Toter Winkel bei Lastwagen : "Bike-Flash": Kann dieses Warnsystem Radfahrer vor dem Tod schützen?

Leuchtet das Symbol, befindet sich ein Radfahrer im toten Winkel.
Leuchtet das Symbol, befindet sich ein Radfahrer im toten Winkel.

Vergangenes Jahr starben 76 Radfahrer durch abbiegende Laster. Ein neues Warnsystem soll weitere Todesfälle verhindern.

shz.de von
23. November 2018, 16:34 Uhr

Garbsen | Auf dem Asphalt liegen ein Schuh, ein Rucksack und ein plattgewalzter Fahrradkorb, dutzende Meter weiter steht am Straßenrand ein Kipplaster mit Warnblinklicht. Die 16-jährige Radfahrerin, die er beim Rechtsabbiegen überrollt und mitgeschleift hat, liegt abgedeckt mit einem weißen Tuch dahinter. Um tödliche Unfälle wie diesen am Freitag in Burgdorf bei Hannover zu verhindern, startete – kaum zwei Stunden später und nur einige Kilometer entfernt – in Garbsen ein deutschlandweit einmaliger Pilotversuch. Ein neuartiges Schutzsystem namens Bike Flash und soll Radler vor abbiegenden Lastwagen schützen.

Wie genau funktioniert Bike Flash?

Bike Flash wird an Abzweigungen oder Kreuzungen installiert. Mit Hilfe einer Wärmesensorik können Radfahrer und auch Fußgänger ab einer Entfernung von 40 Metern vor einem Abzweig erkannt werden. An einem Mast an der Kreuzung blinken dann vier dort befestigte Leuchten in unterschiedlicher Höhe, die vor allem abbiegende Lastwagenfahrer aber auch Autofahrer vor der Gefahr warnen sollen.

Ist das nicht ein recht aufwendiges Verfahren?

Die Testanlage an der Einfahrt zum Gelände eines großen Online-Versandhändlers kostet 34.000 Euro, die sich die Stadt Garbsen und die Region Hannover teilen. Wie ein Herstellersprecher sagt, hängen die Kosten unter anderem vom Straßenverlauf und der Entfernung ab, auf der die Wärmesensorik Fußgänger und Radfahrer erfasst.

Das neue System 'Bike-Flash'. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich
dpa/Hauke-Christian Dittrich
Das neue System "Bike-Flash". Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

Was halten Spediteure von dem Bike-Flash-Versuch?

"Ich finde das schon eine sinnvolle Idee", sagt Christian Richter von der Fachvereinigung Güterkraftverkehr und Entsorgung in Niedersachsen. Grundsätzlich begrüße die Branche jede technische Unterstützung, die für mehr Verkehrssicherheit sorgt. Viele Firmen installierten freiwillig zusätzliche Sicherheitstechnik in Lastwagen. Richter appelliert aber auch an Radfahrer, sich der Gefahr der großen Lastzüge bewusst zu sein und diese nicht auf der rechten Seite zu überholen. Am besten sei, an Gefahrenstellen Blickkontakt zum Fahrer zu suchen, um sich sicher zu sein.

Stichwort Sicherheitstechnik, warum ist die nicht längst Vorschrift für Lastwagen?

Längst gibt es elektronische Abbiege-Assistenten, die vor Unfällen im toten Winkel warnen, und Hersteller bauen sie oft bereits in Neufahrzeuge ein. Die EU will eine Pflicht für neue Lastwagen ab 2022 erlassen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will den Einbau dieser technischen Systeme bei Lastwagen in Deutschland beschleunigen - dies geschieht aber zunächst auf freiwilliger Basis der Speditionen und Logistikunternehmen. Die Systeme kosten zwischen 800 und 1300 Euro pro Lastwagen.

Welche Rolle spielen Lastwagen bei tödlichen Fahrradunfällen?

382 Fahrradfahrer kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2017 bei Verkehrsunfällen ums Leben. Besonders schwere Folgen haben Unfälle mit Lastwagen, dabei starben im vergangenen Jahr 76 Radler. Und: Bei solchen Unfällen trugen Radfahrer in nur 20 Prozent der Fälle die Hauptschuld. Bei etwa jedem dritten Unfall mit Personenschaden, an dem ein Fahrrad und ein Lastwagen beteiligt waren, handelte es sich um einen Abbiege-Unfall – weil Lastwagenfahrer oft Radler im sogenannten toten Winkel übersehen.

Weiterlesen: Abbiegeunfälle mit Lkw: So sicher sind Fahrradfahrer in SH unterwegs

Sind es besonders rücksichtslose oder abgelenkte Lasterfahrer, die die Unfälle verursachen?

Nein, die Fahrer stehen nach den Unfällen meist selber vollkommen unter Schock, weil sie aus ihrer Sicht alles für ein sicheres Abbiegen getan haben. Dies wird auch bei Gerichtsverfahren nach den Unfällen deutlich. Weniger als zwei Sekunden etwa blickte ein im August verurteilter Lasterfahrer in Hannover nicht in den richtigen Spiegel, bevor er einen elfjährigen Radler vor den Augen seiner Mutter überfuhr – mit Tempo 14, wie das Gutachten ergab.

Gibt es im Zuge der vernetzten Fahrzeuge der Zukunft nicht auch digitale Sicherungssysteme gegen Unfälle im toten Winkel?

Vor diesem Hintergrund haben der Mobilfunkanbieter Vodafone und der Automobilzulieferer Continental im Sommer eine Kooperation für vernetzte Sicherheit im Verkehr gestartet. Autos, Fußgänger und Radler sollen per Mobilfunk miteinander kommunizieren und vor Gefahren warnen. Wenn ein Auto abbiegen will und ein Radfahrer oder Fußgänger sich im toten Winkel befindet, können beide per Funk übermitteln, dass sie sich direkt in der Nähe befinden. Im Auto geht eine Warnung ein und in Zukunft könnte es auch automatisch abbremsen.

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