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Selbstmordanschlag in der Türkei : Acht Deutsche in Istanbul getötet - Türkei verdächtigt IS

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Ein Selbstmordattentäter sprengt sich nahe der weltberühmten Hagia Sophia in Istanbul in die Luft - mitten in einer deutschen Reisegruppe. Mindestens acht Deutsche werden getötet.

shz.de von
erstellt am 12.Jan.2016 | 19:38 Uhr

Istanbul | Ein Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat im historischen Zentrum Istanbuls mindestens acht Deutsche mit sich in den Tod gerissen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte den Anschlag als „mörderischen Akt“.

Die Türkei ist nach den tödlichen Terroranschlägen im Oktober 2015 alarmiert. Damals sprengten sich zwei Selbstmordattentäter bei einer Friedensdemo in Ankara in die Luft. 103 Menschen starben. Es war der blutigste Anschlag in der jüngeren türkischen Geschichte.

Der Angreifer sprengte sich nach türkischen Angaben mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Umgebung der Hagia Sophia und der Blauen Moschee in die Luft. Der 1988 geborene Attentäter habe dem IS angehört, sagte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu in Ankara. Insgesamt gab es nach türkischen Angaben zehn getötete Opfer sowie den toten Attentäter.

„Die Terroristen sind Feinde aller freien Menschen, ja, sie sind Feinde aller Menschlichkeit“, sagte Merkel am Dienstagabend in Berlin. Die Kanzlerin betonte: „Genau diese Freiheit und unsere Entschlossenheit, gemeinsam mit unseren internationalen Partnern, gegen diese Terroristen vorzugehen, werden sich aber durchsetzen.“ Möglicherweise könne es noch weitere Todesopfer geben.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte, es habe acht getötete Deutsche gegeben, neun weitere Bundesbürger seien zum Teil schwer verletzt. Steinmeier sprach von „Stunden der Trauer, der Wut und des Entsetzens“. „Seit vielen Jahren hat uns Deutsche der Terror nicht mehr so schwer getroffen wie heute in Istanbul“, sagte Steinmeier. Zugleich versicherte er: „Wir dürfen und werden uns von Mord und Gewalt nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil: Gemeinsam mit unseren Partnern auf der Welt werden wir dem Terror auf allen Ebenen entgegentreten.“

Davutoglu sagte, alle zehn Todesopfer seien Ausländer gewesen. Nach früheren Angaben aus Regierungskreisen in Ankara waren 9 der 10 Todesopfer Deutsche. Ein weiteres Opfer stammt aus Peru, wie die Regierung in Lima mitteilte. Mindestens 15 Menschen wurden nach türkischen Regierungsangaben verletzt.

Bundespräsident Joachim Gauck reagierte bestürzt auf das Selbstmordattentat in Istanbul. „Wieder wurden bei einem hinterhältigen terroristischen Anschlag unschuldige Menschen ermordet, darunter viele Deutsche“, sagte das Staatsoberhaupt in einer Erklärung. Das Auswärtige Amt gedachte den Opfern via Twitter:

Davutoglu kündigte an, der Kampf gegen den IS werde fortgesetzt, bis die Terrormiliz keine Gefahr mehr darstelle. In einem Telefonat sprach Davutoglu Bundeskanzlerin Merkel sein Beileid und Bedauern aus. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan machte in Ankara einen „Selbstmordattentäter syrischer Herkunft“ für die Tat verantwortlich. Die Nachrichtenagentur DHA berichtete dagegen, der Attentäter stamme aus Saudi-Arabien und sei kürzlich aus Syrien in die Türkei eingereist. Saudi-Arabien und Ägypten verurteilten den Terroranschlag.

Das Auswärtige Amt in Berlin richtete einen Krisenstab ein.

Nach dem Anschlag verhängte die türkische Regierung eine Nachrichtensperre. Zur Begründung teilte die Medienaufsicht RTÜK mit, ein solcher Schritt sei laut Gesetz möglich, wenn er der „nationalen Sicherheit“ diene. Eine dpa-Reporterin wurde von Polizisten daran gehindert, in der Umgebung des Anschlagsortes Fotos zu machen. Die dpa-Reporterin berichtete vor Ort von zahlreichen Polizisten sowie Rettungskräften. Auch Bombenentschärfer seien im Einsatz, sagte sie.

Der IS hatte im vergangenen Jahr mehrere Anschläge in der Türkei verübt, sich dabei aber vornehmlich auf kurdische Ziele konzentriert. Touristen waren bislang kein Anschlagsziel des IS.

Eine Reporterin von CNN Türk berichtete von schockierten Touristen, die nach der Explosion auf dem Pflaster gesessen hätten. Augenzeugen hätten gesagt, sie hätten einen Feuerball aufsteigen gesehen. Zu der Detonation sei es an dem ägyptischen Obelisken gekommen, der in der Nähe der Hagia Sophia, der Blauen Moschee und des Deutschen Brunnens steht. Die Explosion um 10.15 Uhr (Ortszeit/09.15 MEZ) war noch in einigen Kilometern Entfernung zu hören.

Ein Twitter-Foto soll den Moment der Explosion zeigen:

Unter den acht deutschen Opfern sind mehrere Touristen eines Berliner Reiseunternehmens. „Die schrecklichen Ereignisse des heutigen Tages machen uns tief betroffen“, sagte der Geschäftsführer der Lebenslust Touristik GmbH Berlin, Marco Scherer, laut einer Mitteilung. Es wurden zunächst keine Angaben gemacht, woher die Opfer stammen.

Das Amt empfiehlt deutschen Urlaubern „dringend“, alle Menschenansammlungen in der Millionenstadt zu meiden. Die Reisehinweise auf der Homepage des Ministeriums wurden am Dienstag entsprechend aktualisiert.

Die Explosion in Istanbul.

Die Explosion in Istanbul.

 

Wegen der Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes könne man die Durchführung gebuchter Städtereisen nach Istanbul nicht garantieren, teilte das Reiseunternehmen Thomas Cook mit. Den Kunden biete man bis zu einem Abreisetermin einschließlich des 22. Januar kostenlose Umbuchungen und Stornierungen an. Kunden der DER-Marken wie ITS, Jahn oder Meier's Weltreisen haben diese Möglichkeit sogar bis zum 10. Februar. Auch die Tui ermöglicht Türkei-Reisenden gebührenfrei auf ein anderes Reiseziel oder einen anderen Reisezeitraum umzubuchen.

Hintergrund: Der Stadtteil Sultanahmet

Der Stadtteil Sultanahmet in Istanbul gilt als eines der beliebtesten Ausflugsziele in der Türkei für Touristen aus aller Welt. Benannt ist er nach Ahmet I., der als Sultan von 1603 bis 1617 über das Osmanische Reich herrschte. Das Altstadtviertel liegt auf einer Halbinsel im europäischen Teil Istanbuls. Hier befand sich auch das Zentrum des historischen Konstantinopels.

In der Nähe des zentralen Sultanahmet-Platzes stehen mit der Blauen Moschee, der Hagia Sophia und dem Topkapi-Palast die bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Auf dem Platz steht auch der Deutsche Brunnen, der im Andenken an einen Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. in Istanbul im Jahre 1898 errichtet wurde. 1985 erklärte die Unesco das Viertel zum Weltkulturerbe.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat im abgelaufenen Jahr mehrere Anschläge in der Türkei verübt. Touristen waren allerdings bislang kein IS-Anschlagsziel.

Hintergrund: Terroranschläge in der Türkei

Allein im Jahr 2015 haben Terroranschläge in der Türkei rund 170 Menschen das Leben gekostet.

  • Oktober 2015: Am Rande einer regierungskritischen Demonstration in der Hauptstadt Ankara reißen zwei Sprengsätze mehr als 100 Menschen in den Tod. Die Staatsanwaltschaft macht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich.
  • September 2015: Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica 16 Soldaten.
  • August 2015: Bei einem Bombenanschlag und einem Angriff auf eine Polizeiwache in Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.
  • Juli 2015: Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit sich in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz IS verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.
  • Juni 2015: Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.
 

Im Südosten des Landes läuft außerdem eine Offensive der türkischen Streitkräfte gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, die damit gedroht hat, den Konflikt auch in den Westen der Türkei zu tragen. Die PKK greift aber in der Regel staatliche Einrichtungen an und ist bemüht, ihr Verhältnis zu westlichen Ländern zu verbessern.

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