Schneekatastrophe 1978/79 Als Sibirien nach Schleswig-Holstein kam

Von Margret Kiosz | 09.12.2008, 12:17 Uhr

Hobbyfilmer aus dem ganzen Land haben ihre Aufnahmen von der Schneekatastrophe 1978/79 für den Dokumentarfilm "Schnee von gestern" zur Verfügung gestellt.

Bequeme Sitze, mollige Wärme - die besten Voraussetzungen für einen gemütlichen Abend. Doch mit jedem Bild, das am Sonnabend über die Leinwand des Kieler Metro-Kinos flimmert, steigt Kälte in den rund 400 Premierenbesuchern auf. "Schnee von gestern" haben die Kieler Filmemacher Gerald Grote und Claus Oppermann ihren Dokumentarfilm über die Zeit um die Jahreswende 1978/79 genannt, als Sibirien nach Schleswig-Holstein kam und ein drei Tage anhaltender Schneesturm samt Orkanböen das Land unter einer meterhohen Schneedecke begrub. Dabei griffen sie auf bislang unveröffentlichte Super-8-Aufnahmen zurück, die 120 Hobbyfilmer während der Schneekatastrophe aufgenommen und ihnen nach einem Zeitungsaufruf zur Verfügung gestellt hatten.

Herausgekommen ist ein Film, der die Katastrophe von damals aus dem persönlichen Blickwinkel der Menschen zeigt, und zugleich eine spannende und außergewöhnliche Expedition in die Landesgeschichte. Das Urteil der aus dem ganzen Land angereisten Zuschauer war einhellig: "Das ist Kino vom Feinsten."
Chaos und zauberhaftes Weiß
Bei vielen wurden Erinnerungen wach: An frierende Menschen und hungerndes Vieh in dunklen Häusern und Ställen. An Stromausfall und zusammengebrochene Verkehrsverbindungen. An Helfer, die bis zur Erschöpfung kämpften, um Menschen und Vieh zu versorgen. An Handwerker auf Schlitten und Ärzte auf Skiern. An bizarre Situationen, als eine Hochzeitsgesellschaft - darunter 40 Klinikangestellte - per Helikoper aus der Schneewüste befreit wurde. Aber auch an Kinder, die sich in der weißen Pracht vergnügten. Und am Ende an eine zauberhafte Landschaft. Nachdem der Sturm sich gelegt hatte, wurde aus dem Drama ein Idylle.

Grote und Oppermann, die bereits mit ihrem erfolgreichen Film "8 Millimeter Kieler Woche" ihre Zuschauer auf eine einmalige Sehreise mit Amateur-Aufnahmen zur Geschichte der Kieler Woche mitgenommen hatten, haben aus den Filmstreifen der Hobbyfilmer eine überzeugende und kurzweilige Dokumentation zusammengestellt. "Wir hatten 30 Stunden Material von Flensburg bis Itzehoe, von 20 Sekunden bis zu 45 Minuten", erzählt Oppermann und lobt die technische Qualität der Filme "mit Super-8-Charme". Bei vielen Spulen, die sie jeweils persönlich abholten, sei es schwer zu entscheiden gewesen, was weggelassen werden soll. Geblieben sind von den 30 Stunden Material 53 Minuten Film, untermalt mit Musik und begleitet von beeindruckenden Interviews mit Betroffenen, die damals von der Katastrophe buchstäblich kalt erwischt wurden. Rückblickend berichten sie aber auch von einer enormen Solidarität in den Dörfern und Städten.
DVDs und Aufführungen

Unterstützt wurde das 50.000-Euro-Projekt von der Stadt Kiel sowie von der VR-Bank, und 15.000 Euro gab es von der Filmförderung Schleswig-Holstein. "So viel kostet eine Tatort-Minute - wir haben daraus 53 Minuten Kinofilm gemacht", sagt Oppermann stolz.

Er hofft, dass der DVD-Verkauf und die Aufführungen in 20 Gemeinden die Kosten wieder einspielen. Die DVD wird demnächst in den Geschäftsstellen des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (sh:z) erhältlich sein. Der sh:z präsentiert auch die Filmtournee im Land. Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben.