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Osnabrück : 72-Jähriger von Polizisten gestoppt und blutig geschlagen

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Ein Mann erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Mit blutenden Kopfverletzungen kam er in die Notaufnahme.

shz.de von
erstellt am 10.Feb.2017 | 15:03 Uhr

Osnabrück | Für Jörg Oberhoff sah es aus wie ein Überfall. Er blickte in den Lauf einer Pistole, wurde aus seinem Porsche gezerrt und blutig geschlagen. Aber er hatte es nicht mit Räubern zu tun, sondern mit der Polizei. „Die haben mich wie einen Schwerverbrecher behandelt“, sagt der 72-jährige Pharmazeut, der mit seinem Porsche Cayenne gerne flott unterwegs ist. Am 11. Januar wurde er gegen 7.30 Uhr in der Nähe der Autobahnabfahrt Hasbergen-Gaste von einer Zivilstreife gestoppt. Anschließend musste er sich in ärztliche Behandlung begeben.

Seine Oberlippe war aufgeplatzt und musste genäht werden, er erlitt eine Nasenbein-und eine Kieferprellung. Mehrere Schneidezähne hätten sich durch die Schläge gelockert, erklärt Oberhoff. Fotos, die er in einem Ordner abgeheftet hat, zeigen ihn mit blutüberströmtem Gesicht und einer Platzwunde an der Stirn. Diese Verletzungen hätten ihm die beiden Polizisten zugefügt, behauptet der 1,72 Meter große und 58 Kilo schwere Mann. Aus seinem Blick spricht noch Entsetzen darüber, dass Beamte so brutal über einen vermeintlichen Verkehrssünder herfallen könnten.

<p>Prellungen und Platzwunden im Gesicht: Jörg Oberhoff hat Fotos, die ihn nach dem Polizeieinsatz zeigen. </p>

Prellungen und Platzwunden im Gesicht: Jörg Oberhoff hat Fotos, die ihn nach dem Polizeieinsatz zeigen.

Foto: Michael Gründel

Nicht provoziert

Auch Ehefrau Liliane Zimmer-Oberhoff steckt der Schreck noch in den Gliedern. Ihr Mann sei den Aufforderungen der Polizisten gefolgt, er habe sich nicht gewehrt und in keiner Weise provoziert, beteuert sie.

Das Paar lebt in Fürstenau und war auf dem Weg zur Arbeit. Liliane Zimmer-Oberhoff hat ihre Praxis im Ärztehaus am Klinikum, ihr Mann organisiert als „Mädchen für alles“ den Betrieb. Wie an fast jedem Morgen ging die Fahrt über die B68 und das Lotter Kreuz nach Osnabrück. Schon auf der Bundesstraße sei ihm ein schwarzer Kombi aufgefallen, „ein Linksfahrer, der nicht weichen wollte“, wie der 72-Jährige anmerkt.

Von dem habe er sich behindert und genötigt gefühlt, bekundet der Porschefahrer. Seine Frau sagt, der dunkle Wagen sei „chaotisch“ über die Autobahn gekurvt. Über eine längere Strecke sei ihr Mann auf der rechten Spur neben dem Kombi geblieben. Doch dann habe ihr Mann Gas gegeben und sei locker vorbeigefahren, weil vorne überall Platz gewesen sei.

„Fenster runter, Tür auf!“

Jörg Oberhoff ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es sich bei dem dunklen Kombi um eine Zivilstreife handelte. Die blieb ihm auf den Fersen, auch als er in Wallenhorst auf die A1 und am Lotter Kreuz auf die A30 wechselte. „Der hätte auch bei uns auf der Rückbank sitzen können“, sagt der Pharmazeut kopfschüttelnd, so dicht sei der Wagen aufgefahren.

Offensichtlich haben die Polizisten schon auf der Autobahn versucht, den Porsche zu stoppen. Liliane Zimmer-Oberhoff berichtet von Hup- und Lichtsignalen, aber auch von einem Schild mit der Aufschrift „Anhalten“ im Innern des dunklen Autos. Das habe aber nicht nach Polizei und staatlicher Autorität ausgesehen, fügt sie hinzu.

Die böse Überraschung gab es dann auf der Rheiner Landstraße vor einer roten Ampel unweit von Ikea. Es war noch dunkel, die zwei Gestalten hätten sich überfallartig von hinten genähert und vor seinem Auto aufgebaut. Der eine habe mit der Pistole auf ihn gezielt, der andere gegen die Scheibe geschlagen und gebrüllt: „Fenster runter, Tür auf!“ Eine Polizeimarke hätten die beiden Männer nicht gezeigt.

Gleichwohl habe er die Scheibe heruntergelassen und sofort fünf oder sechs harte Schläge ins Gesicht bekommen, sagt Oberhoff. Offenbar, weil er die Zentralverriegelung nicht so schnell öffnete, wie es der Beamte wünschte. Doch dann ging es erst richtig zur Sache: „Ich wurde aus dem Auto gezerrt und auf den Boden geschmissen“, erinnert sich der 72-Jährige. Mit dem Gesicht habe er auf dem Asphalt gelegen, einer der beiden Männer sei auf seinen Rücken gesprungen. Als der ihm Handschellen anlegte, sei ihm erst klar geworden, dass es sich um Polizisten handelte.

Zeuge gesucht

Mit massiver Gewalt hätten ihn seine Peiniger wieder aufgerichtet und mit dem Kopf gegen das Auto gestoßen. Anschließend sei er in den Polizeiwagen verfrachtet und mit dem Gummiknüppel bedroht worden, berichtet der Porschefahrer. Seine Frau filmte, wie er in Handschellen abgeführt wurde. Als sie ihn ärztlich versorgen wollte, wurde sie abgewiesen und bekam – nach Feststellung ihrer Personalien – zu hören, sie dürfe jetzt weiterfahren.

Zwischenzeitlich erschien ein Passant auf der Bildfläche, der wohl glaubte, es handle sich um einen Unfall. Ihn hätten die Beamten in rüdem Ton weggeschickt, behauptet Jörg Oberhoff. Er bittet den Mann, sich bei seinem Anwalt Eberhard Frohnecke zu melden und sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen. Inzwischen hat er die beiden Polizisten wegen Körperverletzung angezeigt und hofft, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden.

Mehrere Strafverfahren

Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer bestätigt, dass am 26. Januar eine Anzeige gegen die Beamten eingegangen sei. Die Akten lägen aber noch bei der Polizei. Deren Sprecherin Anke Hamker will sich zu den Beschuldigungen derzeit nicht äußern. Die Ermittlungen würden erst noch aufgenommen, lautet ihre Auskunft. Sie weist aber darauf hin, dass ihre beiden Kollegen gegen den betreffenden Autofahrer, also Oberhoff, gleich mehrere Strafverfahren eingeleitet hätten. Es soll um falsches Überholen gegangen sein, um einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr und um Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Einen Monat nach der unliebsamen Begegnung mit der Staatsgewalt hat sich der 72-jährige Pharmazeut von den Verletzungen erholt. Er ist auch zuversichtlich, dass er seine Schneidezähne behalten kann. Aber der Vorfall von der Rheiner Landstraße macht ihm Angst, dass er noch einmal Opfer von Willkür und Gewalt werden könnte. Oberhoff kann es nicht fassen: „Die Polizei ist doch eigentlich dafür da, uns zu beschützen!“

Stellungsnahme der Polizei

Zunächst war die Polizeiinspektion Osnabrück nicht zu einer Stellungnahme bereit. In einer ersten, auf Facebook veröffentlichten Stellungnahme war noch von einer „einseitigen Darstellung des Vorfalls“ die Rede, die die Polizei nun „ergänzen“ wolle.

In der Stellungnahme heißt es, dass die Beamten auf einer Strecke von etwa 20 Kilometern „unterschiedliche Zeichen und Weisungen“ gegeben hätten. Aber weder der Fahrer noch seine Beifahrerin hätten darauf reagiert.

Als der Porschefahrer verkehrsbedingt anhalten musste, seien die uniformierten Beamten zur Kontrolle an den Pkw herangetreten. „Im weiteren Verlauf leistete der Porschefahrer aktiven Widerstand“, schreibt Polizeisprecher Nils Allendorf. Dabei seien „sowohl ein Beamter als auch der Betroffene“ verletzt worden.

Weiter heißt es, der Fahrer des Porsche Cayenne müsse sich nun wegen Straßenverkehrsgefährdung, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, Nötigung im Straßenverkehr und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte verantworten.

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