Neu im Kino : Robinson in der Apokalypse: Endzeit-Film "In My Room"

Endlich Selbstversorger: Hans Löw in Ulrich Köhlers Endzeit-Film 'In My Room'.
Endlich Selbstversorger: Hans Löw in Ulrich Köhlers Endzeit-Film "In My Room".

Erst stirbt Armins Oma – und dann der ganze Rest der Menschheit: Ulrich Köhlers Endzeit-Film "In My Room" kommt ins Kino.

shz.de von
06. November 2018, 13:30 Uhr

Berlin | Seine Premiere hatte Ulrich Köhlers apokalyptische Robinsonade "In My Room" in Cannes. Am 8. November kommt der Film in die deutschen Kinos. ("Suspiria" bis "Phantastische Tierwesen 2": Die wichtigen Filmstarts des Monats)

Das Leben ist endlich: "In My Room"

Bevor „In My Room“ zur Endzeit-Geschichte wird, ist Ulrich Köhlers Film erst mal das Porträt eines Jedermanns in den Vierzigern: Armin ist aus Ostwestfalen-Lippe nach Berlin gezogen, haust seit Jahrzehnten in einer improvisierten Wohnung und macht irgendwas mit Medien, wenn auch schlampig und mit geringem Erfolg. Dass er ein Erwachsener ist, fällt ihm so wenig auf, dass er um ein Haar mit der Tochter einer Freundin schläft. Armin legt sich auf nichts fest, und erst als seine Oma stirbt, wird ihm bewusst, dass auch sein Leben irgendwann vorbei sein wird – und das, wenn er so weitermacht, bevor es richtig angefangen hat. Tatsächlich stirbt dann aber nicht Armin, sondern der Rest der Menschheit. Als er eines Morgens aus der Trauer um seine Oma erwacht, treibt ein Ausflugsdampfer führerlos auf dem Fluss, die Tankstelle ist verwaist und auf menschenleeren Straßen liegen umgekippte Motorräder.

Die Endzeit macht den Walking Dead zum Menschen

Um in der Sprache des Genres zu bleiben: Während Armin in der Normalität als „Walking Dead“ durch die Welt schlurfte, fängt er in der Endzeit zu leben an. Die Notwendigkeiten des Überlebens geben seinen Tagen Struktur, er sät und erntet, isoliert sein Haus mit Stroh und übernimmt Verantwortung für sich und sogar für andere – auch wenn die anderen zunächst nur Ziegen, Hühner und ein Pferd sind. Irgendwann platzt aber auch eine Frau in sein Selbstversorger-Dasein. Für eine Zeit verbünden die beiden sich, und ob sie am Ende die letzten oder die ersten Menschen sind, lässt der Film offen.

Apokalypse als Versuchsanordnung

Ulrich Köhlers „In My Room“, der seine Premiere in der Cannes-Sektion „Un Certain Regard“ feierte, nutzt die Apokalypse als Versuchsanordnung: Ähnlich wie Marlen Haushofers „Die Wand“ (1963) wird die Katastrophe nie erklärt und vor allem dazu genutzt, die Hauptfigur auf sich selbst zurückzuwerfen. Im Setting des Weltuntergangs denkt Köhler über das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung nach und führt vor, dass Selbstverwirklichung nicht im Bewahren aller Möglichkeiten stattfindet, sondern gerade im Verzicht darauf.

Immer bleibt „In My Room“ ein stimmungsvoller Genrefilm zwischen Endzeit und Beziehungsdrama, der auch vom schönen Realismus seiner Bilder lebt. Dabei begeistert nicht nur die überwucherte Zivilisation, für die ein ganzer Vorort über Monate seine Vorgärten vernachlässigen musste. Schon Armins von altem Leben verstopftes Elternhaus ist gut inszeniert und ein starkes Identifikationsangebot an eine ganze Generation. Und natürlich machen auch die tollen Darsteller diesen Film so sehenswert: Für Armins Wandlung von der saloppen Schlafmütze zum selbstgenügsamen Robinson steht Hans Löw ein; sein weibliches Gegenüber spielt die in Deutschland wenig bekannte Italienerin Elena Radonicich.

„In My Room“. D 2018. Regie: Ulrich Köhler. D: Hans Löw, Elena Radonicich, Michael Wittenborn, Ruth Bickelhaupt. 120 Minuten, Ab 12 Jahren.

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