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Tatort-Jubiläum : 25 Fragen nach 25 Jahren: Die Silberfüchse Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In der Kantine des Bayerischen Rundfunks beantworten die beiden 25 Fragen nach 25 Jahren, wobei sich jede Frage um die Zahl 25 dreht.

shz.de von
erstellt am 27.Mär.2016 | 10:27 Uhr

Kein „Tatort“-Team hat häufiger ermittelt als Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) in München. Mit der Folge „Mia san jetz da wo’s weh tut“ lösen sie am Sonntag nach Ostern ihren 72. Fall und begehen gleichzeitig 25-jähriges Dienstjubiläum.

Herr Nemec, Herr Wachtveitl, Silberhochzeit der Silberfüchse – haben Sie sich gegenseitig etwas geschenkt zum Fünfundzwanzigsten?


Wachtveitl: Nein, wir warten darauf, dass andere das tun. Haben Sie was für uns?

Nichts außer Fragen. Wenn Sie sich vor 25 Jahren gegen den „Tatort“ entschieden hätten, wie wäre Ihr Leben dann verlaufen?


Nemec: Anders (lacht). Aber darüber haben wir damals gar nicht nachgedacht. So wie man heute nicht darüber nachdenkt, wann man stirbt.


Wachtveitl: Ja, anders, aber das war uns damals nicht bewusst. Wir haben mit dem „Tatort“ ja nicht unter der Perspektive begonnen, das so lange zu machen. Es ist eher eine Affäre, die kein Ende findet. Wir haben jedenfalls nicht gedacht: Prima, jetzt bin ich für die nächsten 25 Jahre durchversorgt.

 

Wenn man Ihnen damals gesagt hätte, dass Sie miteinander in den nächsten 25 Jahren derart viel Arbeits- und Lebenszeit verbringen würden – was hätten Sie gesagt?

Wachtveitl: Unverzüglicher Suizid wäre meine Lösung gewesen (lacht).

Nemec: Ich hätte eine Beteiligung an seiner Gage gefordert.


Im Internet-Portal „Tatort-Fundus“ finden sich auf der Rangliste der 25 beliebtesten von fast 1000 „Tatort“-Folgen aller Zeiten gleich fünf mit Ihnen beiden. Ganz oben an der Spitze steht „Nie wieder frei sein". Ist das tatsächlich Ihr bester „Tatort“?

Nemec: Einer der sehr guten auf alle Fälle.

Wachtveitl: Beim 100 Meter-Lauf können Sie eindeutig feststellen: Das ist der schnellste. „Nie wieder frei sein“ steht auch bei uns ganz vorne, aber solche Sachen lassen sich natürlich nicht messen wie im Physikunterricht. Dass wir in dieser Rangliste so oft vertreten sind, ist schon ganz ordentlich.

Bei welcher Ihrer „Tatort“-Folgen hätten Sie spätestens nach 25 Minuten abgeschaltet?

Nemec: „Sommernachtstraum“, ganz klar, der war richtig schlecht. „Wer zweimal stirbt", unser zweiter, war auch nicht so doll, es hängt eben immer von den Büchern ab. Aber „Sommernachtstraum“ war schon mit Abstand die unangenehmste Geschichte.

Wachtveitl: Und „Der Klang der toten Dinge", dieser Esotherik-„Tatort".

Schaffen Sie noch 25 Folgen?

Nemec: 25 durch 3 sind 8 plus 1. Acht Jahre also. Naja, ich fühl mich noch frisch.

Wären die Filme tatsächlich besser, wenn Sie mal 25 statt nur 22 oder 23 Drehtage für eine Folge zur Verfügung hätten?

Nemec: Es wäre entspannter fürs gesamte Team. Die Tage sind weniger geworden, die Stunden dafür mehr – insofern ist das ja nur eine Milchmädchenrechnung. Das, was da umzusetzen ist, muss umgesetzt werden. Da geht's mittlerweile nach dem Motto: Der Tag hat 24 Stunden und wenn's nicht reicht, nimmst Du die Nacht dazu.

Wachtveitl: Wenn man eine Szene einfach nicht noch mal ausprobieren kann, weil einfach das Licht weggeht, dann haben wir definitiv zu wenig Zeit. Wir sind inzwischen hart an der Grenze des Zumutbaren. Eine Zeitlang wurde das dadurch ausgeglichen, dass die Technik und das Handwerk professioneller geworden sind. Aber das wird mittlerweile wieder aufgehoben dadurch, dass die filmhandwerklichen Anforderungen und die Sehgewohnheiten der Leute sich geändert haben. Die Abspielgeräte in den Wohnzimmern sind heute viel besser, da muss man ganz anders arbeiten, von der Maske über die Ausstattung bis hin zur Menge der Komparsen. Auf so einen breiten Bildschirm passt ja vielmehr drauf als früher. Das sind Fakten, die sich manche Leute gar nicht vor Augen führen. Es gibt einen Punkt, an dem ein Produkt nicht mehr besser werden kann, sondern schlechter werden muss, wenn man zu sehr an den Ressourcen spart. Und an diesem Punkt sind wir längst angelangt. Das betrifft Geld, und es betrifft Zeit.

Was ist wichtiger an einem „Tatort“ – die ersten oder die letzten 25 Sekunden

Nemec: Die ersten natürlich. Da, wo es los geht, muss man dranbleiben. Nach dieser Erkenntnis wird ja längst gehandelt: Die ersten fünf Minuten sind wichtig, um die Zuschauer bei der Stange zu halten. Mit 25 Sekunden ist es da vielleicht nicht getan

Wachtveitl: Es gibt da ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Wenn die ersten 25 Sekunden nicht gut sind, kommt man gar nicht in die Verlegenheit, sich die letzten 25 anzuschauen. Wenn die letzten 25 Sekunden nicht gut sind, nützen einem die guten 25 vom Anfang auch nichts, denn der letzte Eindruck ist der bleibende.

Ihr 25. „Tatort“ hieß „Viktualienmarkt“. Hat der Münchner „Tatort“ mehr Lokalkolorit als andere?

Nemec: Insgesamt nicht, obwohl wir mit „Vorstadtballade“, „Viktualienmarkt“, „Agmahde Wiesn“ und „Die letzte Wiesn“ deutliche Erkennungsmerkmale der Stadt gesetzt haben.

Wachtveitl: Der Eindruck entsteht vielleicht, weil die bayerischen Angebote in Sachen Folklore bekannter und bilderstärker sind als beispielsweise in einem „Tatort“ aus Duisburg. Warum denken fast alle Amerikaner, dass die Deutschen durchweg Lederhosen tragen? Aber alle unsere Redakteurinnen haben immer Wert darauf gelegt, München auch anders zu zeigen, als es das Fremdenverkehrsamt tun würde.Viktualienmarkt, Moshammer und Oktoberfest zu verleugnen und München komplett gegen den Strich zu bürsten, wäre natürlich auch Quatsch. Abseits davon gibt es aber eben auch eine Identität als bundesrepublikanische Großstadt.

Nemec: Und München ist eben auch nicht nur die Stadt, wie sie im „Derrick“ vorkam – mit Grünwald und seinen gehobenen Schichten.

25 Leichen in einem „Tatort“ haben Sie noch nicht geschafft – im Gegensatz zum Kollegen Ulrich Tukur. Kommt da noch was?
 

Nemec: Die Leichen sind jetzt nicht gerade der große Anreiz. Natürlich können die mal vorkommen, wenn es entsprechend dramatische Umstände gibt. Wir arbeiten auch mit einem Fallanalytiker zusammen, der mit Serienmorden zu tun hat, im Falle eines Falles wären wir also gut beraten. Ein Kriterium für Qualität ist die Zahl der Leichen aber nicht.

Wachtveitl: Möglichst viele Leichen? Das ist nicht der Sport, für den wir trainieren.

Wovon haben Sie eigentlich geträumt, als Sie 25 waren – von einer „Tatort“-Karriere?

Nemec: Meinen Traum von einer Karriere als Rockstar hatte ich damals bereits abgelegt, aber dafür war ich beim Theater schon seriös in Arbeit und träumte von einer Theaterkarriere. Ich habe mit 23 angefangen, in Köln Theater zu spielen.

Wachtveitl: Ich glaube, ich war 25, als ich mit Dieter Wedel in Amerika „Wilder Westen inklsuive“ gedreht habe. Und da dachte ich schon: Wenn jetzt jemand käme und sagen würde „I like what you did here. Do you wanna stay?“, hätte mir das schon gefallen. Nicht nur wegen der Karriere – auch das Wetter war verlockend, wir haben damals viel im Südwesten gedreht.

Aber ich kann nicht sagen, dass es für mich nur diesen einen Traum gab. Das Leben und seine berufliche Ausprägung waren damals schon ziemlich nah an meinem Traum: Nicht fest angestellt zu sein, durchaus immer wieder Freizeitlücken und dadurch Gelegenheit zur Muße zu haben.

Andererseits kamen immer genügend Angebote, so dass ich keine Existenzangst haben musste. Das war schon ziemlich traumhaft. Dass aus mir jetzt ein amerikanischer Weltstar werden würde, habe ich nicht wirklich für sehr wahrscheinlich gehalten.

Es gibt vielleicht nicht 25 Eigenschaften, die Sie beide an Ihrem Partner nerven – aber eine doch ganz bestimmt, oder?
 

Nemec: Pedanterie im Kopf.

Wachtveitl: Und Pedanterie im Wohnmobil (lacht).

Wie sieht es mit den sicherlich 25 angenehmen Eigenschaften des jeweils anderen aus?

Nemec: Er ist ein kluger, warmherziger Mann.

Wachtveitl: Und er hat einen stetigen, vitalen, balkanesischen Herzschlag.

Würden Sie auch eine „Tatort“-Folge drehen, wenn es nur 25 Euro Gage pro Drehtag gäbe?

Wachtveitl: Nein.

Nemec: Warum sollten wir das Geschäft ruinieren?

Sie dürfen eine Liste mit 25 Wünschen an Ihre Drehbuchautoren aufstellen – welche stehen ganz oben?

Wachtveitl: Trittsicherheit im Dialekt, gute Dialoge und ein sich aus der Geschichte ergebender echter Humor.

Nemec: Möglichst viele gute Dialoge, da schließe ich mich an. Und Humor, der sich in Szenen umsetzen lässt. Aber glauben Sie mir: Mir würden auch 25 Wünsche einfallen.

Gibt’s den „Tatort“ in 25 Jahren noch?

Wachtveitl: Ich sag mal ja. Aber vermutlich ohne uns.

Nemec: Ich wünsche es ihm. Die Frage ist, wie sich die ganze Landschaft verändert mit dem Internet und in den verschiedenen Abspielformaten.

Hätten wir in 25 Jahren mehr als 25 „Tatort“-Teams?

Nemec: 26 vielleicht.

Es gibt seit diesem Jahr einen 28-jährigen Bundesliga-Trainer – ist auch ein 25-jähriger „Tatort“-Kommissar vorstellbar?


Nemec: Nichts Menschliches ist mir fremd – Galileo Galilei.

Wachtveitl: Ja. Für den Kinderkanal.

Sie sind beide auch Musiker und erinnern sich sicher an den Tophit, den Zager & Evans 1969 mit „In the Year 2525“ landeten. Wer von Ihnen beiden kann ihn besser singen?


(beide beginnen das Lied vor sich hin zu singen)
Wachtveitl: Vielleicht der Miro wegen der hohen Stimmlage, ich kann mich vermutlich besser an die eine oder andere Textzeile erinnern.

Nemec (lacht): Das kann gut sein. Du hast sowas ja gehört.

„25“ heißt das aktuelle und supererfolgreiche Album von Adele. Stehen Sie drauf?

Nemec: Ich find sie super.

Wachtveitl: Wenn ich die Wahl hätte zwischen Adele und Amy Winehouse, wäre ich eher bei Amy Winehouse.

Nemec: Hast Du aber nicht.

Wären Sie heute gern noch mal 25?

Wachtveitl: Ach ja, warum nicht?

Nemec: Wenn’s möglich wäre – ich wäre dabei.

Zu welcher Zeit wären Sie denn am liebsten 25 gewesen?

Wachtveitl: Man kann es wohl kaum besser erwischen als jetzt auf diesem Kontinent. Dieses Maß, das wir heute an persönlicher und wirtschaftlicher Freiheit und Sicherheit haben, an Entfaltungs- und Reisemöglichkeiten, das hat es noch nie gegeben. Ich habe manchmal geflirtet mit der Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert, weil damals noch so vieles möglich war, eine Gründerzeit im allerbesten Sinne. Es waren so viele Entdeckungen noch nicht gemacht, es gab eine große wirtschaftliche Dynamik und in jeder Hinsicht wirklich wilde Ecken in Deutschland. Aber ich muss mir nur vorstellen, wie damals eine Zahnarztbehandlung ausgesehen hat, um das ganz anders zu sehen. Und heute wissen wir ja auch, wie in der Zeit um 1900 die Zukunftsperspektiven waren.

Nemec: Ich denke auch: Man sollte aus der Zeit, in der man lebt, das Beste machen.

Worüber hätten Sie mit Uli Hoeneß gesprochen, wenn Sie 25 Stunden bei ihm in der Zelle in Landsberg verbracht hätten?

Nemec: Über das, was wichtig ist – warum er da sitzt. Ich denke, es ist wichtig, mit einem Menschen persönlich über die Dinge zu sprechen, die ihn in einen solchen Zustand und eine solche Lage versetzt haben. Aber wir hätten sicher auch andere Themen gefunden.

Wachtveitl: Sein Fall eignet sich ja perfekt, um eine Geschichte über unsere Gesellschaft zu erzählen. Deshalb ist sie ja auch so schnell in einem Film erzählt worden: Dieser Aufstieg, der Absturz, die Popularität, die er trotz dieses Sündenfalls immer noch besitzt.

Ist die AfD in 25 Jahren bei 25 Prozent?

Nemec: Entweder das, oder aber sie heißt anders. Solche Umstände, wie wir sie jetzt haben, werden immer wieder solche Parteien hervorbringen.

Wachtveitl: Ich würde mich schon freuen, wenn die AfD nicht nächstes Jahr schon bei 26 Prozent ist.

In 25 Jahren sind Sie, Herr Nemec, 86, und Sie, Herr Wachtveitl, 82. Wo können wir uns dann treffen?

Nemec: Ich koche gerne mal, Ihr müsst den Wein mitbringen.

Wachtveitl: Im Skaterpark hinterm Altersheim. Aber warum sollte ich mich mit so alten Knackern treffen?

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