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DIY im Internet : 80 Jahre Einkaufswagen: Ein Fest für Bastler und Erfinder

vom
Aus der Onlineredaktion

Von Lastenrad bis Ofen: Neo-Heimwerker schwören auf den Einkaufswagen als Tüftel-Fundament.

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2017 | 21:34 Uhr

Oklahoma City | Was wohl zuerst war...Supermarkt oder Einkaufswagen? Beides bedingt einander wie Eiklar und Dotter. Wie Sie sehen werden, geht das Eine inzwischen aber durchaus ohne das Andere.

1936 begann der Ladenketten-Inhaber Sylvan Goldman aus Oklahoma City  – wo kurz zuvor die erste Parkuhr aufgestellt worden war – zu grübeln, wie er dem Einkauf seiner Kunden buchstäblich Räder verleihen konnte. Jahre vorher hatte er mit der „Sun Grocery Company“ den ersten Supermarkt seines Staates eröffnet. Die schweren Hand-Körbe – das war dem findigen Geschäftsmann durch Beobachtungen über die Jahre bewusst geworden – hielten die Kundinnen nur vom Konsum ab und trieben sie aus den Läden.

Das musste sich ändern, drum tüftelte Goldman an einem Einkaufs-Gefährt. Am Ende seiner Überlegungen montierte er zwei Drahtkörbe an einen hölzernen Klappstuhl, dessen Beine er mit Rollen versah. Ein Jahr später, am 4. Juni 1937 führte er den „folding basket carrier“ mit Haltegriff und Fahrgestell in seinen Märkten ein. Zuvor hatte er für die Produktion die „Folding Carrier Corporation“ gegündet.

Goldmans Problem war aber, dass sich von dem neuen Hilfsmittel erstmal nur Alte angesprochen fühlten. Für die Überwindung dieser Barriere engagierte der smarte Goldman junge Animateure, die er mit dem Wagen durch den Laden laufen ließ. Vornan bot eine Frau den Kunden beim Eintritt in den Laden einen Einkaufswagen an. Ab irgendeinem Punkt wirkten diese Maßnahmen enthemmend. Der Einkaufswagen wurde weiterentwickelt und war schon bald allgegenwärtig. Er veränderte das Konsumverhalten und verlagerte das Einzelhandelsgeschäft mittelfristig vom Tresen an die Regale.

20 Millionen der schweren Metallkörbe rollen inzwischen auf ihren vier Castor-Rädern durch Deutschland, mehr als eine Million von ihnen werden allein hierzulande jährlich gestohlen gemeldet. Glücklich schätzen kann sich, wer eines dieser unverwüstlichen Massenprodukte bei der Auflösung eines Ladens ehrlich erwerben und nach Hause schieben kann. Das Stecken des Eurostücks in den Münzschlitz – das soll hier noch erwähnt werden – kommt selbstverständlich keinem Erwerb gleich. Ein echter Einkaufswagen kostet etwa 100 Euro, gebraucht deutlich weniger.

<p>Ein späteres Einkaufswagen-Patent Goodmans.</p>

Ein späteres Einkaufswagen-Patent Goodmans.

Foto: Google Patents US2196914

Ähnlich wie bei Euro-Paletten lässt sich aus dem „Rohstoff“ Einkaufswagen vieles von enormem Wert und hoher Individualität herstellen. Bei der Traglast deutscher Modelle von bis zu 220 Kilogramm, der Rostresistenz und Hitzeunempfindlichkeit sind der Phantasie des Tüftlers in der Zweckentfremdung kaum Grenzen gesetzt.

Ein kleiner Einblick in die spannende DIY-Szene rund um den gemeinen Einkaufswagen.

Ein Lastenrad

Moderne Lastenräder – sogenannte Cargo-Bikes – erweisen sich in Städten als ideales Transportmittel. Allerdings kosten sie auch mehrere Tausend Euro in der Anschaffung. Der Versuch, aus einem alten Fahrrad und einem alten Einkaufswagen ein solches Nutzfahrzeug zu kredenzen, ist ein großes Abenteuer, das die Blogger- und Erfinderszene zu Höchstleistungen treibt.

Foto: Screenshot Pinterest
 

Eine Renn-Semmel

Wer lieber Fremdenergie fürs Vorwärtskommen anzapft, kann sich aus dem robusten Gitterkorb einen heißen, renntauglichen Untersatz mit Knautschzone bauen. Die Beinfreiheit im Cart ist eher eingegschränkt, aber das ist bei echten Boliden ja kaum besser. Brummm Brummm, sagt die Seifenkiste.

<p>Der Brite Matt McKeown fährt 2017 in Gloucestershire (Großbritannien) mit dem angeblich schnellsten Einkaufswagen der Welt.</p>

Der Brite Matt McKeown fährt 2017 in Gloucestershire (Großbritannien) mit dem angeblich schnellsten Einkaufswagen der Welt.

Aus anderer Perspektive – und nicht ganz so tiefgelegt – kann man es schon fast ein Auto nennen.

 

Ein Gartensessel

Gartenmöbel aus Holz brauchen Pflege, wenn sie ein paar Jahre halten sollen. Diese Art hier sollte unverwüstlich und winterfest sein. Mann könnte ihn Goldman taufen, Anleitungen gibt es hier. Gegen Gitter-Abdrücke auf den Sitzflächen des Körpers hilft Polster.

 

Ein Schlitten

Skier unter den Drahtelefanten und ab auf den Berg – da werden die anderen Kinder staunen. Bis zum nächsten Schnee ist Ihr Höllen-Schlitten ausgereift, mit dem Sie den ganzen Bungsberg überholen werden. Die Entwicklung von Bremsen wäre ein guter Plan.

 

Ein Schiebefeuer

Foto: Screenshot www.urbangardensweb.com

Eine schiebbare Feuerstelle mit integriertem Holzlager – wo gibt es den sowas? Der Blog „Urbangardensweb“ wartet mit dieser Idee auf. Mit ein paar Euro hat man einen ausgedienten Einkaufswagen eingeheizt und kann ihn dem oder der in den Rücken schieben, dem es gerade am meisten friert. Vielleicht kann man oben sogar Grillfleisch gar bekommen. Am Ende reagiert der Erfinder dann aber auf die Warnungen der Kommentatoren. Es könnten aus der Legierung giftige Gase entstehen.

 

Ein Töpferofen

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Dieser mit Propangasflamme angeheizte DIY-Töpferofen für Keramik scheint aber eine seriöse Erfindung für Profis zu sein. Der Bauplan folgt diesem Schema hier.

 

Downhill ohne alles

Selbst das nackte Gerät eignet sich für – nun ja – halsbrecherischen Spaß. Das wusste man schon vor dem Internet. Eine Variante mit Raketenantrieb sei hier auch noch vorgeführt.

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