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Nach Terroranschlag in Istanbul : Alle zehn Todesopfer sind Deutsche

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Es gibt keine Hinweise darauf, dass der tödliche Anschlag in Istanbul gezielt gegen Deutsche gerichtet war. In der Türkei gab es mehrere Festnahmen.

shz.de von
erstellt am 13.Jan.2016 | 09:40 Uhr

Istanbul/Berlin | Bei zehn Todesopfern des Terroranschlags in Istanbul handelt es sich um Deutsche. Das hätten polizeiliche Ermittlungen ergeben. Das Auswärtige Amt bestätigte das. Die medizinischen Untersuchungen seien aber noch nicht endgültig abgeschlossen. Bislang war die Nationalität von zwei der zehn Todesopfern unklar. Der elfte Tote ist der Selbstmordattentäter selbst.

Die Türkei ist nach den tödlichen Terroranschlägen im Oktober 2015 alarmiert. Damals sprengten sich zwei Selbstmordattentäter bei einer Friedensdemo in Ankara in die Luft. 103 Menschen starben. Es war der blutigste Anschlag in der jüngeren türkischen Geschichte.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) reist an diesem Mittwoch in die Türkei. Der Minister wolle in Istanbul seinen türkischen Kollegen Efkan Ala treffen und sich ein Bild von der Lage machen, sagte eine Sprecherin des Innenressorts am Dienstagabend der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Der Selbstmordanschlag hat sich nach bisheriger Einschätzung der Bundesregierung nicht gezielt gegen Deutsche gerichtet. „Nach bisherigem Ermittlungsstand liegen keine Hinweise darauf vor, dass der Anschlag gezielt gegen Deutsche gerichtet war“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Mittwoch in Istanbul.

Nach dem Anschlag ist es einem Medienbericht zufolge im südtürkischen Antalya zu einer Polizeioperation gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gekommen. Drei verdächtige russische Staatsbürger seien festgenommen worden, meldete die Nachrichtenagentur DHA am Mittwoch. Sicherheitskräfte hätten bei einer Durchsuchung Dokumente und Datenträger beschlagnahmt. Ob die Festnahmen in direktem Zusammenhang mit dem Anschlag von Istanbul standen, blieb unklar. Antalya ist eines der beliebtesten Urlaubsziele von Deutschen in der Türkei.

Im zentralanatolischen Konya sind der Agentur zufolge vier mutmaßliche IS-Angehörige verhaftet worden. Ihnen werde vorgeworfen, der Terrormiliz Kämpfer zugeführt und diesen beim Grenzübertritt nach Syrien geholfen zu haben.  Im westtürkischen Izmir wurden den Angaben zufolge sechs Verdächtige festgenommen und Waffen beschlagnahmt.

Der 1988 geborene Attentäter hatte sich am Dienstagvormittag mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Umgebung der Hagia Sophia und der Blauen Moschee im historischen Zentrum Istanbuls in die Luft gesprengt. Insgesamt starben neben dem Angreifer zehn Menschen, 15 weitere erlitten Verletzungen.

Deutsche Opfer aus Hessen, Berlin, Brandenburg, Sachsen und Rheinland-Pfalz

Unter den Todesopfer waren drei Rheinland-Pfälzer, drei Sachsen, ein Ehepaar aus Brandenburg, ein Berliner und ein Hesse. Die getöteten und schwer verletzten Urlauber aus Rheinland-Pfalz stammten aus Mainz und Bad Kreuznach. Es handele sich um zwei Ehepaare, sagte ein Polizeisprecher am Morgen in Mainz. Die Angehörigen seien inzwischen informiert worden. Die Eheleute aus Mainz - ein 61 Jahre alter Mann und seine 59 Jahre alte Frau - wurden bei dem Attentat am Dienstagvormittag getötet, ebenso der Mann (73) aus Bad Kreuznach. Seine Ehefrau erlitt schwere Verletzungen und liegt in einer Istanbuler Klinik.

Bei dem Opfer aus Hessen handelt es sich nach Angaben der Staatskanzlei um einen 67 Jahre alten Mann aus dem Norden des Bundeslandes. Seine 50-jährige Frau sei verletzt worden.

Auch zwei Eheleute im Alter von 71 und 73 Jahren aus Falkensee in Brandenburg seien umgekommen, sagte der Potsdamer Regierungssprecher Andreas Beese. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wurde bei dem Anschlag auch ein Urlauber aus Berlin getötet. Zudem wurden eine Berlinerin schwer sowie ein weiterer Mann aus der Bundeshauptstadt leicht verletzt. Auch die „Berliner Zeitung“ (Online) berichtete darüber.

Touristen waren auf Drei-Länder-Erlebnisreise

Die deutschen Opfer waren nach Angaben des Reiseveranstalters Lebenslust Touristik auf einer Drei-Länder-Erlebnisreise und kamen aus dem gesamten Bundesgebiet. Insgesamt zählte die Reisegruppe 33 Mitglieder, wie der Sprecher des Reiseunternehmens, Ingo Leßmann von der sk-medienconsult sagte.

Ein Teil dieser Reisenden habe an einem Gruppenbesuch der Wahrzeichen Istanbuls teilgenommen. Auf dieser Tour lag auch der Anschlagsort in der Nähe der Hagia Sophia und der Blauen Moschee. Andere Urlauber hätten ein individuelles Programm absolviert. Die Drei-Länderreise umfasse Istanbul, Dubai und Abu Dhabi. In der türkischen Metropole seien die Urlauber am Montag angekommen. Die Weiterreise nach Dubai sei für den Mittwoch geplant gewesen.

Geheimdienst warnte vor Anschlägen

Vor dem Selbstmordattentat hat der türkische Geheimdienst MIT einem Medienbericht zufolge vor Terrorangriffen unter anderem auf Touristen im Land gewarnt. Die Zeitung „Hürriyet“ berichtete, die Hinweise vom 17. Dezember und 4. Januar seien an Sicherheitsbehörden im ganzen Land gegangen. In den Warnungen habe es geheißen, Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) seien ins Land eingedrungen. Sie könnten nach Istanbul oder Ankara weitergereist sein oder auch über die Türkei in andere europäische Länder ziehen.

„Hürriyet“ berichtete, in der Warnung heiße es, der IS plane Selbstmordanschläge „auf in der Türkei lebende Nichtmuslime, Ausländer, Tourismusregionen, von ausländischen Besuchern stark frequentierte Orte oder auf Botschaften und Konsulate der entsprechenden Länder und auf NATO-Einrichtungen im Land“.

Reaktionen aus den betroffenen Bundesländern

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und andere Spitzenpolitiker aus den betroffenen Bundesländern reagierten bestürzt. „Mein tief empfundenes Mitgefühl gilt den Familien, Angehörigen und Freunden“, sagte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). „Ich verurteile dieses feige Verbrechen aufs Schärfste. Heute ist ein Tag des Innehaltens und der Trauer. Wir sind entschlossen, den Gefahren des internationalen Terrorismus entgegenzutreten.“

„Hier wurden Unschuldige Opfer sinnlosen Terrors“, sagte der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) erklärte: „Unsere Gedanken sind jetzt bei den Angehörigen der Opfer. Wir verurteilen diesen abscheulichen Terroranschlag auf das Schärfste.“

Die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner, deren Wahlkreis Bad Kreuznach ist, äußerte sich ebenfalls entsetzt: „Die Nachricht von den drei rheinland-pfälzischen Todesopfern, eines darunter auch aus meiner Heimatstadt, geht uns natürlich besonders nahe.“

Weltweite Reaktionen auf den Terroranschlag

Weltweit reagierten Politiker mit Trauer und Entsetzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte den Anschlag als „mörderischen Akt“: „Die Terroristen sind Feinde aller freien Menschen, ja, sie sind Feinde aller Menschlichkeit“, sagte sie am Dienstagabend in Berlin. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach von „Stunden der Trauer, der Wut und des Entsetzens“.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, es handele sich um ein „verachtenswertes Verbrechen“. Die USA betonten, sie stünden weiter fest an der Seite der Türkei. „Dieser abscheuliche Angriff in Istanbuls historischem Herzen hat Türken und ausländische Touristen gleichermaßen getroffen“, erklärte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates Ned Price in Washington. Frankreichs Präsident François Hollande sprach von einem „abscheulichen Terroranschlag“.

Auch Saudi-Arabien und Ägypten verurteilten den Terroranschlag. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan machte in Ankara einen „Selbstmordattentäter syrischer Herkunft“ für die Tat verantwortlich. Die Nachrichtenagentur DHA berichtete dagegen, der Attentäter stamme aus Saudi-Arabien und sei kürzlich aus Syrien in die Türkei eingereist.

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