Von der Kleiderkammer bis zur Katastrophenhilfe : 150 Jahre Heilsarmee: Was machen die eigentlich?

Der Sitz der Heilsarmee in Lübeck: Auch in Schleswig-Holstein gibt es die Freikirche.
1 von 2
Der Sitz der Heilsarmee in Lübeck: Auch in Schleswig-Holstein gibt es die Freikirche.

In Schleswig-Holstein ist die Heilsarmee in Lübeck, Plön, Kiel, Barmstedt und Flensburg aktiv – seit über 100 Jahren.

shz.de von
01. Juli 2015, 17:08 Uhr

Viele haben sie schon mal in der Fußgängerzone gesehen, die uniformierten Spendensammler der Heilsarmee. Doch was ist die Heilsarmee und wofür setzen sich deren Mitglieder ein?

Die Heilsarmee arbeitet nach einer protestantisch-freikirchlichen Prägung und engagiert sich in der Obdachlosenfürsorge, baut und betreut Heime für Kinder, Alte und Behinderte, engagiert sich bei der AIDS Prävention, an Schulen oder in Krankenhäusern. Auch in der Katastrophenhilfe ist die Heilsarmee im Einsatz. Ebenfalls organisiert sie einen internationalen Suchdienst für vermisste Familienangehörige und betreibt Gebrauchtwarenläden für Bedürftige. Die Heilsarmee wurde 1865 von William Booth in London gegründet. Ihn berührte die seelische und soziale Not der Menschen tief und er entschloss, dem Elend ein Ende zu setzen. Er selbst wuchs in großer Armut auf.

Am 1. Juli feiert die Freikirche ihren 150. Geburtstag. Seit ihrem Gründungstag verbreitete sich die Bewegung schrittweise über die ganze Welt. Die soziale Tätigkeit und die christliche Verkündigung sind dabei die Antriebsfeder der Heilsarmee.

Erfolgreich auf der ganzen Welt

Sie ist, Stand 2015, in 126 Ländern aktiv, hat 26.497 ordinierte Offiziere, über 1,1 Million Heilssoldaten und 107.918 Mitarbeiter. Die Heilsarmee unterhält 21 Krankenhäuser, mehr als 1900 Schulen und über 3600 soziale Einrichtungen. Weltweit gibt es rund 15.675 Korps (Gemeinden). In den USA ist die „Salvation Army“ eine eingetragene Nichtregierungsorganisaton ähnlich dem Deutschen Roten Kreuz.

In Deutschland ist die Heilsarmee als „Religionsgemeinschaft des öffentlichen Rechts“ anerkannt. Ihre Arbeit fällt damit unter die von den obersten Finanzbehörden als besonders förderungswürdig anerkannten gemeinnützigen Zwecke.

Sie ist in 46 Korps (Gemeinden) aufgeteilt und betreibt 42 Sozialeinrichtungen. In Deutschland sind 508 Angestellte für die Heilsarmee tätig. Sie ist darüber hinaus „geistliche Heimat“ für über 3000 Menschen, darunter 1300 Mitglieder und 136 Offiziere, also ausgebildete Geistliche.

Die territoriale Leitung über die Heilsarmee in Deutschland, Litauen und Polen haben Patrick und Anne-Dore Naud seit 2011 inne. Deutschland selbst ist in zwei Divisionen aufgeteilt. Das Hauptquartier Nord-Ost wird von den Majoren Poldi und Ruth Walz geleitet, das Quartier Süd-West von den Majoren Paul-William und Margaret Saue Marti.

Die Heilsarmee – auch in Schleswig-Holstein aktiv

In Schleswig-Holstein und Hamburg hat die Heilsarmee fünf Korpse (Gemeinden) sowie ein Missionsteam in Hamburg. Rachael und Eric Olson sind Leutnants im Korps Barmstedt im Kreis Pinneberg und in Flensburg. „Wir helfen bedürftigen und einsamen Menschen und geben ihnen einen Ort, wo sie gehört werden können“, sagt die gebürtige Kanadierin, die seit sieben Jahren in Schleswig-Holstein für die Heilsarmee tätig ist. Dabei sei es wichtig, Angebote zu schaffen, Unterstützung zu geben und den Menschen einen Ort zu geben, wo sie sich zuhause fühlen können. „Wir haben eine Kleiderkammer für Bedürftige, einen Frühstückskreis, laden zu Kaffee und Kuchen ein, es gibt Frauen-, Männer-, und Seniorengruppen“, sagt Olson, die betont, die Mission stehe nicht im Vordergrund der Aktivitäten. „Wir setzen uns auch bei der Flüchtlingsarbeit ein und bieten mit der Kleiderkammer eine erste Anlaufstelle.“  

Eine Kirche mit Organisationsstrukturen wie beim Militär

Die Mitglieder der Heilsarmee tragen Uniformen. Sie sind Pflicht. Es gibt Ränge, Uniformen und Symbole. Der Kampf gegen das Elend ist militärisch strukturiert. Die Uniformen dienen dazu, für Menschen in der Not erkennbar zu sein und sich als Ansprechpartner zu zeigen. Außerdem soll die Uniform ein sichtbares Bekenntnis des persönlichen Glaubens an Jesus Christus sein. „Die straffe Organisation einer Armee, die Disziplin und Mobilität entschiedener Christen dienen der Effizienz ihrer Arbeit“, heißt es auf www.heilsarmee.de. Das Böse in der Welt reagiere nicht auf fromme Ermahnungen, sondern müsse mit christlicher Überzeugung, die sich auf die Bibel gründet, bekämpft werden.

„Mir gefällt die Uniform“, sagt Olson, die bereits in der Heilsarmee aufgewachsen ist. Ihre Eltern hätten sie zu nichts gezwungen, ihre Entscheidung für ein Leben in der Missionsbewegung sei von ganz allein gekommen. „Mein Mann ist durch die Musik in einer Bigband zur Heilsarmee gekommen.“

Dienstgrade in der Heilsarmee:

Heilssoldat/Salutist ehrenamtliche oder angestellte, uniformierte Mitglieder
Sergeant Mitarbeiter auf Zeit, kein Offiziersrang
Kadett Offizier in der Ausbildung zum Geistlichen
Leutnant Offiziersrang in den ersten fünf Dienstjahren
Kapitän Offiziersrang vom  6. bis 20. Dienstjahr
Major Offiziersrang ab dem 21. Dienstjahr
Oberst, Oberstleutnant, Kommandeur Die Ränge sind bestimmten Ämtern vorbehalten
General Internationaler Leiter der Heilsarmee (seit 2013 André Cox, 20. General)

Ein Glaube ohne Rituale

Wie Gründer Booth glauben auch die Olsons, dass der christliche Glaube sich nicht an Ritualen allein festmachen lässt. „Rituelle Handlungen wie die Taufe oder das Abendmahl gibt es in der Heilsarmee nicht, viel wichtiger ist es, den Glauben auszuleben und zu Handeln“, sagt Olson. Menschen in Not müsse geholfen werden und der Glaube müsse sich „in Taten auswirken“. Deshalb sei die Heilsarmee für viele Menschen auch ein Anziehungspunkt und unterscheide sie von anderen Kirchen.

<hr></hr>

Leitbild

„Die Heilsarmee ist eine internationale Bewegung und Teil der universalen christlichen Kirche. Ihre Botschaft gründet sich auf die Bibel. Ihr Dienst ist motiviert von der Liebe zu Gott. Ihr Auftrag ist es, das Evangelium von Jesus Christus zu predigen und menschlicher Not ohne Ansehen der Person zu begegnen.“

<hr></hr>

Die uniformierten Mitglieder, Heilssoldaten und Offiziere, verpflichten sich, nach christlichen Maßstäben zu leben. Sie verzichten auf Alkohol, Tabak, Drogen, Pornographie und übermäßige Medikamenteneinnahme. In der Arbeit, zum Beispiel mit Alkohol- und anderen Suchtkranken, wollen die Mitglieder der Heilsarmee Vorbild sein und zeigen, dass es „ohne“ geht. Innerhalb der Organisation haben Frauen die gleichen Rechte wie Männer. Mitglieder dürfen heiraten, es gibt kein Zölibat. Auch bei der Heilsarmee gibt es ein christliches Glaubensbekenntnis.

Glaubensbekenntnis gemäß der Gründungsurkunde von 1878

Wir glauben, dass die Schriften des Alten und des Neuen Testaments durch Inspiration von Gott gegeben wurden, und dass sie allein die göttliche Richtschnur des christlichen Glaubens und Lebens bilden.

Wir glauben, dass es nur einen Gott gibt, unendlich vollkommen, Schöpfer, Erhalter und Regierer aller Dinge, und dass ihm allein Anbetung gebührt.

Wir glauben an die Dreieinigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, eins im Wesen und gleich an Kraft und Herrlichkeit.

Wir glauben, dass in der Person Jesu Christi die göttliche und die menschliche Natur vereinigt sind, so dass er wirklich und wahrhaftig Gott und wirklich und wahrhaftig Mensch ist.

Wir glauben, dass unsere ersten Eltern in Sündlosigkeit erschaffen wurden, dass sie aber durch Ungehorsam ihre Reinheit und Glückseligkeit verloren haben. Durch ihren Fall sind alle Menschen Sünder geworden, völlig verderbt und mit Recht dem Zorn Gottes ausgesetzt.

Wir glauben, dass der Herr Jesus Christus durch sein Leiden und Sterben eine Versöhnung für die ganze Welt vollbracht hat, und dass jeder, der will, gerettet werden kann.

Wir glauben, dass Umkehr zu Gott (Buße), Glaube an unseren Herrn Jesus Christus und Wiedergeburt durch den Heiligen Geist zu unserer Errettung notwendig sind.

Wir glauben, dass wir aus Gnaden durch den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus gerechtfertigt sind, und dass jeder, der glaubt, das Zeugnis davon in sich trägt.

Wir glauben, dass eine bleibende Erfahrung des Heils vom beständigen, gehorsamen Glauben an Jesus Christus abhängt.

Wir glauben, dass es das Vorrecht aller Gläubigen ist, durch und durch geheiligt zu werden, und dass ihr Geist ganz, samt Seele und Leib, auf das Kommen unseres Herrn Jesus Christus unsträflich bewahrt werden kann (1.Thessalonicher 5,23).

Wir glauben an die Unsterblichkeit der Seele (Ewigkeitsbestimmung des Menschen), an die Auferstehung des Leibes, an das Jüngste Gericht am Ende der Welt, an die ewige Glückseligkeit der Gerechten und an die ewige Strafe der Gottlosen.

 

Ein Gelübde und der Glaube

Wer Mitglied in der Freikirche werden will, der unterschreibt ein Gelübde, den sogenannten Kriegsartikel.

Gelübde der Heilssoldaten

Ich will in meinem Leben offen sein für das Wirken des Heiligen Geistes, seiner Führung gehorchen und in der Gnade wachsen durch die Gemeinschaft mit den Gläubigen, Gebet, Bibellesen und Dienst.

Ich will die Werte des Reiches Gottes und nicht die Werte der Welt zum Maßstab meines Lebens machen.

Ich will, dass lautere christliche Gesinnung jeden Bereich meines Lebens bestimmt. Nichts, das unwürdig, unrein, unwahr, gemein, unehrlich oder unsittlich ist, soll in meinen Gedanken, Worten und Taten Raum finden.

Ich will, dass der Geist Christi erkennbar ist in meinen Beziehungen zu anderen Menschen, in meiner Familie und Nachbarschaft, bei Kollegen und Mitsalutisten; im Umgang mit solchen, für die ich verantwortlich bin wie auch jenen gegenüber, denen ich verantwortlich bin.

Ich will die Unverletzlichkeit der Ehe und Familie hochhalten.

Ich will verantwortungsbewusst und treu mit meiner Zeit, meinen Gaben, meinem Geld, meinem Besitz, meinem Körper, meinem Geist und meiner Seele umgehen in dem Wissen, dass ich Gott darüber Rechenschaft ablegen muss.

Ich will mich enthalten von alkoholischen Getränken, Tabak, von nicht ärztlich verschriebenen Drogen, dem Glücksspiel, der Pornographie, dem Okkultismus und allem, was meinen Körper, meiner Seele oder meinen Geist abhängig machen könnte.

Ich will an den Zielen festhalten, zu denen Gott die Heilsarmee ins Leben rief, indem ich das Evangelium von Jesus Christus anderen weitergebe, sie für ihn gewinne und in seinem Namen Notleidenden und Benachteiligten helfe.

Ich will mich soweit wie möglich am Korpsleben mit seinen verschiedenen Aktivitäten und am Gottesdienst beteiligen. Ein Teil meines Einkommens soll der Korpsarbeit und den weltweiten Aufgaben der Heilsarmee zugute kommen.

Ich will den Grundsätzen und Methoden der Heilsarmee treu sein und mich ihren Leitern gegenüber loyal verhalten, und ich will den Geist echten Salutismus zeigen sowohl in Zeiten der Anerkennung als auch in Zeiten der Verfolgung.

 

Wichtig ist ebenfalls der gelebte Glaube. Wer Gottesdienste besucht, aber keine Uniform tragen möchte, wird Angehöriger der Heilsarmee. Mit diesem Status ist auch der Verzicht auf Alkohol oder Tabak gelockert. Die Heilsarmee betont, dass „ganz normale Menschen“ mit all ihren Fehlern und Schwächen gesucht werden, die „mit vollem Einsatz und brennendem Herzen“ für die Heilsarmee arbeiten wollen. Eine Ausbildung zum Offizier erfolgt in einem theoretischen und praktischen Studium an einer Kadettenschule sowie am Institut für Gemeindebau und Weltmission (IGW). Am Ende erreicht man einen Bachelor-Abschluss in Theologie.

Spenden werden vielseitig eingesetzt

Die Heilsarmee finanziert sich durch Spenden. Viele haben schon einmal die Heilssoldaten gesehen, die in den Innenstädten um Spenden bitten. Die Gelder werden dabei für die Obdachlosenspeisung, bei der Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen, bei der Seniorenbetreuung in Pflegeheimen, bei der Suchtberatung und vielen weiteren sozialen Projekten eingesetzt. „Wir versuchen mit neuen Projekten moderner aufzutreten“, sagt Olson. Das Spendensammeln sei nicht mehr der einzig funktionierende Weg. Wie die Heilsarmee bekannter werden will, zeigt ein deutschlandweites Projekt aus dem November 2014. Damals warb die Organisation mit Plakaten in deutschen Großstädten für ihre Arbeit und bat um Unterstützung.

Im Norden geht man kleinere Schritte: „Wir versuchen mit Ständen bei Veranstaltungen, wie der Kulturmeile, in der Fußgängerzone in Flensburg am letzten Wochenende, auf die Arbeit der Heilsarmee aufmerksam zu machen“, sagt Olson.

Mit diesem Slogan warb die Kirche im vergangenen Jahr für ihr soziales Engagement.
Heilsarmee
Mit diesem Slogan warb die Kirche im vergangenen Jahr für ihr soziales Engagement.

Jubiläums-Feiern in London

Anlässlich der Gründung der Heilsarmee vor 150 Jahren wird London vom 1. Juli bis zum 5. Juli von der friedlichsten Armee der Welt besetzt. Zum Jubiläum der christlichen Freikirche werden rund 16.000 Heilssoldaten aus der ganzen Welt erwartet, um die lange Geschichte der Bewegung zu feiern. Höhepunkt der Festtage wird ein großer Umzug der Heilsarmee-Bands und Salutisten entlang der Prachtstraße „The Mall“ sein. „Wir können leider nicht hinfahren“, sagt Olson. „Es gibt hier in Barmstedt viel zu viel Arbeit“. Die Liveübertragung im Internet wollen sich die Olsons jedoch am Computer ansehen. Sie beginnt um 20 Uhr deutscher Zeit.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen