Neuer Tierschutzskandal in Niedersachsen? : Videos veröffentlicht: Kühe per Seil auf Anhänger gezogen

Ein Rind wird per Seil auf einen Transporter gezogen.
Ein Rind wird per Seil auf einen Transporter gezogen. Foto: Soko Tierschutz

Die Aufnahmen zeigen Kühe mit einem Seil um Beine oder Hals. Durch das Ziehen schneidet sich das Seil ins Fleisch der lebendigen Tiere.

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10. April 2019, 23:01 Uhr

Osnabrück | Ein halbes Jahr nach den schockierenden Aufnahmen aus einem Rinderschlachthof in Bad Iburg haben Tierrechtler des Vereins „Soko Tierschutz“ nun erneut Bildmaterial veröffentlicht: Es zeigt, wie kranke und verletzte Rinder auf Bauernhöfen per Seilwinde auf einen Anhänger gezogen und zu einem Schlachtbetrieb transportiert werden. Zunächst hatte darüber das ARD-Magazin Plusminus berichtet.

Nach Angaben des Vereinsvorsitzenden Friedrich Mülln entstanden die Aufnahmen zwischen dem 7. März und 1. April. Sie zeigen erneut einen zweifelhaften Umgang mit nicht mehr transportfähigen Rindern. Laut Mülln sind die Aufnahmen auf Bauernhöfen in Niedersachsen sowie in einem Schlachtbetrieb im Landkreis Stade entstanden. Der Betreiber ließ Fragen des Bayrischen Rundfunks nach Angaben der Reporter unbeantwortet. Ein Telefongespräch mit unserer Redaktion wurde durch vorzeitiges Auflegen beendet.

Erinnerungen an Bad Iburg

Die Szenen erinnern an die Veröffentlichungen aus dem Schlachthof Bad Iburg im Landkreis Osnabrück. Im Herbst vergangenen Jahres hatten Aktivisten um Mülln dokumentiert, wie bis zu 160 Rinder binnen eines Monats per Seilwinde in den Betrieb geschleift wurden.

Foto: Soko Tierschutz
Foto: Soko Tierschutz

Der Betrieb ist mittlerweile geschlossen. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen laufen gegen die Betreiber und zwei Tierärzte.

Weiterlesen: Schlachthof: Wie viel System steckt hinter der mutmaßlichen Tierqual?

Mülln hat im aktuellen Fall nach eigenen Angaben Anzeige gegen 20 Landwirte, das Veterinäramt des Landkreises Stade sowie den Schlachthof-Betreiber erstattet. Der Tierrechtler schlussfolgert aus den Aufnahmen, dass der Betrieb systematisch kranke und schwer verletzte Tiere geschlachtet hat.

Eigentlich ist der Transport von Rindern, die nicht mehr laufen können, verboten. Die Tiere müssen auf dem Bauernhof notgetötet werden. Für Landwirte bedeutet das immer einen wirtschaftlichen Verlust.

Abholung beim Bauern?

Der Schlachthof in Bad Iburg und mutmaßlich auch der Schlachthof in Stade schienen eine Möglichkeit für Landwirte darzustellen, doch noch Geld mit den Tieren zu verdienen. Laut Mülln hat der Stader Betrieb die Tiere mit eigenen Transportern auf den Bauernhöfen abgeholt.

Auf dem Anhänger soll eine Seilwinde installiert gewesen sein, mit der die Tiere auf die Ladefläche gezogen wurden. Die Aufnahmen zeigen Kühe mit einem Seil um Beine oder Hals. Durch das Ziehen schneidet sich das Seil ins Fleisch der lebendigen Tiere.

Foto: Soko Tierschutz
Foto: Soko Tierschutz

„Soko Tierschutz“ hatte die Behörden bereits in der vergangenen Woche über die dokumentierten mutmaßlichen Missstände informiert. Das Landwirtschaftsministerium in Hannover veröffentlichte eine Mitteilung. Der Landkreis Stade untersagte bis auf Weiteres die Schlachtung.

Bei Kontrollen aufgefallen

Die Bewertung des Bildmaterials stehe noch aus, hieß es auf Anfrage unserer Redaktion aus dem Kreishaus. Der Betrieb sei seit Anfang 2018 insgesamt sieben Mal unangekündigt von Amtstierärzten kontrolliert worden. „In zwei Fällen wurden wegen Tierschutzverstößen gegen den Betrieb beziehungsweise einzelne Mitarbeiter Bußgelder verhängt“, so der Kreis. Strafverfahren habe es aber nicht gegeben.

Zudem hätten die im Schlachthof eingesetzten Veterinäre Hinweise auf Tierschutzverstöße an den Kreis gemeldet – diese hätten jedoch Tierhalter oder Transporteure betroffen. Die Verfahren seien noch nicht abgeschlossen.

Fleisch zurückgerufen

Auf Anfrage des Bayrischen Rundfunks teilte der Kreis zudem mit, dass Fleisch aus dem Betrieb teilweise zurückgerufen und sichergestellt worden sei. Laut Tierrechtler Mülln soll es in dem Unternehmen auch zu Hygieneverstößen gekommen sein. Der BR kontaktierte zudem einen Fleischverarbeiter aus dem niederländischen Enschede, der zu den Kunden des Schlachtbetriebes gezählt haben soll. Auch hier hieß es, das Fleisch aus Stade sei vorsorglich aus dem Verkehr gezogen worden.

Sollten die Vorwürfe der Tierrechtler zutreffen, haben sich weder Landwirte noch Schlachthofbetreiber von den Veröffentlichungen rund um den Schlachthof Bad Iburg beirren lassen. Das Landwirtschaftsministerium hatte damals unangekündigte Kontrollen in einer Reihe von Schlachtbetrieben veranlasst. Der Skandal löste eine breite Debatte um den Tierschutz aus. Keine sechs Monate später wurden dann mutmaßlich wieder nicht transportfähige Rinder in einen Schlachtbetrieb geschleift.


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