Landgericht Flensburg 86-Jährige vergewaltigt: Bewährung für 21-Jährigen

Von blu | 19.11.2011, 10:30 Uhr

Am frühen Morgen des 29. Mai wurde Herta K. in Hollingstedt aus dem Schlaf gerissen, brutal vergewaltigt. Ihr Peiniger erhielt eine Bewährungsstrafe.

Die Horrornacht hat bei der alten Dame schwere seelische Wunden hinterlassen. Am frühen Morgen des 29. Mai wurde Herta K. in Hollingstedt (Kreis Schleswig-Flensburg) aus dem Schlaf gerissen, brutal vergewaltigt. Der Täter, Jan-Christian P., war durchs Küchenfenster eingebrochen. Nach der Tat stahl P. noch das Mobiltelefon des Opfers, ging ins Elternhaus im selben Ort - und zu Bett. Das Unfassbare: Das Opfer zählt 86 Jahre, der Vergewaltiger war 20 Jahre alt.

Für die "unglaubliche Tat, die uns Kopfzerbrechen bereitet und nicht nachzuvollziehen ist", so der Vorsitzende Richter der II. Großen Jugendkammer am Landgericht Flensburg, wurde P. am Freitag zu zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Er muss 350 ge meinnützige Arbeitsstunden leisten, muss um das Opfer eine Bannzone einhalten und sich einer Therapie unterziehen. Mit dem Urteil folgte das Gericht den Plädoyers von Anklage und Verteidigung. Die Anwältin des Opfers hatte drei Jahre Jugendstrafe verlangt.
Warum? "Mir nicht erklärlich"
Mit gesenktem Haupt "und der Tat im Kopf, die er sich selbst nicht erklären kann", so der Verteidiger, nahm der kräftig gebaute junge Mann das Urteil entgegen. Beschönigen wollte der Angeklagte nichts. Er war nach eigener Aussage von einem Feuerwehrfest im nordfriesischen Ostenfeld gekommen, hatte dort bei einem Mädchen keinen Erfolg gehabt. Zurück in Hollingstedt sei er - wie so oft - noch nachts durchs Dorf spaziert. Dann überfiel er die alte Dame in ihrem Haus. Warum? "Mir nicht erklärlich."

Der Gutachter wie auch die Jugendhelferin skizzierten eine schwere Kinder-, Jugend- und Schulzeit des Angeklagten. P., der fünf Geschwister hat, habe stets versucht, eigene Lernmängel "mit Fleiß und Arbeit" zu kompensieren. Auffällig sei aber dessen mangelnde Fähigkeit, Emotionen anderer Menschen zu erkennen. Der jetzt 21-Jährige war bislang nicht straffällig geworden, eine Wiederholungsgefahr schloss der Gutachter aus.

Die fast sechsmonatige U-Haft habe auf den Angeklagten gewirkt, erkannte der Richter an. Nicht zuletzt wegen seiner Ehrlichkeit und Reue, aber auch verzögerten Reife sei das milde Jugendurteil gefallen. Der Richter machte klar, dass P. nach Erwachsenenrecht und bei Wiederholung wesentlich härter bestraft würde. Das Opfer wolle kein Geld, nur Gerechtigkeit, hatte die Nebenklagevertreterin gesagt. Die 86-Jährige sei eine "außergewöhnlich tapfere Frau", skizzierte ihre Anwältin. Die alte Dame hat physische Verletzungen erlitten, die abgeheilt seien. Doch psychisch werde sie bis an ihr Lebensende leiden. "Sie schreit nachts nach ihrem inzwischen verstorbenen Bruder, der sie als Kind stets beschützt hat", sagte die Anwältin.