Toulouse/Paris Der Mörder kam zum Schulbeginn

Von Ralf E. Krüger, dpa | 20.03.2012, 03:59 Uhr

Jüdischer Religionslehrer stirbt mit seinen beiden Kindern und einem Schüler / Ein Serienkiller versetzt Frankreich in Angst und Schrecken

Frankreich ist entsetzt über eine offensichtlich rassistisch-motivierte Mordserie: Ein Unbekannter hat gestern drei Schüler und einen Lehrer vor einer jüdischen Schule in Toulouse erschossen. Die Schüsse kamen aus derselben Waffe, mit der in der vergangenen Woche drei Soldaten getötet und einer schwer verletzt worden waren - ebenfalls in Toulouse und in der etwa 50 Kilometer entfernten Gemeinde Montauban. Drei der Soldaten hatten Wurzeln in Nordafrika, einer war ein Schwarzer. Jedes Mal beschrieben Zeugen den Täter als einen schwarz gekleideten Mann, der auf einem Motorroller geflüchtet war.

Vor Beginn des Unterrichts feuerte der Täter vor der Ozar-Hatorah-Schule auf einen 30-jähriger Religionslehrer und dessen zwei Kinder im Alter von drei und sechs Jahren, wie Staatsanwalt Michel Valet mitteilte. Das dritte Opfer war zehn Jahre alt. Außerdem gab es mindestens einen Schwerverletzten - nach Medien-Informationen einen 17-Jährigen, der in Lebensgefahr schwebt. "Der Mann ist vom Roller gestiegen und hat auf alle geschossen, die neben ihm standen. Einige Kinder hat er sogar ins Innere verfolgt", erklärte Staatsanwalt Michel Valet. Er bescheinigt dem Täter ungewöhnliche Kaltblütigkeit und sieht beängstigende Parallelen zu den Soldaten-Morden der vergangenen Tage. Der Täter habe denselben, als gestohlen gemeldeten PS-starken Motorroller für seine Flucht genutzt, hieß es unter Berufung auf Ermittler. Mit derselben großkalibrigen Waffe waren schon am 11. und 15. März zwei Anschläge auf Soldaten in Toulouse und in Montauban verübt worden. Es deutet auf einen Militär-Revolver hin, wie ihn die US-Armee im Zweiten Weltkrieg einsetzte. Das bisher bekannte Profil des Mannes entspricht einem Profi-Killer, der methodisch plant, kaum Spuren hinterlässt und auf offener Straße, am helllichten Tag zuschlägt. Er wisse, wie man Waffen bedient und sie benutzt, hatte eine Zeitung einen der Ermittler zitiert: "Der Mann schießt, um zu töten - meist mit einem Schuss." Völlig unklar sind dagegen die Hintergründe der Taten. Die Spekulationen reichen von einem traumatisierten Afghanistan-Soldaten über einen rassistischen Hintergrund bis hin zu einem verrückten Waffennarren, der mit der Armee eine offene Rechnung begleichen wolle.

Staatschef Nicolas Sarkozy warnte vor derartigen Spekulationen. Er ordnete für heute eine Schweigeminute in den Schulen an. "Ich kann nicht akzeptieren, dass man Kinder in einer jüdische Schule massakriert, das ist eine Tragödie", sagte er im französischen Fernsehen. "Der Hass, die Grausamkeit darf nicht gewinnen." Auch sein sozialistischer Herausforderer im Präsidentschaftswahlkampf, François Hollande, begab sich nach Toulouse. Der Wahlkampf wurde ausgesetzt.

Vertreter jüdischer Gemeinden und der jüdische Weltkongress äußerten sich schockiert. Dessen Präsident Ronald Lauder sprach von einem "verabscheuungswürdigen Terroranschlag" und sprach den Familien der Opfer sein Mitgefühl aus. Das israelische Außenministerium sprach von Entsetzen über die Nachrichten.