Arbeitszeitmodelle : Hat der Achtstundentag ausgedient?

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Ob Deutschlands Arbeitnehmer künftig früher Feierabend haben, bleibt abzuwarten.
Ob Deutschlands Arbeitnehmer künftig früher Feierabend haben, bleibt abzuwarten.

Vor 100 Jahren wurde in Deutschland der Achtstundentag eingeführt. Aber ist das Modell heute noch zeitgemäß?

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23. November 2018, 15:11 Uhr

Hamburg | Sie begleitet uns einen Großteil unseres Lebens: Die Arbeitszeit. Seit genau 100 Jahren ist diese in Deutschland gesetzlich auf acht Stunden pro Tag festgelegt: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs beschlossen Unternehmer und Gewerkschaften dies mit dem Stinnes-Legien-Abkommen, das am 15. November 1918 unterzeichnet wurde. Darin heißt es: "Das Höchstmaß der täglichen regelmäßigen Arbeitszeit wird für alle Betriebe auf acht Stunden festgesetzt." Am 23. November trat schließlich die "Anordnung über die Regelung der Arbeitszeit gewerblicher Arbeiter" des neugegründeten Reichsamts für die wirtschaftliche Demobilmachung inkraft.

Doch was ist davon heute – zum großen Jubiläum des Achtstundentags – noch übrig? Offiziell heißt es im Arbeitszeitgesetzt (ArbZG) nach wie vor: "Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden." Studien zeigen jedoch, dass die Arbeitszeit in Deutschland im Schnitt darüber liegt.

Das deckt sich mit einer im Oktober veröffentlichten Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund. Demnach machen Beschäftigte in Deutschland im Schnitt vier Überstunden pro Woche, jeder Zweite mehr als zwei. Ganz schlecht erwischen es oft Paketfahrer sowie Beschäftigte in Gesundheitsberufen und im Sicherheits- und Überwachungsgewerbe: Sie sind mit mehr als sieben Überstunden pro Woche im Arbeitsleben unterwegs. Ein Extremfall machte bereits Anfang des Jahres die Runde in den Medien: Die Polizei vermeldete bundesweite Rekordüberstunden von mehr als 22 Millionen.

Steigt die Zahl der Überstunden – und damit das Arbeitspensum – also immer mehr an? Reicht der Achtstundentag nicht für die tägliche Arbeit? Professor Werner Eichhorst, Arbeitsmarktforscher am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit und an der Universität Bremen, sagt: "Doch, in vielen Fällen. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit machen die Deutschen im Schnitt 50 Überstunden pro Jahr." Die Wochenarbeitszeit läge dabei mit einer leichten Erhöhung seit 2012 relativ konstant bei knapp über 40 Stunden pro Woche. "Man liegt im Schnitt doch immer noch relativ nah am Achtstundentag."

Arbeitsweisen und Arbeitszeiten haben sich verändert

Flexible Arbeitszeiten, Erreichbarkeit über PC und Smartphone, Homeoffice, Beschäftigung außerhalb der Tarifverträge – der heutige Arbeitsalltag wird von unterschiedlichen Faktoren bestimmt. Arbeitgeberverbände bemängeln eine fehlende Regulierung und dadurch die Gefahr eines erhöhten Arbeitspensums und verschwimmender Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Eichhorst sagt dazu: "Es kann Stress verursachen, wenn man ständig erreichbar ist oder das Gefühl hat, ständig erreichbar sein zu müssen." Das sei aber eine Frage der Unternehmenskultur und der Absprachen. "Es braucht eine Hygiene und vernünftige Planung was Erwartungen und Arbeitsgeschwindigkeit angeht. Es hängt aber auch von der individuellen Bereitschaft und der Marktlage ab." Es sei nicht Aufgabe des Gesetzgebers, das zu unterdrücken.

Vier-Tage-Woche und Fünfstundentag

Den Mehr-Arbeitern gegenüber stehen neue Arbeitsmodelle wie die 25-Stunden-Woche aus Amerika oder die Vier-Tage-Woche. Verschiedene Unternehmen in Deutschland testen Modelle mit einem kompakteren Arbeitstag für ein zielgerichteteres Arbeiten. Die Idee: Die gleiche Arbeit liefern in weniger Zeit. Das ermöglicht einen früheren Feierabend und somit mehr Zeit für die eigene Interessen.

So macht es zum Beispiel Lasse Rheingans seit knapp einem Jahr mit seiner IT-Agentur in Bielefeld: Die Mitarbeiter arbeiten fünf Stunden am Tag bei vollem Gehalt. Darüber berichteten bereites unter anderem "Zeit" und "Bild". "Die Zeit" zitiert Rheingans mit den Worten: "Nach acht Stunden kann doch kein Mensch mehr kreativ sein. Man muss die Leute auch mal durch den Wald laufen lassen." Bei seinen Mitarbeitern kommt das Modell demnach gut an.

Woran wird gespart? Die Meetings sind gerafft, der Office-Talk fällt weg, die Zigarettenpausen werden eingedampft. Stattdessen wird in dem Bielefelder Unternehmen konzentriert und ruhig gearbeitet. Klappt das wirklich? Ein Fazit zog Rheingans im Oktober gegenüber "Karriere.de": So ganz kommt es mit dem Fünfstundentag auch nach einem Jahr noch nicht hin. Er selbst und seine Projektmanager würden oft länger am Arbeitsplatz sitzen. Insbesondere bei Krankheitsfällen werde es schon mal eng, denn die fehlende Arbeitskraft muss aufgefangen werden. Auch an die Arbeitszeit der Partner müssen sich die Mitarbeiter schon mal anpassen. Der Achtstundentag feiert bei ihm trotzdem kein Comeback.

Von einem Gegenbeispiel berichtete "Gründerszene": Ryan Carson, Geschäftsführer eines Programmier- und Weiterbildungsunternehmens, machte bereits 2015 Schlagzeilen mit der Einführung der Vier-Tage-Woche. Doch die Firma hat das Konzept schon wieder aufgegeben. Demnach ging die Idee nicht auf – die verlorene Arbeitszeit fehlte.

Flexible Arbeitszeitmodelle in den Unternehmen

Ist die Arbeitszeitverkürzung also bloß Augenwischerei? Eichhorst erläutert: "Diese Arbeitszeitmodelle sind spekulativ und noch nicht evaluiert. Es gibt kein Modell, bei dem sich abzeichnet, dass es sich durchsetzt." Eher werde es relevant sein, unterschiedliche Modelle innerhalb eines Unternehmens anzubieten: Da sieht der Experte die Zukunft. "Das muss auch nicht unbedingt Verkürzung sein: Arbeitnehmer können auch mehr arbeiten wollen", sagt er. "Flexibilität bleibt ein großes Thema. Es wird eher keine Rückkehr zu starreren Regelungen geben. Der Trend geht je nach Lebenslage und individueller Präferenz zu unterschiedlichen Modellen." Der Fachkräftemangel mache es für Arbeitgeber attraktiv, dahingehend mit ihren Arbeitnehmern Vereinbarungen zu treffen. "Die Unternehmen sind bereit, da etwas zu liefern."

Ein Beispiel dafür sind die Verhandlungen der IG Metall: Im September hat sie eine verkürzte Vollzeit als Option für Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie durchgesetzt. Ab 2019 können Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit zeitweise reduzieren und zwar bis auf 28 Stunden in der Woche. Dazu ist ein Antrag nötig.

Wie arbeiten wir in der Zukunft?

Der Experte geht von einer zukünftigen Arbeit mit individuellen Lösungen aus. "Es wird eine bunte Welt was Arbeitszeiten angeht", sagt Eichhorst. Generell könne man sagen, dass durch den Strukturwandel in den Berufen Arbeit am Wochenende, abends und in der Nacht zunimmt. "Wir bewegen uns in eine Dienstleistungsgesellschaft hinein und das führt zu atypischen Arbeitszeiten, zum Beispiel in der Gastronomie oder im Kulturellen", sagt Eichhorst.

Doch auch in Bürojobs rechnet er mit weiteren Veränderungen. "Die Entwicklung geht hin zu alternierender Heimarbeit. Dabei ist die Anwesenheitspflicht aufgehoben und es ist den Arbeitnehmern zum Teil oder nach Absprache selbst überlassen, wann und wie oft sie kommen. Das setzt sich langsam durch, wo die Arbeit nicht an einen Ort gebunden ist, und wird sich auch fortsetzen", prognostiziert Eichhorst.

Neue Technologien werden auch für eine weitere Verschiebung der Arbeit sorgen: "Das kann so weit gehen, dass man variabel innerhalb des Unternehmens eingesetzt wird oder verschiedene Projekte bei unterschiedlichen Arbeitgebern bearbeitet." Es gebe einen Trend weg von der klassischen, dauerhaften Industriearbeit hin zu eher projektbezogenen Tätigkeiten. "Es kann allerdings nicht alles vollständig automatisiert werden, gerade im Handwerk, Gesundheits- oder Bildungswesen", sagt Eichhorst. Eine sinkende Nachfrage nach menschlicher Arbeit durch neue Technologien sei also nicht zu befürchten. "Es wird andere Berufsbilder und eine andere Gestaltung der Arbeit geben."

Arbeitgeberverbände fordern Reform des Arbeitszeitgesetzes

Mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit fordert die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Im Januar ließ der Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter mitteilen: "Zur Flexibilität gehört vor allem eine längst überfällige Reform des Arbeitszeitgesetzes. (...) Heute, 100 Jahre später, brauchen wir eine Arbeitszeitordnung 4.0. Unternehmen und Beschäftigte wollen und sollen die Möglichkeit haben, die vereinbarte Arbeitszeit flexibler über die Woche zu verteilen."

Genau das sehen die Gewerkschaften teils kritisch. Erst vor wenigen Tagen mahnte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB): "Der Achtstundentag ist eine extrem wichtige Grenze." Laut DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach stehe er "allerdings schon heute für viele Beschäftigte nur auf dem Papier, weil sie deutlich länger arbeiten und auch in der Freizeit oft erreichbar sein müssen".

Nur eines scheint sicher: Ein System für alle – das wird es nicht mehr geben. Als Rahmenmaß der Arbeitszeit wird er uns aber erstmal erhalten bleiben, der 100 Jahre alte Achtstundentag.

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