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Auto-Selbsttest : Abenteuer Alkohol - in fünf Fahrten zum Pylonen-Rempler

vom

„Ich kann noch fahren“, sagt so mancher nach zwei, drei oder vier Gläsern Bier. Redakteur Julian Heldt macht den Test.

Meine Hände umklammern fest das Lenkrad der silbernen A-Klasse, der Blick ist auf die vier roten Hütchen fokussiert, die der ADAC auf seinem Übungsplatz aufgebaut hat. Blöd nur, dass diese Hütchen plötzlich gar nicht mehr so klar erkennbar sind wie noch vor einer Stunde. Die Folgen von vier Bier und vier Schnaps. „Don’t drink and drive“, heißt es deshalb auf immer mehr Alkoholflaschen. Eine Warnung, die immer noch zu wenige Autofahrer befolgen. „Wer trinkt, hat in unserer Gesellschaft ein Problem, wer nicht trinkt aber auch“, erklärt ADAC-Vorstand Hans-Jürgen Feldhusen das Problem. 260 Menschen starben im Jahr 2014 an den Folgen eines alkoholbedingten Verkehrsunfalls in Deutschland, es gab zudem 16856 Verletzte. Unter Aufsicht des ADAC und professioneller Fahrlehrer haben wir  auf  der Fahrsicherheitsanlage in Kiel-Boksee getestet, wie sich Alkohol auf das eigene Fahrvermögen auswirkt. Ein Selbstversuch.

Der Parcours:
Bremsen, einparken, Slalom fahren, Hindernissen und Wasserfontänen ausweichen – der Parcours, den mein Fahrlehrer Herbert Cordsen mit mir abfährt, hat es in sich. Ziel ist es, die Strecke nicht nur fehlerfrei, sondern auch in einer angemessenen Zeit zu bewältigen. Schließlich kann es im  Straßenverkehr jederzeit zu unvorhersehbaren Ereignissen kommen – sowohl bei 50 Stundenkilometern in der Stadt als auch bei Tempo 180 auf der Autobahn.

1. Fahrt (0,0 Promille): 
Die Einführungsrunde läuft ohne größere Probleme. Ich fühle mich fit und gewöhne mich langsam an den fremden Übungswagen. „Langsamer fahren“, warnt mich Fahrlehrer Cordsen vor der gewässerten Kurve. Zu spät. Sofort springt das ESP an, um Untersteuern zu verhindern. Fehler Nummer eins. Es folgt der Bremstest: Zielgenauigkeit ist hier angesagt. Wer zu früh bremst, verliert. Wer zu spät zum Stehen kommt, aber auch. Also gut: Mit Tempo 60 fahre ich auf den mit rot-weißen Pylonen markierten Bremsbereich zu und gehe voll in die Eisen. Mit  einem lauten Quietschen blockieren die Räder, mein Wagen bleibt deutlich vor der Markierung stehen. Zwar ein Fehler, aber immerhin wäre im Ernstfall niemand zu Schaden gekommen. Mit insgesamt drei Fehlern beende ich nach 2,08 Minuten meine erste Fahrt. Das Herrengedeck – ein großes Bier und ein Schnaps – warten zu diesem Zeitpunkt bereits auf mich. „Wir werden jetzt widerlegen, dass man mit drei Bier noch gut Autofahren kann“, kündigt mein Fahrlehrer schon jetzt an.

2. Fahrt (0,42 Promille):

Prost: Anstoßen unter Kollegen.

Prost: Anstoßen unter Kollegen.

Foto: Victoria Lippmann

Das erste Kaltgetränk ist verzehrt und schon jetzt bin ich mit 0,42 Promille gerade noch im Bereich des Erlaubten. Aber auch nur, weil ich noch keine Ausfallerscheinungen zeige und keinen Unfall baue. Ansonsten könnte ich schon mit dieser geringen Menge an Alkohol im Körper haftbar gemacht werden. Dementsprechend froh bin ich auch, dass es nun wieder auf den ADAC-Übungsplatz geht – und nicht in den Straßenverkehr.

Die Fahrt läuft dennoch ohne Problem, noch zeigt der Alkohol keine Wirkung. Auch Fahrlehrer Cordsen ist zufrieden – noch. Mit nur zwei Fehlerpunkten fahre ich über die Ziellinie. Die Fehler sind die gleichen wie bei der Probefahrt: Erneut untersteuert mein Wagen in der gewässerten Kurve und das ESP rattert munter drauflos. Direkt  im Anschluss ist es dann die Wasserfontäne – die Königsdisziplin des Kurses – die mir Schwierigkeiten bereit. Ohne Vorankündigung schießt sie aus dem Boden und ich soll durch eine kleine Lücke in der Regenfront ausweichen. Doch wo ist dieses Loch? Ich sehe es jedenfalls nicht. Die ersten Anzeichen des Alkohols? Mit voller Wucht knallt das Wasser auf meine Windschutzscheibe.   Aber immerhin bin ich besser als zu Beginn. Ob das so bleibt? Wohl kaum. Das nächste Herrengedeck wartet.

3. Fahrt (0,9 Promille):
Nach zwei Bier und zwei Schnaps geht es in den roten Bereich. Ich liege jetzt deutlich über der gerade noch tolerierten Grenze von 0,5 Promille. Würde ich jetzt im Straßenverkehr erwischt werden, wäre der Lappen weg und ich müsste ein saftiges Bußgeld zahlen. Und das ist auch gut so. Langsam lähmt der Alkohol meine Stimmbänder, die Aussprache ist nicht mehr ganz so deutlich. Das Autofahren selbst funktioniert hingegen noch erstaunlich gut – denke ich zumindest. Probleme gibt es nämlich beim Einparken. Eine Übung, die ich bei den ersten Fahrten noch ohne Probleme gemeistert hatte. Mit einem dumpfen Knall macht sich der Fehler bemerkbar. Zum Glück ist es nur eine Pylone, die ich mit meinem Heck zu Fall bringe. Im Stadtverkehr wäre es entweder ein fremdes Auto oder eine Laterne gewesen. Ärger programmiert. Fehler Nummer zwei folgt keine Minute später: Natürlich die Wasserfontäne. Was war dieser Loch? Es bleibt den gesamten Tag über ein Rätsel.

4. Fahrt (1,1 Promille):
„Das war jetzt schon aber sehr ruppig“, sagt Fahrlehrer Cordsen nach meiner  dritten Fahrt unter Alkoholeinfluss. Und auch ich selbst merke die Unterschiede. Mein Sichtfenster ist eingeschränkt. Ich bin im sogenannten Tunnel und werde deutlich risikofreudiger. Meine Stimme versagt immer öfter. Ich lalle. Immerhin funktioniert es mit der Koordination noch einigermaßen, sodass ich die Kontrolle über den Wagen noch nicht gänzlich verliere. Dennoch häufen sich die Fehler. Wieder muss beim Einparken eine Pylone dran glauben und auch die Wasserfontäne lässt sich nicht bezwingen. Einzig die Zeit wird besser. Oder eher gesagt: Die Konzentration lässt nach und ich drücke stärker aufs Gas. Ein positiver Effekt? Wohl kaum. Nach der Fahrt werden Bekanntschaften mit den anderen Testteilnehmern geschlossen. Die Stimmung ist ausgelassen, auch wenn die Kommunikation immer schwerer wird. Sowohl inhaltlich als auch akustisch.

5. Fahrt (1,44 Promille):

Bei 1,44 Promille geht nichts mehr.

Bei 1,44 Promille geht nichts mehr.

Foto: Victoria Lippmann

Nach vier Bier und vier Schnaps trete ich mit 1,44 Promille meine letzte Fahrt an. In diesem Bereich werden die meisten Verkehrsunfälle in Deutschland verursacht. Es wird ein Desaster. „Die relative Fahruntüchtigkeit  war gegeben. Der Rückwärtsgang wurde viel zu früh reingeknallt. Da waren viele Punkte, die nicht gestimmt haben“, wird Fahrlehrer Cordsen später sagen. Zu Recht. Ich konzentriere mich überhaupt nicht mehr und versage in jeder Prüfung. Selbst der bisher so einfache Slalom gelingt nicht mehr, da ich die roten Hütchen nur noch schemenhaft erkenne. Vom Einparken ganz zu schweigen. Würde ich mich jetzt im Straßenverkehr bewegen, würde ich nicht nur eine Straftat begehen (ab 1,1 Promille), sondern mich und andere Verkehrsteilnehmer akut gefährden.

„Für mich gilt deshalb 0,0 Promille im Straßenverkehr. Selbst beim Griechen verzichte ich auf den obligatorischen Ouzo“, sagt  Cordsen und  ist schon wieder im Recht.  Erst nach 15 Stunden darf ich mich nun wieder hinter das Steuer setzen, da der Körper Alkohol zwar schnell aufnimmt, aber mit 0,1 Promille pro Stunde extrem langsam abbaut. Eine Warnung für all diejenigen, die nach einer durchzechten Nacht gleich am nächsten Tag wieder unterwegs sind. Wie gut, dass meine Kollegin mich jetzt wieder nach Hause fährt. Auf eigene Faust den Heimweg anzutreten, wäre für mich ohnehin nicht in Frage gekommen. Erst recht nicht nach dieser Lehrstunde. Don’t drink and drive!

Das Video:

 
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erstellt am 27.Feb.2016 | 16:15 Uhr

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