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Velo-Pionier aus Nordfriesland : 150 Jahre Gregers Nissen: Des Fahrrads früher Wegbereiter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Soholmer Reiseschriftsteller Gregers Nissen war einst der große Mann des Rades in Europa.

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2017 | 10:25 Uhr

Das Fahrrad boomt, ist vielerorts zu vernehmen. Ob in Hamburg, in Nordfriesland oder an der Ostseeküste erlebt das vor 200- Jahren erfundene Fahrzeug eine Renaissance in Alltag und im Urlaub. Einen hätte dieses Comeback besonders erfreut: Gregers Nissen (1867-1942). Der aus Nordfriesland stammende Volksschullehrer wurde nicht müde, die Vorzüge des Fahrrads für den Einzelnen und die Gesellschaft zu preisen.

„Das erste was ich mir von meiner schmalen Erbschaft und meinen Ersparnissen aus dem Taschengeld kaufte, war ein altes Hochrad mit stark abgefahrenen Vollgummireifen“, erinnerte sich Nissen viele Jahre später nach seinem Kauf eines damals noch seltenen „Bicycles“, wie es auch in Deutschland wegen der Dominanz der englischen Produktion genannt wurde. Die Fahrrad-Leidenschaft hatte ihn gepackt und ließ ihn zeitlebens nicht mehr los. Zu ihr gesellte sich eine zweite: das Reisen. Nissen verband seine beiden Steckenpferde und bereiste noch mit seinem Hochrad manches Land und später alle Länder Europas. Doch der Reihe nach.

Das Schicksal meinte es nicht gut mit dem jungen Gregers Christian Nissen. Als Bauernsohn am 3. Mai 1867 im nordfriesischen Soholm nahe Leck geboren, starben seine Eltern früh an Tuberkulose. Mit sechs Jahren wurde er zum Vollwaisen, woraufhin ihn der Lehrer und Küster Hans Carstensen aus Leck bei sich aufnahm und erzog. Einige Zeit später beschloss „man“, dass auch Nissen Lehrer werden solle und schickte ihn deshalb zur Lehrerausbildung nach Eckernförde. Neben Büchern und Musik fesselte ihn auch das Fahrrad. Im März 1887 gründete er mit einigen Gleichgesinnten den „Eckernförder Radfahrverein ,All Heil’ von 1887“, einen der ersten Fahrradvereine in Schleswig-Holstein überhaupt, der noch heute als RG Eckernförde existiert.

Gregers Nissen 1927.
Gregers Nissen 1927.

Das beschauliche Eckernförde wird ihm bald zu klein. Noch vor seinem Abschluss 1890 bewirbt er sich um eine Lehrerstelle in Altona, damals noch eigenständige und größte Stadt in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Ihn lockt die Stadt, aber vor allem der ruhmreiche Altonaer Bicycle-Club von 1869/80 (ABC), einer der ältesten Radfahrervereine der Welt mit besten Kontakten und ausgeprägtem Selbstbewusstsein der Fahrradpioniere. Nissen wird trotz seiner jungen Jahre 1890 Vorsitzender des stolzen und elitären Clubs und beginnt hier seine Karriere als Verbandsfunktionär.

1892 organisiert Nissen im Namen des Hamburger Landesverbandes des „Deutschen Radfahrer-Bund“ (des heutigen Bundes Deutscher Radfahrer) am Himmelfahrtstag eine symbolische „Huldigungsfahrt“ zu Bismarck in den Sachsenwald. 1200 Teilnehmer aus dem ganzen Land erweisen dem „Eisernen Kanzler“ ihre Bewunderung und dokumentieren damit ihre nationale Ausrichtung.

Mitte der 1890er Jahre spaltet die Frage des sich anbahnenden Profitums die organisierten Radsportler. Gregers Nissen und viele andere Bürgerliche lehnen die „Berufsfahrer“ kategorisch ab und wollen nur „Herrenfahrer“ sein, die nicht um Geldpreise, sondern lediglich um die Ehre kämpfen. Nissen tritt deshalb mit seinem ABC aus dem reichsweiten Verband aus und gründet mit dem „Norddeutschen Radfahrer-Bund“ seinen eigenen Zusammenschluss. Nach mehreren Jahren beruhigen sich die Gemüter und Nissen ist ab 1903 im Bundesvorstand des „Deutschen Radfahrer-Bund“; nun bekleidet er dort das Amt des „Bundesfahrwarts für das Wanderfahren“. Das Tourenfahren, das „Radfahren“ entspricht genau Gregers Nissens Vorstellung vom sportlichen Radfahren. Abseits der lauten Wettkämpfe propagiert er das Erkunden der Heimat und der Fremde auf dem Rade, was in den 1890er Jahren mit der Durchsetzung des Luftreifens deutlich schneller und komfortabler vonstatten geht.

Im Mai 2017 erscheint „Von Hamburg auf dem Rade nordwärts“ als Reprint. Im Herbst 2017 wird das „Nordfriisk Instituut“ in Bredstedt eine Biografie Gregers Nissens herausbringen. Weitere Informationen zu Gregers Nissen finden sich in der „Lütten Fahrradstuuv“ in West-Bargum/Nordfriesland, An de Kanal 1. Anmeldung unter: 0162/ 7134340.

 


Das Fahrrad ermöglicht im Gegensatz zum Pferd erstmals eine individuelle Mobilität. Aufgrund der industriellen Massenproduktion von Fahrrädern sinken die Preise und immer mehr Menschen können sich um 1900 einen eigenen Drahtesel leisten. Doch geeignetes und bezahlbares Kartenmaterial fehlt. Mit den zwischen 1886 und 1895 entstehenden „Mittelbachschen Straßenprofilkarten“ des sächsischen Kartografen Robert Mittelbach ändert sich das. Nissen unterstützt das „nationale Werk“ maßgeblich und hilft, die vielen dafür benötigten Strecken-Informationen zusammenzutragen.

Doch Nissen wollte auch ganz direkt als „Wegweiser“ wirken. 1897 veröffentlicht er inmitten des Fahhradbooms den Radführer „Von Hamburg auf dem Rade nordwärts“, in dem er zwei Touren jeweils entlang der schleswig-holsteinischen Küsten vorschlägt, die erste nach Sylt und die zweite nach Kopenhagen. Darin beschreibt er die Orte und ihre Geschichte, sucht nach Fremden in der näheren Heimat, baut Zitate aus Gedichten ein und schafft damit auch einen literarisch ansprechenden Führer. Dass weite Teile der Touren durch Schleswig-Holstein gehen, ist kein Zufall, denn hier kennt er sich besonders gut aus und baut damit eine Brücke in seine alte Heimat, Nordfriesland.

So sehr Nissen dazu ermutigt, Deutschland auf dem Fahrrad zu erkunden, so sehr zieht es ihn selber in die Fremde. Skandinavien hat es ihm besonders angetan und er schwärmt von Stockholm, das „die schönste Stadt ist, die ich kenne. Punktum!“ Nissen publiziert zahlreiche Reiseberichte in Zeitschriften über seine Reisen in den Norden und Süden Europas. 1930 erscheint der Bericht seiner Andalusien-Fahrt „Fern im Süd, das schöne Spanien“, wo „schon längst die Mandelbäume blühen und man sich Tag für Tag die Sonnenstrahlen in den Hals scheinen lassen könnte.“

Nissen bearbeitet mehrere Bände des „Wanderbuch des Deutschen Radfahrer-Bundes“, die das gesamte Gebiet Deutschlands abdecken. Mit dem 1922 erschienenen „Das Wanderfahren auf dem Rade“ krönt er sein Wirken als Verfasser von Radführern. Er legt damit ein umfassendes „Hand- und Auskunftsbuch“ vor, das sich an eine breite Leserschaft wendet und „Alt und Jung“ für das Radwandern begeistern soll. Sämtliche Aspekte wie Routen, Vorbereitung, Gepäck und Übernachtungsmöglichkeiten behandelt er.

Nissen besingt die „Wanderlust“, die dem Menschen und insbesondere den Deutschen in die Wiege gelegt worden sei. Nissens Philosophie vom Radtourismus ist Folgende: „Alle Lebensalter, von der Jugend bis ins Alter hinein, müssen herausgerissen werden aus der alltäglichen Beschaulichkeit, aus der Tretmühle des Tages und mit Hilfe des Rades draußen in der Natur Erholung und Kräftigung, fröhliche Sinnesart und Stimmung wiederfinden, aber auch den Blick lenken auf die Schönheiten der Heimat und der Fremde in mehrtägigen, mehrwöchentlichen Wanderfahrten.“ Seine Frau Johanna hält Nissen den Rücken frei und zieht die acht Söhne groß. Später begleitet sie ihren Mann ab und zu auf seinen Reisen.

 

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg nimmt Nissen an allen bedeutsamen touristischen Kongressen in Europa teil. Da geht es um Radwege, Karten, Beschilderungen und die Frage der Motorisierung. Er ist international geachtet und bestens vernetzt. Der Beginn des Ersten Weltkrieges zerstört schlagartig diese internationalen Verbindungen. Nissen, der selber nie beim Militär war, verschreibt sich der nationalen Sache und möchte an der „Heimatfront“ seinen Beitrag leisten. Ende August 1914 publiziert er in der Presse einen Aufruf zur Bildung von „Freiwilligen Radfahrer-Kompagnien“ für junge Männer im Alter von 15 bis 20 Jahren. Aufgrund seiner vielfältigen Aktivitäten für die deutschen Kriegsbemühungen, sei es als Sprecher des Deutschen Radfahrer-Bundes oder als Redner zur Erbauung der Bevölkerung, erhält Nissen im August 1917 das „Verdienstkreuz für Kriegshilfe“.

Der Erste Weltkrieg hatte Nissen unübersehbar mobilisiert und politisiert. Nach dem Krieg engagiert er sich in der Frage der Abstimmungen im Rahmen des Versailler Vertrages. Am 11. Juli 1920 überreicht er in seinem nordfriesischen Geburtsort Soholm eine Gedenkmappe im Namen aller Auswärtigen, die „für Deutschland“ gestimmt hatten. Er organisiert in den 1920er Jahren „Altherren“-Touren durch das abgetrennte Ostpreußen und verkündet damit unübersehbar ein politisches Signal. Die Jugend liegt dem ausgebildeten Pädagogen besonders am Herzen. Er organisiert verschiedene mehrwöchige Tourenfahrten für Jugendliche wie eine große Rheinfahrt mit rund 600 Teilnehmer im Jahr 1926.

Foto: Altonaer Bicycle-Club von 1869/89
 

Ein Jahr später unterstützt er maßgeblich die Kampagne „Schafft Radfahrwege für Stadt und Land! Aufforderung zur Mitarbeit an sämtliche Radfahrervereine und Verkehrsvereine Deutschlands“, die angesichts der sich anbahnenden Motorisierung gute Radwege schaffen möchte.

Mit dem Beginn der NS-Herrschaft legt Nissen seine Ämter nieder, hofft aber auf eine Aufwertung des Radsports seitens des Regimes. 1935 übernimmt er die Leitung des Hamburger Verbandes und tritt 1938 im Alter von 71 Jahren endgültig von der Bühne ab. Sein Verhältnis zum „Dritten Reich“ bleibt ambivalent. Er ist kein „Parteigenosse“, beschließt manch Rede in der Öffentlichkeit gleichwohl mit „Heil Hitler“. Die betonte Jugendlichkeit der Nationalsozialisten wird ihn kaum überzeugt haben, die außenpolitischen „Erfolge“ der aggressiven Politik Adolf Hitlers schon eher.

Am 20. Juni 1942 stirbt Gregers Nissen, kurz nach seinem 75. Geburtstag, in Hamburg-Altona. Wenige Tage nach seinem Tod würdigt der bekannte Radsportjournalist Fredy Budzinksi sein Leben und sein Wirken in „Der Deutsche Radfahrer“: „Der Prophet ist tot! Der Prophet des Radfahrens und des Wanderns auf dem Rade. Noch mehr, ein Sänger ist dahingegangen. Einer, der das Lied zu Lob und Preis der deutschen Heimat gesungen hat. Er kannte die Heimat, er kannte Europa. Es gab nur wenige Straßen auf unserem Kontinent, die Nissen nicht gewandert wäre mit seinem Rade. Allein und mit anderen. Er hütete nicht als Geheimnis, was er gesehen und erfahren hatte. Er ließ sein Erleben ausströmen in Zeitungsartikeln und in Büchern.“

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