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30-jährige Brieffreundschaft : Alles andere als Bullerbü: Hilferuf an Astrid Lindgren

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Das Leben der Teenagerin Sara steht Kopf. Sie schreibt der Autorin – und es beginnt eine besondere Brieffreundschaft.

shz.de von
erstellt am 04.Okt.2015 | 14:18 Uhr

Als Sara Schwardt noch ein Teenager war, damals in den 70ern, da war ihr Leben ein einziges Chaos. Sie rauchte, sie schwänzte die Schule und sie rannte immer wieder von zuhause weg. Einmal wurde sie dabei erwischt, als sie Bier klauen wollte. Und dann drohte sie damit, eine Bombe in einem Kaufhaus zu zünden. So kam sie in die Jugendpsychiatrie. Alles andere als Bullerbü, dieses Leben. Alles andere als eine heile Welt voller glücklicher Kindheitserlebnisse wie Astrid Lindgren sie in ihren Geschichten beschrieben hat. Aber die Sehnsucht danach, die hatte Sara wohl in sich. Und die Sehnsucht danach, dass ein erwachsener Mensch sie ernst nimmt. Genau diesen Menschen fand sie in Astrid Lindgren.

„Ich glaube an Wunder,“ sagt Sara Schwardt heute, „und das, was ich mit Astrid erlebt habe, ist ein Wunder.“ Denn die weltbekannte Kinderbuchautorin hat viel damit zu tun, dass Sara jetzt, mit Mitte fünfzig, ihren Weg gefunden hat.

Alles beginnt mit einem Brief von Sara an Astrid Lindgren. „Willst Du mich glücklich machen?“ schreibt die Zwölfjährige am 15. April 1971. Sie bittet Astrid Lindgren um die Rolle in einem Kinderfilm und kritisiert äußerst ungestüm die damals neuen Lindgren-Verfilmungen. Die Schauspieler seien „enttäuschend“ und „schlecht“, die Geschichten würden „kaputt gemacht“. Die Antwort folgt prompt. Astrid Lindgren scheint verärgert. Und Sara – völlig schockiert – zerreißt den Brief und spült ihn die Toilette herunter. Doch das sollte nicht das Ende, sondern der Anfang einer langen Brieffreundschaft werden.

Astrid Lindgren bekommt zu dieser Zeit säckeweise Post. Deshalb macht sie sich zur Regel jedem Kind nur einmal zu antworten. Sara ist die einzige, die immer wieder Post von ihr bekommt. 30 Jahre lang. Antworten auf temperamentvolle Briefe, in denen es um Saras Probleme geht, um Selbstzweifel und Einsamkeit. Astrid Lindgren tröstet sie und gibt dabei auch viel von sich preis: „Sara, mein kleines Springkraut, Dein Brief macht mich besorgt, Du scheinst es schwer zu haben und fühlst Dich einsam, vergessen und beschissen dran“, fühlt sie sich mit überraschend derbem Ton in Sara hinein. Dann erzählt sie aus ihrer eigenen Jugend: „Ich fand – genau wie Du – dass das Leben total mies war. Als ich 19-20 Jahre alt war, wollte ich mich immerzu umbringen.“

Die Brieffreundinnen schreiben völlig offen. Beide halten die Briefe geheim. Astrid schafft es, Sara vom Rauchen abzubringen. Sie überzeugt sie, die Schule nicht zu schwänzen. Und sie warnt sie eindringlich vorm Trinken: „Ich weiß sehr viel über Alkohol.“ Ihr Mann Sture Lindgren war an Alkoholsucht gestorben und auch ihr Sohn hatte getrunken. Diese Offenheit bewegt Sara noch heute: „Es hat mich immer besonders berührt, wenn sie mir von ihrem Kummer erzählt hat.“ Und das hat sie. So erfährt Sara vom Tod des Bruders, den Zweifeln der heranwachsenden Astrid, dass sich jemals jemand in sie verlieben würde, selbst von den Schwierigkeiten beim Schreiben. Ein Austausch auf Augenhöhe. Sara ist zutiefst dankbar dafür: „Sie hat mir gezeigt, dass ich wertvoll bin.“

Als Sara berichtet, dass ihr Vater sie geschlagen hat, reagiert Astrid anders als alle. In den Briefen wird deutlich, dass Sara auch schwierig war. „Ich war ein trauriges aber vor allem wütendes Kind“, beschreibt Sara sich selbst als Jugendliche, „Erwachsene haben sich schnell von mir provoziert gefühlt.“ Astrid ergreift uneingeschränkt Partei für sie: „Wie kannkannkann man nur so etwas tun, ein Kind schlagen, und dazu sogar noch das eigene Kind! Du sollst wissen, dass eine außenstehende Person Dir recht gibt, das ist mir wichtig. Du hast das Recht, kein braves, geduldiges Kind zu sein.“

Jetzt doch Bullerbü: Ganz in der Nähe der berühmten Kulisse wohnt Sara Schwardt heute.

Jetzt doch Bullerbü: Ganz in der Nähe der berühmten Kulisse wohnt Sara Schwardt heute.

Foto: Drexel
 

Bis heute verehrt Sara Schwardt Astrid Lindgren: „Sie sprach mit allen auf die gleiche Art und Weise, ob es nun berühmte Personen waren oder ganz normale Leute.“ Nur in einer Hinsicht hätte sie mehr auf Astrid hören sollen, meint Sara Schwardt. „Ich hätte mehr für meine Bildung tun sollen.“ Sara wollte Schauspielerin werden, dann Schriftstellerin oder Journalistin. Statt dessen wird sie Schwesternhelferin, heiratet, bekommt drei Kinder. Nach ihrer Scheidung beginnt sie in einem Krankenhaus zu putzen, mehr als zehn Jahre lang. „Jeden Tag Böden und Toiletten zu schrubben ist nicht gerade inspirierend. Aber ich habe immer Hörbücher gehört und deshalb hatte ich auch gute Tage beim Putzen.“ Astrid war schon lange tot, da gab sie Sara Schwardts Leben die entscheidende Wende.

Sara wird darum gebeten, einer Veröffentlichung des Briefwechsels zuzustimmen. „Zuerst hatte ich schlaflose Nächte. Ich hab’ mir Sorgen gemacht um meine Familie.“ Heute hat sich Sara längst mit ihren Eltern versöhnt: „Ich wollte nicht, dass jemand schlecht über sie denkt.“ Dann das Versprechen an Astrid, den Briefwechsel geheim zu halten. Und wieder Zweifel, wen sollten ihre Briefe interessieren? Doch die Reaktionen, die Sara Schwardt seit der Veröffentlichung der schwedischen Fassung bekommt, haben sie ermutigt: „Viele berichten mir, dass sie sich selbst in mir sehen. Und ich dachte immer, ich sei allein mit meinen Problemen.“ Erneut hat der Briefwechsel mit Astrid Lindgren ihr geholfen, sich selbst als wertvoll zu sehen. Mittlerweile findet sie das Buch wundervoll.

Sara Schwardt ist heute stolz auf den Briefwechsel –hier mit der schwedischen Ausgabe. 

Sara Schwardt ist heute stolz auf den Briefwechsel –hier mit der schwedischen Ausgabe. 

Foto: Privat
 

Ihr Leben hat sie komplett umgekrempelt. Sara Schwardt lebt jetzt in Småland, nur einen Steinwurf von Astrid Lindgrens Grab entfernt. Sie macht Lesungen, gibt Interviews, schreibt. Und sie arbeitet als Gästeführerin im Kinderfilmdorf Mariannelund, genau dort also, wo Michel aus Lönneberga gedreht wurde. „Die Leute, die hierher kommen, lieben Astrid Lindgren. Und weil ich ihnen von ihr erzähle, mögen sie auch mich. Das macht mich glücklich.“ Auf Facebook, wo sie all ihre Termine postet, schmücken der Nordhof, der Südhof und der Mittelhof ihre Seite – Bullerbü. Die drei Höfe stehen nur wenige Kilometer entfernt von ihrem neuen Zuhause. „Man kann so viel im Leben machen“, sagt Sara Schwardt. „Ich fühle mich frei. Seit zwei, drei Jahren ist mein Leben einfach schön.“ Getroffen haben sich Sara und Astrid übrigens nie.

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