerte.
Die "Hells Angels" betrachten Schleswig-Holstein als ihr Revier, kämpfen erbittert gegen den nördlichen Brückenkopf der "Bandidos". Sie horteten Kriegswaffen (unsere Zeitung berichtete), und im vergangenen September soll der Flensburger "Hells-Angels"-Präsident Stefan R. (36) auf der A7 einen Neumünsteraner "Bandido" vom Motorrad gerammt haben.
Was Ermittler seitdem befürchteten, ist nun eingetreten: ein Racheakt der "Bandidos".