Jugendzentrum in Suruc : 32 Tote nach Anschlag in der Türkei – Hinweise auf IS

Polizisten suchen nach Hinweisen auf den Attentäter.
Polizisten suchen nach Hinweisen auf den Attentäter.

Eine Bombe in einer Grenzstadt nahe Syrien riss dutzende Jugendliche in den Tod. Sie wollten in Kobane helfen.

shz.de von
21. Juli 2015, 07:48 Uhr

Istanbul | In der Türkei sind beim schwersten Terroranschlag seit mehr als zwei Jahren 32 Menschen getötet worden. Wie der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmus am späten Montagabend nach Medienangaben mitteilte, starb ein Verletzter am Abend. Rund 100 Menschen wurden verletzt.

Ein Selbstmordanschlag der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wird unterdessen immer wahrscheinlicher. Die Hinweise auf einen Attentäter mit Verbindungen zum IS verdichteten sich, sagte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am Dienstag in der südtürkischen Provinz Sanliurfa. Ein Verdächtiger sei identifiziert worden, sagte er, ohne weitere Details zu nennen. Die Ermittlungen seien jedoch noch nicht abgeschlossen. Davutoglu war am Dienstag nach Sanliurfa gereist, um Verletzte des Anschlags im Krankenhaus zu besuchen. Den Anschlagsort Suruc besuchte er zunächst nicht.

Der Sprengsatz explodierte nach Medienberichten im Garten eines Kulturzentrums in der Grenzstadt Suruc. Dort hatten sich Anhänger einer sozialistischen Jugendorganisation zu einer Pressekonferenz versammelt. Rund 300 Jugendliche hätten an dem Treffen teilgenommen. Nach Angaben der Organisation wollten sie ins benachbarte Kobane nach Syrien reisen, um dort Hilfe zu leisten.


Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte die Tat. In mehreren Städten der Türkei gingen am Montagabend Tausende Menschen aus Protest gegen den Anschlag auf die Straße. Im Zentrum Istanbuls setzte die Polizei Tränengas ein und löste die Demonstration auf.

In Istanbul gingen Tausende auf die Straße.
dpa
In Istanbul gingen Tausende auf die Straße.

Bei einer Solidaritätsdemonstration in Berlin-Kreuzberg  wurden sechs Demonstranten kurzzeitig festgenommen. Nach Angaben der Polizei vom Dienstag wird ihnen Landfriedensbruch, Körperverletzung und versuchte Gefangenenbefreiung vorgeworfen. An der etwa zweistündigen, überwiegend friedlichen Demonstration mit Start und Ziel am Kottbusser Tor hatten sich laut Polizei 1100 Menschen beteiligt. Im Einsatz waren 250 Beamten.

Der Chef der prokurdischen Oppositionspartei HDP, Selahattin Demirtas, forderte die Regierung am Dienstag dazu auf, den Anschlag in Suruc und ein Attentat Anfang Juni in Diyarbakir vollständig aufzuklären. Im osttürkischen Diyarbakir waren kurz vor der Parlamentswahl bei zwei Sprengstoffanschlägen auf eine Veranstaltung der prokurdischen Partei HDP mindestens vier Menschen getötet worden.

Der Täter war kurz nach dem Attentat festgenommen worden. Nach Angaben seiner Familie war er Anhänger des IS. Die größte Oppositionspartei CHP, die zurzeit Koalitionsgespräche mit der islamisch-konservativen AKP führt, forderte einen nationalen Tag der Trauer.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte den Anschlag scharf. „Kein Grund oder Missstand kann je einen Anschlag auf Zivilisten rechtfertigen“, sagte Ban laut einer am Montag von den Vereinten Nationen in New York verbreiteten Mitteilung. Er hoffe, dass die Verantwortlichen rasch identifiziert und zur Rechenschaft gezogen würden. Den Angehörigen der Opfer sprach Ban sein Beileid aus.

Bundespräsident Joachim Gauck verurteilte den Anschlag als „barbarische Tat“. „Dieser abscheuliche Anschlag ist nicht nur ein Angriff auf türkische Bürgerinnen und Bürger und die innere Sicherheit der Türkei, sondern auch Ausdruck einer menschenverachtenden Überzeugung. Geeint wollen wir gegen Extremismus und Terrorismus eintreten“, schrieb Gauck in einem Kondolenztelegramm an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Die syrisch-kurdische Stadt Kobane war im vergangenen Jahr Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) und dem IS gewesen. Ende Januar befreiten die kurdischen Milizen Kobane aus den Händen des IS.

Kurz nach der Explosion in Suruc wurden in Kobane mindestens zwei Kämpfer der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) durch eine Autobombe getötet. Kurdensprecher Idriss Nassan sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Bombe sei an einem Kontrollpunkt in der Nähe einer Schule explodiert.

Der Anschlag in Suruc ist der schwerste in der Türkei, seit im Mai 2013 in der Grenzstadt Reyhanli zwei Autobomben explodierten und 51 Menschen in den Tod rissen. Die türkische Regierung machte damals die linksextreme DHKP-C mit Kontakten zum syrischen Regime für die Tat verantwortlich. Der syrische Präsident Baschar al-Assad wies den Vorwurf zurück. Ankara betreibt den Sturz Assads. Ihre Truppen an der Grenze zu Syrien hat die Türkei in den vergangenen Wochen verstärkt.

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