„Frau Jordan stellt gleich“ : Katrin Bauerfeind bekämpft Sexismus für Joyn und Pro7

Frau Jordan stellt gleich: Katrin Bauerfeind wird bei Joyn zur Frauenbeauftragten.
Frau Jordan stellt gleich: Katrin Bauerfeind wird bei Joyn zur Frauenbeauftragten.

Darf man über Feminismus lachen? Katrin Bauerfeind erklärt ihre Joyn-Serie „Frau Jordan stellt gleich“.

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22. September 2019, 00:01 Uhr

Berlin | „Mit Feuerwehr-Wichsern kann ich“, sagt Frau Jordan. Die Gleichstellungsbeauftragte einer deutschen Kleinstadt freut sich erkennbar, als eine Feuerwehrfrau bei ihr erscheint, die von den Männern aus der Truppe gedrängt wird.

Und wer ein paar Folgen von „Frau Jordan stellt gleich“ gesehen hat, versteht Jordans Erleichterung über den Fall: Offen frauenfeindliche Männervereine sind eine angenehm eindeutige Angelegenheit im Zeitalter der Stolpersteine. Und von denen hat die neue Comedy-Serie des ProSiebenSat.1-Streamingdienstes Joyn eine ganze Menge im Angebot: den Rollstuhlfahrer zum Beispiel, der einen barrierefreien Zugang zum Bordell beantragt. Die Katholikin aus dem Nachbar-Büro, die sich von einer lesbischen Kollegin sexuell belästigt fühlt – die regelmäßig mit ihren 30 Orgasmen der letzten Nacht angibt.

Bauerfeind und Husmann bei der Berliner Premiere

Wie stellt man richtig gleich, wenn in der Realität alle auf eine so komplizierte Weise unterschiedlich sind? In zehn knapp halbstündigen Folgen tänzelt „Frau Jordan“ munter auf den wunden Punkten der Diversitätsdebatte. Und dass das am Ende so gut gelingen würde, hat anfangs nicht mal der Autor geglaubt. Bei der Premiere erinnert Ralf Husmann („Stromberg“) sich an seine Sorge, Comedy überhaupt mit einem Thema zu verbinden. Und dann auch noch mit einem derart verminten. Umso mehr ermahnt er das Publikum, jetzt auch zu lachen: „Wenn das hier schiefgeht, sendet ProSieben jahrelang wieder nur ‚Two and a Half Men‘.“

Neben Husmann sind zur Premiere auch das Team und die Darsteller in einem Berliner Kino erschienen: Ulrich Gebauer zum Beispiel, der als sexistischer Bürgermeister den alten, weißen Mann par excellence spielt. Oder Adina Vetter, die bei Joyn als kalt lächelnde Polit-Intrigantin den Sexismus notfalls auch instrumentalisiert. Und allen voran die Hauptdarstellerin: Katrin Bauerfeind. Wie wurde sie zur Gleichstellungsbeauftragten von Joyn? Wir haben gefragt:

Frau Bauerfeind, wie kamen Sie als Frau Jordan ins Gleichstellungsbüro von Joyn?

Katrin Bauerfeind: Vor drei Jahren habe ich das Buch geschrieben: „Geschichten, die Männern nie passieren würden“. Darin geht es darum, was man als Frau in Deutschland heutzutage noch Lustiges erleben kann. Unsere Produzentin Nanni Erben hatte die Idee, meine Geschichten und die Kernkompetenz von Ralf Husmann, der auch schon „Stromberg“ geschrieben hat, nämlich Büro und Humor, zu kombinieren und daraus eine Comedy-Serie über eine Gleichstellungsbeauftragte zu machen. Für uns war das eine einfache Rechnung: 1+1 = Frau Jordan stellt gleich!


Haben Sie am Drehbuch mitgearbeitet?

Nein. Da muss man den Besten machen lassen. Jeder hat seine Kernkompetenz: Ralf Husmann schreibt die Drehbücher, ich spiele die Hauptrolle Eva Jordan. Die Geschichten aus dem Buch sind auch nur der Aufhänger zum Thema, kein Buch zum Film. Aber Beobachtungen aus alltäglichen Situationen fließen natürlich ein. Die Vorstellung, die es immer noch gibt, davon, wie eine Frau zurechtgemacht sein sollte, wenn es offizieller wird, bei einer Gala oder Feier zum Beispiel. Sowas kommt auch in der Serie vor, aber in ganz eigenständigen Geschichten.

Und wie ist es mit der Figurenkonzeption?

Eva Jordan schießt gern mal über‘s das Ziel hinaus. Das findet sie besser, als das Ziel erst gar nicht zu erreichen. Sie ist sehr schlagfertig, tough und lustig. Man hätte sie auch so durch die zehn Folgen durchmarschieren lassen können und das wäre sicher auch unterhaltsam gewesen. Das fand ich aber nicht spannend. Ich hab versucht ihr eine Herzlichkeit zu geben, Charme und natürlich schießt sie auch einfach aus Unsicherheit oft über‘s Ziel hinaus. Die ganze Serie zeigt zugespitzte Figuren – es ist Comedy –, aber eben auch Menschen, die ich auch aus dem richtigen Leben kenne. Und man ist ja nie zu 100 Prozent emanzipiert oder gar nicht. In der Wirklichkeit gerät man in Situationen und versucht, darin man selbst zu sein, seinen Werte und Überzeugungen treu zu bleiben. Das macht Ralf Husmanns Figuren so echt und schön zu spielen.

Gibt es Gleichstellungsfälle, in denen Sie und Frau Jordan unterschiedliche Meinungen haben? Im Fall der Katholikin, die sich diskriminiert führt, vielleicht? Oder beim Rolli-Fahrer im Puff?

Eva Jordan findet es natürlich schwierig, dass die Katholikin lesbische Frauen schwierig findet, weil sie ihr Gehalt deswegen bekommt, dass sie die Welt nicht sieht wie der Papst. Das Spannende an der Serie finde ich ja, dass wir immer mehrere Meinungen zu den Themen anbieten und man jede Position und Figur verstehen kann. Eva Jordan ist für Offenheit, Toleranz und Fairness. Alle sollen dieselben Möglichkeiten haben. Wenn ihre Chefin aber über die Vorzüge von Tradition und Werten schwärmt, an etwas festhalten will, dass ihr sicher erscheint, dann verstehe ich auch das voll und ganz. Ich halte das für eine große Qualität der Serie, sich auf diese Art mit Themen auseinanderzusetzen, ohne dass wir belehrend oder parteiisch sind.

Frau Jordan und der alte, weiße Mann (Ulrich Gebauer). Foto: Joyn/ProSieben/Christiane Pausch
Joyn/ProSieben/Christiane Pausch
Frau Jordan und der alte, weiße Mann (Ulrich Gebauer). Foto: Joyn/ProSieben/Christiane Pausch


Feminismus scheint immer noch zu verunsichern. Selbst bei Ihrer Premierenfeier, auf einer Bühne voller Gleichstellungsprofis, wurde wortreich überlegt, ob man die Männer oder die Frauen zuerst nach vorn bittet und wem man den Blumenstrauß überreicht.

Wo sich Dinge verändern, gibt es auch Unsicherheit. Deswegen machen wir die Serie ja auch. Als ich mit dem Programm auf Tour war, habe ich als Erstes gesagt: Es geht heute Abend um Feminismus. Da wird es dann ganz still im Saal. Es ist als hätte ich gesagt, wir machen eine Darmspiegelung: Joa, is irgendwie wichtig, aber auch lästig und keiner hat da Bock drauf. Umso besser, dass wir das Thema humorvoll angehen. Lachen setzt ja manchmal auch was in Gang.

Tatsächlich haben bei der „Frau Jordan“-Premiere am Ende nur die Frauen Blumen bekommen. Fanden Sie das nicht ulkig?

Ich bin jedenfalls dafür, dass auch die Männer für ihre Arbeit einen Blumenstrauß bekommen. Deswegen hab ich meinen gleich dem Regisseur geschenkt. Gleichstellung geht in alle Richtungen. Von mir aus können wir auch tauschen und die Frauen kriegen jetzt mal ein paar Jahrzehnte die Krawatten und die Männer Blumen. Oder keiner kriegt mehr was. Geht auch. Hauptsache fair.

„Frau Jordan stellt gleich“. Die zehn Folgen der ersten Staffel sind ab dem 23. September beim kostenlosen ProSiebenSat.1-Streamingdienst Joyn abrufbar.

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