"America's Last Line Of Defense" : Ist Bill Clinton ein Serienmörder? Wenn Satire mit Nachrichten verwechselt wird

Ist Bill Clinton in Wahrheit ein Serienmörder? Das zumindest ist eine der Meldungen, die der Demokrat Christopher Blair auf seiner Satire-Seite verbreitet.
Ist Bill Clinton in Wahrheit ein Serienmörder? Das zumindest ist eine der Meldungen, die der Demokrat Christopher Blair auf seiner Satire-Seite verbreitet.

Bei vielen Trump-Unterstützern ist die Satire-Seite des Demokraten Christopher Blair eine der populärsten auf Facebook.

shz.de von
19. November 2018, 17:53 Uhr

Hamburg | Eigentlich war es als Witz gedacht: Während des US-Präsidentschaftswahlkampfes 2016 rief der 46-jährige Demokrat Christopher Blair bei Facebook eine Satire-Seite ins Leben, um sich über die ohnehin schon kursierenden abstrusen Falschmeldungen der extrem Rechten lustig zu machen, indem er diese an Absurdität noch zu überbieten versuchte: Bill Clinton ist ein Serienmörder, Kalifornien führt die Scharia ein, Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das Wort "Allah" seine Ursprünge im Römischen Reich hat und eigentlich "Gehirnwäsche" bedeutet.

Insbesondere demokratische Politiker wie Bill und Hillary Clinton sowie Barack Obama sind dabei das Ziel von Blairs Satire, zudem das Thema Immigration oder der Islam.

"Teilen, wenn ihr wütend seid!"

Obwohl "Nichts auf dieser Seite ist echt" in der Beschreibung von "America's Last Line Of Defense" steht, werden die Meldungen von russischen und mazedonischen Fake-News-Seiten weiterverbreitet – und erreichen laut einem Bericht der "Washington Post" so bis zu sechs Millionen Menschen, von denen viele die "Nachrichten" wohl glauben könnten. Mehr als 219.000 Nutzern gefällt die Seite, Beiträge werden bis zu 2000 Mal geteilt sowie bis zu 200-fach kommentiert.

Laut "Washington Post" sei Blairs Seite vor allem unter konservativen Trump-Unterstützern über 55 Jahren eine der populärsten auf Facebook. "Wir sind hier, um euch mit Informationen zu versorgen, mit denen sich Konservative wohlfühlen können", heißt es in der Seitenbeschreibung – und daneben steht die Bitte, die Meldungen nicht mit Google oder den Nachrichten in Verbindung zu bringen. "Das würde euch nur weiter verwirren."

"Je extremer wir werden, desto mehr Leute glauben es", sagte der 46-jährige Blair der "Washington Post". Und dabei sei es unerheblich, wie beleidigend, rassistisch oder offensichtlich falsch die Meldungen seien. "Ich kann die absolute Absurdität nicht mehr kontrollieren." Seine Meldungen würden noch immer geliked, geteilt und kommentiert – unabhängig davon, wie offensichtlich falsch sie seien.

"Postillon" veröffentlicht die skurrilsten Reaktionen

Dieses Phänomen gibt es allerdings nicht nur in den USA. Regelmäßig veröffentlicht die deutsche Satire-Seite "Postillon" in der Rubrik "Leserbriefe der Woche" eine Auswahl aus den bemerkenswertesten Reaktionen auf eigene Artikel. Obwohl die Website seit mehr als zehn Jahren besteht, werden auch diese Artikel bis heute von einzelnen Lesern ernsthaft kommentiert und verbreitet, in der Annahme, es handle sich um tatsächliche Meldungen.

Und auch Blair beobachtet seine Leser. Laut "Washington Post" liest mittlerweile ein von ihm zusammengestelltes Team von rund 100 Personen die auf "America's Last Line Of Defense" geposteten Kommentare. Werden die Nutzer beleidigend, würde dies ihren Arbeitgebern sowie Facebook gemeldet. Hunderte Accounts seien so bereits gesperrt worden, einige Personen in ihren Firmen entlassen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen