Nach Anschlägen in Tunesien, Frankreich und Kuwait : 38 tote Urlauber in Sousse: Mindestens ein Deutscher stirbt bei Angriff

Sicherheitskräfte am Strand von Sousse nach dem Terror-Anschlag.
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Sicherheitskräfte am Strand von Sousse nach dem Terror-Anschlag.

Viele Opfer des Anschlags in Tunesien stammen aus aus Großbritannien. Der Attentäter von Lyon bricht sein Schweigen.

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28. Juni 2015, 16:50 Uhr

Sousse | Bei drei mutmaßlich islamistischen Terroranschlägen sind am Freitag innerhalb kurzer Zeit mehr als 60 Menschen getötet worden, allein im tunesischen Badeort Sousse an der Mittelmeerküste gab es 38 Tote und viele Verletzte – die meisten davon Urlauber, die vor einem beliebten Hotel am Strand gelegen hatten. Unter den Toten ist mindestens ein Deutscher, wie Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier am Samstag sagte.

Bei einem Anschlag auf ein Werk für Industriegase wurde zuvor bei Lyon in Frankreich ein Mensch auf besonders brutale Weise getötet. Zu einem weiteren Angriff mit mindestens 27 Toten kam es in Kuwait.

Ob die Anschläge in Zusammenhang stehen, war unklar. Überall gab es jedoch Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund. Am Dienstag nächster Woche jährt sich zum ersten Mal, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) das Kalifat ausgerufen hat. Die Gruppe forderte auch dazu auf, während des laufenden Fastenmonats Ramadan Attentate auf „Feinde“ des Islams zu verüben.

Angesichts der neuen Anschläge mahnte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu einem entschlossenen Kampf gegen den internationalen Terrorismus. „Die Meldungen machen uns allen noch einmal klar, vor welchen großen Herausforderungen wir stehen, wenn es um den Kampf gegen Terrorismus und islamistischen Terrorismus geht.“

Was genau in den drei Ländern geschehen ist:

Terror-Angriff in Tunesien

Unter den 38 Toten des Terroranschlags auf den tunesischen Badeort Sousse ist mindestens ein Deutscher. Eine weitere deutsche Staatsangehörige sei verletzt worden, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Samstag in Berlin. Damit bestätigte er frühere Angaben des tunesischen Gesundheitsministeriums. Viele Vermisstenfälle hätten inzwischen aufgeklärt werden können, sagte Steinmeier. „Jedoch können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht völlig ausschließen, dass noch einige wenige Deutsche unter den Opfern sind.“

Die tunesischen Behörden ermittelten bis Sonntag die Namen von 18 der 38 Opfer, wie das Gesundheitsministerium mitteilte.14 von ihnen stammen aus Großbritannien. Tunesiens Regierungschef Habib Essid hatte am frühen Samstagmorgen bereits erklärt, dass „die Mehrheit“ der Toten aus Großbritannien komme.

Der britische Premierminister David Cameron bereitete die Öffentlichkeit auf weitere schlimme Nachrichten aus Tunesien vor. „Viele von denen, die starben, waren Briten“, sagte er im BBC-Fernsehen. Das Außenministerium in London hatte zunächst fünf britische Todesopfer bestätigt. Nach Angaben des irischen Außenministeriums ist auch eine Frau aus Irland unter den Opfern. 

Das Auswärtige Amt richtete unter der Telefonnummer 030/5000 3000 eine Hotline ein.

Bei dem Attentäter handelte es sich nach bisherigen Erkenntnissen um einen 24-jährigen Studenten der Universität in Kairouan, einer Hochburg von Salafisten. Er wurde bei dem Angriff auf das Hotel „Imperial Marhaba“ in Sousse - 120 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Tunis - erschossen. Zu dem Anschlag bekannten sich Unterstützer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in einer nicht verifizierbaren Twitter-Mitteilung.

Der Angreifer studierte nach bisherigen Erkenntnissen Elektro-Ingenieurswesen in Kairouan. Er hatte am Freitag das Strandhotel überfallen und am belebten Strand das Feuer eröffnet. Tunesiens Innenminister Gharsalli erklärte, der Attentäter hätte wesentlich früher gestoppt werden können. Im Radiosender Mosaique FM warf er dem Sicherheitsservice des Hotels vor, nicht sofort die Polizei informiert zu haben.

Der Tatort am Strand vor dem Hotel wurde inzwischen wieder freigegeben. Nur noch Blumensträuße und Zettel mit der Frage „Warum?“ und den Worten „Wir werden euch nie vergessen“ erinnerten am Sonntag an das Blutbad. Mehrere Dutzend Tunesier trafen sich dort am Sonntagnachmittag zu einer Mahnwache. Vor der Küste kreuzten mehrere Boote mit Tunesien-Fahnen. Schon am Samstagabend war es in Sousse spontan zu einer Demonstration gegen den Terror gekommen.

Reiseveranstalter bieten ihren Kunden an, kostenlos umbuchen oder stornieren zu können. Der Reisekonzern Tui hat begonnen, die ersten Urlauber aus der Region zurückzuholen. Bereits in der Nacht zum Samstag seien 80 Gäste ausgeflogen worden, sagte ein Tui-Sprecher. Weitere 120 sollten am Wochenende folgen - darunter auch einige Urlauber, deren Rückreise ohnehin planmäßig anstand. Insgesamt zählt Tui am Ort des Anschlags nach eigenen Angaben 260 Gäste in vier Hotels. In ganz Tunesien machen derzeit etwa 3800 Menschen Urlaub mit der Tui.

Als Reaktion auf den Anschlag entschied sich ein Großteil der ausländischen Hotelgäste für eine schnelle Abreise. „Die meisten ausländischen Überlebenden haben es vorgezogen abzureisen, wir koordinieren das mit ihren Reisebüros“, sagte Salwa al-Kadri, die als lokale Reiseführerin in dem Hotel arbeitet. „Sie kamen als Touristen, aber sie haben den Tod mit eigenen Augen gesehen. Es ist schwer für sie, an diesem Ort zu bleiben, nachdem sie all dieses Töten gesehen haben. Jeder hier steht immer noch unter Schock.“

Der Anschlag droht dem Tourismussektor Tunesiens massiv zu schaden.

Der nationale Sicherheitsrat Tunesiens beschloss bei einer nächtlichen Sitzung Maßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus. Unter anderem sollen innerhalb einer Woche bis zu 80 Moscheen geschlossen werden, in denen weiterhin „Gift zum Terrorismus“ verbreitet werde.

Daneben sollten verdächtige Parteien oder Vereine überprüft und eventuell aufgelöst werden. „Wir mögen den einen Kampf gewinnen und den anderen Kampf verlieren, aber unser Ziel ist es, den Krieg zu gewinnen“, sagte Essid. Der Kampf gegen den Terrorismus sei nun eine nationale Aufgabe.

Sousse ist eine Hafenstadt mit rund 173.000 Einwohnern und beliebtes Ferienziel im Osten Tunesiens. Die Stadt wurde 900 vor Christus gegründet und liegt etwa 130 Kilometer von der Hauptstadt Tunis entfernt. Seit 1988 ist der historische Ort als Weltkulturerbe gelistet. Entlang einer Uferpromenade sind Touristenhotels am Strand aneinandergereiht. Sie haben zusammen eine Kapazität von 40.000 Betten.

Erst im März waren in Tunesien bei einem Terrorangriff auf das berühmte Bardo-Museum in der Hauptstadt mehr als 20 Menschen getötet worden. Damals bekannte sich die Terrororganisaton Islamischer Staat (IS) zu dem Angriff.

In der Vergangenheit kam es bereits häufiger zu Anschlägen auf touristische Ziele in Nordafrika:

April 2011 Bei einem Bombenanschlag auf ein beliebtes Kaffeehaus in Marokkos Touristenhochburg Marrakesch sterben 17 Menschen. Unter den Toten sind Franzosen, Kanadier, ein Niederländer und ein Brite.
April 2006 Drei Sprengstoff-Attentate im ägyptischen Taucherparadies Dahab reißen mehr als 20 Menschen in den Tod, auch einen zehnjährigen Jungen aus Baden-Württemberg.
Juli 2005 Bei einer Serie von Anschlägen im ägyptischen Badeort Scharm el Scheich sterben 66 Menschen, darunter mehrere ausländische Touristen. Mehr als 130 Menschen werden verletzt.
April 2002 Vor einer Synagoge auf der tunesischen Mittelmeerinsel Djerba explodiert ein mit Gasflaschen beladener Kleinlaster. Mehr als 20 Menschen, darunter 14 deutsche Touristen, kommen ums Leben. Das Terrornetzwerk Al-Kaida bekennt sich zu dem Attentat.
November 1997 Mitglieder der islamistischen Terrorgruppe Gamaa Islamija erschießen im ägyptischen Luxor 58 Urlauber und mehrere Polizisten. Unter den Toten sind 36 Schweizer und vier Deutsche.
September 1997 Neun Deutsche und der ägyptische Fahrer sterben bei einer Bombenattacke auf einen Touristenbus vor dem Ägyptischen Museum in Kairo.

Tunesien auf dem Weg zur Demokratie:

Seit der Jasminrevolution 2010/2011 brachte Tunesien seine Demokratisierung voran und gilt nun als Vorbild für die arabische Welt. Anfang 2014 trat eine neue Verfassung in Kraft. Zum Jahresende wurden ein Parlament und ein Präsident gewählt. Béji Caïd Essebsi wurde Staatsoberhapt, der parteilose Ökonom Habib Essid ist seit Februar Regierungschef. Die massiven wirtschaftlichen und sozialen Probleme sind aber weiter ungelöst. Mehr als 15 Prozent der elf Millionen Tunesier sind arbeitslos. Nahe der algerischen Grenze gibt es häufig Kämpfe mit islamistischen Milizen.
Terror-Anschlag in Frankreich

Frankreich wurde durch einen besonders brutalen Mord erschüttert: Nach einem Überfall auf eine Industriegasefabrik bei Lyon wurde die Leiche eines enthaupteten Geschäftsmanns entdeckt. Der mutmaßliche Täter - ein 35-Jähriger mit Kontakten zur radikal-islamistischen Szene - hatte möglicherweise geplant, die Fabrik in die Luft zusprengen.

Sicherheitskräfte auf dem Gelände des Gaswerks.
dpa
Sicherheitskräfte auf dem Gelände des Gaswerks.

Auf dem Körper des enthaupteten Manns wurden arabische Schriftzeichen entdeckt. Sein Kopf steckte auf einem Zaun, der die Fabrik in der Gemeinde Saint-Quentin-Fallavier umgibt. In der Nähe waren nach Angaben von Augenzeugen zwei schwarze Islamistenflaggen zu sehen. Es gab auch zwei Verletzte.

Bei dem Anschlag auf die Fabrik wurde offenbar ein Arbeiter enthauptet.
dpa
Bei dem Anschlag auf die Fabrik wurde ein Arbeiter enthauptet.

Am Tatort wurde der 35-jährige Yassin S. überwältigt, der wegen radikaler Tendenzen schon 2006 aufgefallen war, jedoch nicht mehr unter Beobachtung stand. Nach Medienberichten gab es weitere Festnahmen, darunter auch die Ehefrau des Verdächtigen. Der Mann soll als Lieferant gearbeitet haben. Das Opfer soll sein Chef gewesen sein, den er getötet und enthauptet haben soll, bevor er sich auf den Weg zu der Fabrik machte.

Nach Informationen der französischen Nachrichtenagentur AFP gestand Yassin S., seinen Chef getötet zu haben. Er habe sein Schweigen gebrochen und Einzelheiten über den Anschlag genannt, berichtete die Agentur am Sonntag unter Berufung auf Ermittler.

Yassin S. hat den Angaben zufolge nach der Tat ein Selfie, also ein Selbstporträt mit dem abgetrennten Kopf seines Chefs gemacht. Dieses übermittelte er über den Kurznachrichtendienst WhatsApp an eine Handy-Nummer in Kanada. Die kanadischen Behörden bemühen sich, den Empfänger zu ermitteln. Es könnte eine Relais-Nummer sein, die lediglich zur Weiterleitung dient.  Das Foto fanden die Ermittler auf dem Handy des Attentäters. Zu möglichen Hintermännern oder Komplizen des Täters im In- oder Ausland gab es zunächst keine Erkenntnisse. Dazu habe sich der Täter nicht geäußert, hieß es.

Yassin S. wurde laut AFP am Sonntag zur Antiterror-Polizeizentrale bei Paris gebracht. Seine Frau und seine Schwester seien nach Befragung durch die Polizei freigelassen worden.  Der französische Fernsehsender I-Télé berichtete, der Täter habe sich nicht als Terrorist bezeichnet. Motiv für die Tat sei ein Streit mit seinem Chef gewesen. Der Fernsehsender berief sich auf nicht näher genannte Ermittler. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht.

Das Gaswerk im Ort Saint Quentin Fallavier nahe Lyon.
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Das Gaswerk im Ort Saint Quentin Fallavier nahe Lyon.

Das Land will als Konsequenz aus dem Terroranschlag die Sicherheitskräfte aufstocken. Das kündigte Innenminister Bernard Cazeneuve nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts mit Präsident Hollande und Außenminister Laurent Fabius an. Bei Polizei und Gendarmerie sollen 500 neue Stellen pro Jahr geschaffen werden, die Nachrichtendienste mit 1500 neuen Mitarbeitern verstärkt werden.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière zeigte sich von dem Anschlag besorgt. „Das ist etwas, was uns besonders bewegt“, sagte de Maizière am Freitag nach der Konferenz der Innenminister von Bund und Ländern in Mainz. Gerade in Fragen der Sicherheit hingen Deutschland und Frankreich eng zusammen. De Maizière sagte: „Deutschland (ist) nach wie vor in einer erstzunehmenden Bedrohungslage.“ Die Zahl sogenannter Gefährder sei so hoch wie nie.

In Frankreich waren im Januar bei einem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt insgesamt 17 Menschen getötet worden. Eine Übersicht über islamistische Anschläge in Frankreich:

April 2015 Mit der Festnahme eines 24-Jährigen vereiteln die Behörden einen Terrorangriff auf eine Kirche südlich von Paris. In der Wohnung des Algeriers finden Ermittler Waffen und Dokumente islamistischer Terrorgruppen. Weitere Festnahmen folgen.
Januar 2015

Bei einem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris werden zwölf Menschen ermordet. Die beiden islamistischen Attentäter Chérif und Said Kouachi kommen zwei Tage später bei einer Polizeiaktion nordöstlich von Paris um.

Der Islamist Amedy Coulibaly, der die Brüder Kouachi kannte, erschießt südlich von Paris eine Polizistin und nimmt im Osten der Stadt mehrere Geiseln in einem jüdischen Supermarkt. Er tötet dort vier Menschen, bevor er von der Polizei erschossen wird.

Dezember 2014 Polizisten erschießen im zentralfranzösischen Joué-lès-Tours einen Mann, der mit „Allahu-Akbar“-Rufen („Gott ist groß“) in ein Kommissariat stürmt und mit einem Messer drei Beamte verletzt.
Oktober 2012

Bei einem Anti-Terroreinsatz erschießt die Polizei einen 33-jährigen Dschihadisten in Straßburg und nimmt elf weitere mutmaßliche Islamisten fest. Sie werden für einen Anschlag auf ein jüdisches Geschäft verantwortlich gemacht.

März 2012 Ein Attentäter erschießt sieben Menschen, darunter drei Kinder und ein Lehrer einer jüdischen Schule. Er wird nach rund 32-stündiger Polizeibelagerung seiner Wohnung bei einer Schießerei getötet. Zuvor hatte er sich als Al-Kaida-Anhänger bezeichnet.
Juli 1995 Im Pariser S-Bahnhof Saint-Michel an der Kirche Notre-Dame explodiert in einem Wagen eine Bombe. Dabei werden 9 Menschen getötet und 116 verletzt. Es ist der Auftakt zu einer Anschlagsserie in Paris und anderen Städten, die einer algerischen Islamistengruppe zugeschrieben wird.
Terror-Anschlag in Kuwait

In Kuwait-Stadt sprengte sich nach Angaben der offiziellen Nachrichtenagentur Kuna ein Selbstmord-Attentäter während des Freitagsgebets in der schiitischen Imam-Sadik-Moschee in die Luft. Bei dem Attentat wurden mindestens 27 Gläubige getötet und 227 verletzt. Im Internet kursierte eine Mitteilung, in der der IS die Verantwortung übernahm.

Kuwaitische Behörden nahmen nach dem Anschlag 18 Tatverdächtige fest, wie der Nachrichtenkanal Al-Arabija berichtete.

Ein verletzter Mann wird aus der Kirche zum Krankenwagen gebracht.
dpa
Ein verletzter Mann wird aus der Kirche zum Krankenwagen gebracht.

Bei einem weiteren IS-Anschlag im Nordosten von Syrien wurden nach Angaben von Menschenrechtlern mindestens 20 Menschen getötet.

Die Terrormiliz Islamischer Staat verübt immer wieder Anschläge auf schiitische Moscheen, in den vergangenen Wochen unter anderem in Saudi-Arabien und im Jemen. Für den IS sind Schiiten Ungläubige. Die seit 2003 aktive Terrororganisation möchte in Syrien und im Irak einen islamischen Staat ausrufen. Am 29. Juni 2014 rief der IS das Kalifat im Nordwesten des Irak und im Osten Syriens aus.
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