Fahrtauglichkeit im Alter : Abschied vom Führerschein: Wenn es plötzlich nicht mehr geht

Obwohl die 92-Jährige nicht mehr Auto fährt, hat sie ihren Führerschein immer dabei.

Obwohl die 92-Jährige nicht mehr Auto fährt, hat sie ihren Führerschein immer dabei.

Viele Ältere lassen erst vom Lenkrad, wenn es knallt. Und selbst in der Stadt fällt der Absprung schwer. Eine Reportage.

shz.de von
04. April 2018, 08:41 Uhr

Berlin | Der Tag, an dem Christa Fischer die Bordsteinkante rammte, war einer ihrer schlimmsten. Sie hatte zwar keinen Kratzer abbekommen. Aber als sie da stand und die Männer des ADAC das Wrack ihres roten Mazdas wegfuhren, wurde ihr schlagartig bewusst, dass die Zeit gekommen war. Die Zeit, die sie immer verdrängt hatte: Christa Fischer hatte gerade ihr letztes Auto zu Schrott gefahren. Totalschaden. Ihre Augen waren wohl schlechter als sie gedacht hatte. Und in ihrem Alter sollte sie wohl keinen neuen Wagen mehr kaufen. Damals war Christa Fischer 90 Jahre alt.

Inzwischen ist die Berlinerin mit den braunen Locken 92. Sie sitzt im Gemeinschaftsraum eines Seniorenzentrums, wo sie Rentnern jede Woche Gymnastikkurse gibt. Ihre Kursteilnehmer fragen sie oft, wie das so ist ohne Auto. Dann sagt sie immer: „Ich fühle mich wie amputiert.“ Danach lacht sie laut, so wie sie es immer tut, wenn sie etwas Unangenehmes erzählt. „Damals, nach diesem Wums, sah ich dem Ende entgegen.“ Sie hält inne. „Aber das Ende ist noch weit weg. Ich bin noch ganz gut beisammen. Wären da nur nicht die Augen.“

„Einige merken nicht, dass ihre Kräfte nachlassen“

Die Augen. Wenn sie schlechter sehen, fahren viele ältere Autofahrer zunehmend unsicherer. Viele hören nicht mehr so gut, reagieren langsamer, können nicht mehr über die Schulter schauen. Auch bestimmte Medikamente beeinträchtigen ihre Fahrt. Und obwohl viele vorsichtiger, nur am Tag und nur bekannte Strecken fahren, verursachen über 75-Jährige überproportional viele schwere Unfälle.

 

Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. So sind über 75-Jährige an drei von vier Unfällen mit Toten und Verletzten schuld, an denen sie beteiligt sind. Auch junge Fahrer unter 21 sind an vielen schweren Unfällen, in die sie verwickelt sind, schuld, laut Statistik jedoch etwas weniger häufig. Und da Menschen immer länger leben, wird es in Zukunft noch mehr Unfälle mit Senioren geben, erklären die Unfallforscher der Versicherer.

Christa Fischer sagt: „Einige merken nicht, dass ihre Kräfte nachlassen. Man muss das Unausweichliche akzeptieren.“ Sie lacht wieder. „Aber ich werde mein Auto wohl bis zum Ende vermissen.“ Das Auto bedeutete Freiheit für die ehemalige kaufmännische Direktorin eines Berliner Hotels. Ihren ersten VW Käfer kauften Fischer und ihr Mann nach dem Zweiten Weltkrieg. „Das war ein richtiges Statussymbol. Endlich konnten wir reisen. Quer durch Deutschland, nach Italien bis nach Sizilien und Sardinien.“

Gesundheitchecks politisch nicht gewollt

Auch Ulrich Mehl ist in seinem Leben mehrere Zehntausend Kilometer gefahren. Inzwischen ermüden den 74-Jährigen die vielen Autos, Straßenbahnen, Busse, Radfahrer und Fußgänger in Berlins Innenstadt. Seine Tochter riet ihm, einen freiwilligen Fahrfitnesscheck zu machen. Dabei fahren Senioren wie bei einer Fahrprüfung mit einem Fahrlehrer durch die Straßen. Danach gibt der Experte Empfehlungen und Tipps. Den Führerschein kann er aber nicht wegnehmen, auch den Behörden meldet er seine Beurteilung nicht.

Das ist in vielen Ländern anders: Ältere Schweizer, Italiener, Finnen, Tschechen, Neuseeländer und Kanadier etwa müssen alle paar Jahre Gesundheits- oder Sehtests absolvieren. In einigen Staaten kann der Arzt sie dann zum Fahrtest schicken – wenn sie diesen nicht bestehen, ist der Führerschein weg. Japan testet auch, ob Rentner dement sind.

Leserumfrage: Sollten Autofahrer zum regelmäßigen Gesundheitscheck?

 

In Deutschland möchten aber weder Politiker noch Autoclubs unsichere Rentner zwingen, mit dem Autofahren aufzuhören. Sie appellieren stattdessen an deren Eigenverantwortung. Sie kennen die Liebe zum Auto und die Abhängigkeit davon, besonders auf dem Land. Auch können Wissenschaftler nach Angaben des Weltverkehrsforums der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) noch nicht genau sagen, ob Tests für alle Senioren zu insgesamt mehr Verkehrssicherheit führen. In Deutschland müssen nur Lastwagenfahrer regelmäßig ihre Reaktionsfähigkeit in speziellen Zentren überprüfen lassen.

Etwa 3300 ältere Autofahrer haben im vergangenen Jahr in Deutschland freiwillige Feedbackfahrten mit Experten der Autoclubs ADAC und ACE gemacht. Knapp 83.000 weitere haben einen „Sicher Mobil“-Kurs für Senioren des Deutschen Verkehrssicherheitsrats besucht, wo sie etwa lernen, wie man vom Auto auf den öffentlichen Verkehr umsteigt.

Zudem haben rund 219.000 Senioren Infoveranstaltungen der Deutschen Verkehrswacht besucht, wo sie beispielsweise Seh- und Reaktionstests machen können. Für solche Angebote interessieren sich dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat zufolge immer mehr Rentner. Einige würden ihre Fähigkeiten auch in Kursen testen, die nicht speziell an Senioren adressiert sind - weil sie sich nicht alt fühlten.

Fahrstunde mit 74-Jährigem

Vor Ulrich Mehls Fahrfitnesscheck fragt Fahrlehrer Uwe Bocher: „Sind Sie nervös?“ – „Ein bisschen. Ich werde ja beobachtet.“ Mehl fährt sicher los. Dann kommt er auf eine Kreuzung mit viel Verkehr. Einige Fußgänger rennen noch bei Rot rüber. Ein Bus kommt von der Seite, Fahrräder auch. Mehl hat Grün. Er zögert. Hinter ihm wird gehupt. „Immer diese Drängler“, schimpft Mehl und fährt los. „Das war etwas knapp“, sagt Bocher mit einer ruhigen Stimme. „Ich hätte noch etwas gewartet. Wenn was passiert, haben Sie das Problem. Lassen Sie sich von denen nicht aus der Ruhe bringen.“ Plötzlich piepst es.

<p>Fahrlehrer Uwe Bocher (l) gibt Ulrich Mehl auf einer Testfahrt Tipps, wie er auch im Alter sicher unterwegs sein kann.</p>
dpa

Fahrlehrer Uwe Bocher (l) gibt Ulrich Mehl auf einer Testfahrt Tipps, wie er auch im Alter sicher unterwegs sein kann.

„Was war das?“ - „Der Abstandsmesser – wahrscheinlich gab es da ein Objekt“, erklärt der Fahrlehrer. Er sagt, dass die Töne vieler Assistenzsysteme im Auto Senioren verwirren, da sie die Geräusche nicht gleich zuordnen können. Die Fahrt geht weiter ins Viertel, wo Mehl wohnt. Bei einer Abzweigung fragt Bocher: „Haben Sie Vorfahrt?“ - „Ja“, antwortet Mehl. „Nein“, sagt Bocher und erklärt, dass bei der Straße kürzlich die Verkehrsschilder ausgetauscht worden sind.

Nach einer Dreiviertelstunde endet die Fahrt vor Bochers Büro. Dort sieht es aus wie in einem Spielzimmer: Dutzende bunte Modellautos liegen auf Regalen. Eine Straßenkarte hängt an der Wand, daneben viele kleine Magnete mit Verkehrsschildern. Bocher gibt Mehl wie den meisten seiner Prüflingen gute Noten. „Man merkt, dass Sie viel gefahren sind“, sagt Bocher dem Rentner, der früher Lastwagen bei der Bundeswehr steuerte und als amtlicher Naturschützer quer durchs Land kurvte, um Biotope zu kartographieren. „Aber vielleicht könnten Sie die eine oder andere Verkehrsregel nochmals anschauen.“

Zum Check kommen immer die Falschen

Der Experte erklärt, dass Rentner Unfälle oft deswegen verursachten, weil sie zu sehr nach Gefühl fahren, die Vorfahrt missachten, falsch lenken oder abbiegen oder falschen Abstand zu anderen Fahrzeugen halten. Anschließend besprechen die beiden Männer die schwierigsten Situationen der Testfahrt. Dabei malt Bocher eine Kreuzung auf eine weiße Tafel und schiebt einen kleinen Bus, zwei Magnetautos und zwei Fußgängerfiguren hin und her. Zuletzt gibt er Mehl ein Zertifikat fürs Mitmachen beim Fahrfitnesscheck.

Bocher bietet seit sieben Jahren Feedbackfahrten und spezielle Weiterbildungskurse für Senioren an. Sein Fazit: „Die Rentner, die wirklich kommen sollten, kommen nicht.“ Die meisten kämen auf Drängen von Ehefrau oder Kindern, die sich Sorgen machten. Viele Familien verschweigen das Thema jedoch, um Streit zu vermeiden.

Ulrich Mehl hat versucht, Freunde und Bekannte zu überzeugen, auch einen Fahrfitnesscheck zu machen - erfolglos. „Für viele gilt: Je größer der SUV, desto mehr Prestige.“ Für Mehl wird es einfacher sein, aufzuhören. Für ihn waren Autos immer nur ein Mittel, um von A nach B zu kommen. Inzwischen hat er eine Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr in Berlin. „Das ist in meinem Alter angenehmer.“ Er findet Projekte wie in Baden-Württemberg oder Frankfurt toll, wo ältere Menschen günstig Bahn und Bus fahren können, wenn sie den Führerschein abgeben.

Christa sitzt weiterhin vorne

Christina Fischer hingegen würde keine Gratisfahrkarte dazu bringen, in die Bahn umzusteigen. Bahnen und Busse hat sie immer schon gehasst. „Dort ist es zu eng und man muss sich immer nach diesen Fahrplänen richten.“ Seit dem Unfall fährt sie Taxi. „Ich sitze immer neben dem Fahrer. Dann fühle ich mich fast wie im eigenen Auto.“ Die 92-Jährige kramt in ihrer Handtasche und holt ihren Führerschein aus dem Portemonnaie. Sie schaut die kleine Karte an. „Ich kann gar nicht mehr genau sehen, was da steht.“

Ihren Führerschein hat sie immer in der Tasche, seit sie ihn mit 27 Jahren erhalten hat. „Mein Auto war mein Freund.“ Sie lächelt. Ihre Hände zittern leicht. „In all den Jahren hatte ich nie einen Punkt in Flensburg.“ Und dann: „Ich bin seit dem Unfall nie mehr gefahren, aber es könnte ja sein, dass ich ihn eines Tages bei einem Notfall noch mal brauchen werde.“

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