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Erfundene Vergewaltigung wird zum Politikum : 13-Jährige aus Berlin verbrachte fragliche Nacht bei Freund

vom

Daten aus einem Handy bestätigen: Das Mädchen, das 30 Stunden lang verschwunden war, hatte bei einem Freund übernachtet. Es gab keine Vergewaltigung. Für Russland und Deutschland wird der Fall zum Politikum.

shz.de von
erstellt am 29.Jan.2016 | 14:57 Uhr

Der aufsehenerregende Fall einer angeblich entführten und vergewaltigten 13-jährigen Russlanddeutschen in Berlin ist aufgeklärt. Das Mädchen, das mit der erfundenen Geschichte über ihr Verschwinden für Aufruhr sorgte, verbrachte die fragliche Nacht des 11. Januar bei einem Bekannten, wie ein Staatsanwaltschafts-Sprecher am Freitag sagte. Wegen Problemen in der Schule traute sie sich offenbar nicht nach Hause zu ihren Eltern. „Sie wollte weg und hat bei ihm Unterschlupf gesucht.“ Die 13-Jährige aus Marzahn-Hellersdorf war am Morgen des 11. Januar für 30 Stunden verschwunden und hatte danach ihrer Familie von einer Entführung und Vergewaltigung durch eine Gruppe südländisch aussehender Männer erzählt.

Seit den Übergriffen in Köln und Hamburg veröffentlicht die Polizei vermehrt Berichte über sexuelle Übergriffe - und nennt verstärkt Nationalitäten mutmaßlicher Frauen- und Kinderschänder. Die Informationen tauchen regelmäßig auf rassistischen Hetz-Blogs und News-Seiten auf als Beleg für „die Gefahr durch die Flüchtlingsschwemme“. Niemand stellt dabei die Angaben der Ermittler infrage, anders im aktuellen Fall der 13-Jährigen.

Bei dem 19-jährigen Bekannten des Mädchens wurden Sachen von ihr gefunden. Der Mann habe auch zugegeben, dass sie in der Nacht vom 11.auf den 12. Januar bei ihm war, sagte der Sprecher. Es gebe aber keine Hinweise auf eine Sexualstraftat oder einen sexuellen Kontakt des Mannes zu dem Mädchen. Gegen den Mann werde daher auch nicht ermittelt, er sei nur ein Zeuge. Das Mädchen selber sage weiterhin kaum etwas Verwertbares zu dem Fall. Für ihre Geschichte fand die Polizei keinerlei Bestätigung. Auch eine medizinische Untersuchung ergab nichts in dieser Richtung. Bei ihren Befragungen präsentierte das Mädchen vier verschiedene Versionen für die Zeit ihres Verschwindens. Auf die Spur des Mannes kam die Polizei über rekonstruierte Daten aus einem kaputten Handy der Schülerin. Die Wohnung des Mannes wurde durchsucht.

Ermittelt wird weiterhin gegen zwei junge Männer wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie werden verdächtigt, in den Monaten vor dem Verschwinden des Mädchens sexuelle Kontakte zu ihr gehabt zu haben. Die Polizei geht davon aus, dass die 13-Jährige die Männer schon über Monate kannte. Weil das Mädchen jünger als 14 Jahre ist, ist auch freiwilliger Sex mit Erwachsenen strafbar.

In den Wochen nach dem Wiederauftauchen des Mädchens gab es große Aufregung unter vielen Russlanddeutschen in Berlin. Im Internet wurden Verschwörungstheorien und fremdenfeindliche Hetze gegen Flüchtlinge verbreitet. Viele vermuteten Vertuschung. Deutschlandweit gab es am vergangenen Wochenende Demonstrationen, auch in Flensburg und Hamburg. Russische Medien heizten die Stimmung an. Der Fall rief auch den russischen Außenminister Sergej Lawrow auf den Plan. Er warf den deutschen Behörden vor, den Fall lange verheimlicht zu haben. Nach „allen Regeln der zivilisierten Welt“ hätte Russland rechtzeitig über den Zwischenfall informiert werden müssen, sagte er. Erste Hinweise habe Moskau aber nicht von deutschen Behörden, sondern von der „russischsprachigen Gemeinde“ in Deutschland erhalten. „Genau deshalb ist diese Situation entstanden (...) Da es sich um eine Bürgerin der Russischen Föderation handelt, können wir nicht einfach das Ende der Untersuchung abwarten.“ Nach Behördenangaben hat das Mädchen allerdings auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) erklärte: „Die neuen Entwicklungen entlarven deutlich die Propaganda, die in den letzten Tagen mit diesem Fall verbunden war.“ Staatsanwaltschaft und Polizei hätten sich von dem Druck der letzten Tage nicht beirren lassen, sondern sorgfältig und beharrlich ihre Arbeit gemacht.

Die Bundesregierung hatte Russland davor gewarnt, mit Berichten über die angebliche Vergewaltigung einer Russlanddeutschen in Berlin Unfrieden zu stiften. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte in Berlin, es gebe keinen Grund und keine Rechtfertigung, den Fall dieses 13-jährigen Mädchens für „politische Propaganda“ zu nutzen, um damit die ohnehin schwierige Migrationsdebatte in Deutschland anzuheizen. Er könne den Behörden in Moskau nur raten, sich auf den Stand der Ermittlungen in diesem Fall zu beziehen und nicht auf spekulative Medienberichte.

Innensenator Henkel betonte: „Politischer Druck aus dem Ausland wird nicht dazu führen, dass wir irgendetwas an unseren rechtsstaatlichen Prinzipien ändern. Ich verwahre mich auch in künftigen Fällen gegen jeden Versuch der Einflussnahme und werbe für Vertrauen in die Arbeit der Ermittler.“ Es sei immer auch um die Persönlichkeitsrechte des Mädchens gegangen, auch wenn die Behörden dadurch kritischen Spekulationen ausgesetzt gewesen seien. „Das ist in einem Land, in dem Meinungsfreiheit herrscht, nun einmal so.

Die russische Führung hat noch für Freitag ein Telefonat mit Steinmeier angekündigt. Das sagte Außenamtssprecherin Maria Sacharowa in Moskau. Sie gab deutschen Behörden wie zuvor Lawrow die Hauptschuld an dem Konflikt zwischen Moskau und Berlin. „Das alles geschah vor dem Hintergrund der massenweisen Vertuschung, was mit vielen Bundesbürgerinnen in verschiedenen Städten Deutschlands geschah“, sagte Sacharowa der Agentur Interfax zufolge.

Russland habe reagiert auf das „Fehlen einer transparenten Position und auf Versuche, alles zu verschleiern und so zu tun, als sei nichts passiert“. Dies sei keine Einmischung in innere Angelegenheiten. Mittlerweile gebe es eine „Jagd auf russische Journalisten“, die „im Rahmen der Meinungsfreiheit“ über den Fall berichten würden. Wenn die Behörden von Beginn deutliche Kommentare abgegeben hätten, hätte die Öffentlichkeit auf der Straße nicht Gerechtigkeit fordern müssen.

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