Pharisäer, Kohlköpfe und lange Vokale : 13 Dinge, die nur Nordfriesen verstehen

Warum Torten weiter gereicht werden und was eine Tote Tante ist. Christin Lempfert erklärt die nordfriesischen Eigenarten.

shz.de von
16. August 2017, 18:33 Uhr

Kürzlich haben wir an dieser Stelle über die Eigenarten der Dithmarscher berichtet. Doch es gibt in Schleswig-Holstein noch ein kleines Völkchen, das bei manch einem für Kopfschütteln sorgt: Die Nordfriesen. Christin Lempfert kommt aus Nordfriesland und erklärt, was das Volk an der dänischen Grenze ausmacht.

„Ostfriese“ ist eine Beleidigung

Nein, die Nordfriesen haben nichts gegen die niedersächsischen Friesen (oder gegen Otto Waalkes). Eigentlich stammen beide von dem gleichen germanischen Volksstamm ab. Aber die Ostfriesen sind für ihre nördliche Kulturverwandtschaft so etwas wie der kleine nervige Cousin, der dummerweise auch noch auf die gleich Schule geht. Auf Familienfeiern wird zusammen gespielt, aber in der Öffentlichkeit will man nicht mit ihm in Zusammenhang gebracht werden.

Der „Süden“ fängt hinter Hamburg an

Der Süden fängt unterhalb von Schleswig-Holstein an.
Screenshot shz.de: Google

Der Süden fängt unterhalb von Schleswig-Holstein an.

Wo beginnt der Süden? Da sind sich die Nordfriesen allerdings nicht ganz einig. Für die einen sind Hamburg und die Elbe die Grenze, andere setzten den Beginn von Süddeutschland unterhalb der Eider an. Das ist auch der Grund aus dem jeder Niedersachse oder Mecklenburg-Vorpommeraner belächelt wird, wenn er sagt: „Ich komme auch aus dem Norden“.

Die Kohlköppe sind der Erbfeind

Kohlfelder so weit das Auge reicht.
dpa

Dithmarscher lieben Kohl.

 

Nordfriesen mögen keine Dithmarscher. Das ist Feindesland und das liegt nicht daran, dass das Bauernvolk in Friesen-Augen kein Auto fahren kann. 

Wahrscheinlich liegt der Grund der Abneigung rund 600 Jahre zurück. Die Nordfriesen kämpften unter der dänischen Krone. Um ihre Unabhängigkeit gegenüber Deutschland und Dänemark zu verteidigen, griffen die Dithmarscher die Friesen hinterlistig immer dann an, wenn die an anderer Front kämpften. Als dann die Dithmarscher anderweitig angegriffen wurden, ergriffen die Nordfriesen die Chance, um ihren südlichen Nachbarn eins auszuwischen. Beide Gruppen entführten die Frauen der anderen, zerstörten gegenseitig Dörfer und Städte und zogen gegen den anderen in den Krieg. Kurzum: Beide nutzten über mindestens 100 Jahre jede sich bietende Gelegenheit, dem anderen zu schaden.

Nicht die Nordfriesen sind „nicht fahrtüchtig“ (Abk.: NF), sondern die anderen

Nordfriesen lieben ihr Auto, denn ohne müssten sie Stunden auf den Bus warten, um in die nächste Stadt zu kommen.
Wolfgang Runge/dpa

Nordfriesen lieben ihr Auto, denn ohne müssten sie Stunden auf den Bus warten, um in die nächste Stadt zu kommen.

 

Nordfriesen fahren nur dann schnell Auto, wenn die anderen im Weg sind. Nordfriesen fahren nur dann langsam, wenn zu viel auf den Straßen los ist. Das widerspricht sich oder schließt sich aus? Ja, aber das ist okay. Die Straßen sind in der Regel leer.

Schmale Landstraßen, auf denen nur ein Auto Platz hat, sind im Übrigen kein Grund bei Gegenverkehr anzuhalten. Wenn beide etwas bremsen und auf den Grünstreifen ausweichen, passt das.

Kurzum: Nordfriesen sind die besten Autofahrer, nur irgendwie glaubt ihnen das kaum jemand.

 

Nordfriesen sind Fischköppe

So lecker kann ein Fischbrötchen aussehen.
Christine Reimers
So lecker kann ein Fischbrötchen aussehen.
 

Ein Fischbrötchen kann zu jeder Tag- und Nachtzeit gegessen werden. Sie sind ein nahrhaftes Frühstück, ein stilvolles Mittagessen und ein solides Abendbrot. Ein Fischbrötchen bekommt man immer irgendwo in Nordfriesland.

Essen wird grundsätzlich herumgereicht

Bald drehen die Schüsseln wieder ihre Runden.
imago/wenstend61

Bald drehen die Schüsseln wieder ihre Runden.

 

Außenstehende könnte es irritieren, aber für einen Nordfriesen ist es unmöglich, etwas aus der Schüssel zu nehmen und sie danach einfach in der Mitte des Tisches abzustellen. Ein Beispiel: Auf einer Goldenen Hochzeit gibt es Lachs, Kartoffeln und Bohnen. Die Person am Kopfende nimmt den Lachs entgegen, füllt sich etwas auf und reicht die Platte seinem rechten Nebenmann. Der gibt sie dem nächsten und so weiter. Das gleiche passiert mit Kartoffeln und Bohnen. Abgesetzt werden sie erst, wenn jeder etwas abbekommen hat. Wenn jetzt einer einen Nachschlag verlangt, löst er eine Kettenreaktion aus und die Schüsseln drehen eine weitere komplette Runde.

Pötte dürfen auf keiner Feier fehlen

Wenn der offizielle Teil des Festes in der Gastwirtschaft vorbei ist, fragt ein Nordfriese in die Runde: „Wer will sich mit mir einen Pott Cola-Korn teilen?“ Pötte sind große Glaskaraffen in denen in Nordfriesland Mischgetränke serviert werden. In der Regel einigen sich immer einige am Tisch auf eine Mischung. Der Wirt muss dann nur dafür sorgen, dass der Pott immer voll bleibt.

Ein Geburtstag, zehn Torten und je zwölf Stücke

Eine Torte von vielen, die ihre Runden an Nordfrieslands Tischen drehen.
imago/INSADCO

Eine Torte von vielen, die ihre Runden an Nordfrieslands Tischen drehen.

 

Auch die Torten bilden keine Ausnahme vom verpflichtenden Herumreichen. Hier ergibt sich allerdings eine besondere Schwierigkeit. Eine Tortenanzahl im einstelligen Bereich ist eher selten. Die Gastgeberin backt eine Auswahl ihrer Lieblingstorten, damit auch jeder etwas abbekommt. Wenn dann auch die Tanten welche mitbringen, wird das Kaffeekränzchen zum Hochleistungssport. Der Nordfriese versucht natürlich von jeder Torte ein Stück zu probieren. Der Trick: möglichst schmale Stücke abschneiden und das im Akkord. Denn die nächste Torte wartet schon in den Händen des linken Sitznachbarns.

„Ich hätte gerne eine Tote Tante und einen Pharisäer“

Hier ist nicht ein verstorbener Angehöriger und eine theologische und politische Schule des Judentums gemeint, sondern Heißgetränke. Die Tote Tante ist ein Kakao mit Rum und Sahnehaube. Der Legende zufolge soll eine Tante von Föhr nach Amerika ausgewandert sein. Als sie starb, wollte sie gern in der Heimat bestattet werden. Da die Überführung zu teuer war, wurde die Urne in eine Kiste mit Kakao gepackt.

Der Pharisäer ist Kaffee mit Rum und Sahnehaube. Er entstand der Sage nach auf der Insel Nordstrand im 19. Jahrhundert. Dort gab es einen besonders asketischen Pastor. In seiner Gegenwart gehörte es sich nicht Alkohol zu trinken. Deshalb erfanden die Nordfriesen das Getränk mit der Sahnehaube. Der Pastor bemerkte den Alkoholkonsum dennoch und sagte: „Oh, ihr Pharisäer!“. Die Pharisäer galten im Neuem Testament als Scheinheilige und Heuchler.

Das heißt: „Da nicht für

<p>Im Duden wird sich diese Wortkombination wohl niemals wiederfinden.</p>
dpa/Britta Pedersen

Im Duden wird sich diese Wortkombination wohl niemals wiederfinden.

 

Wer sich jetzt für Tote Tante und Kuchen beim Gastgeber bedankt, dem wird höflich „da nicht für“ geantwortet. Das klingt vielleicht grammtikalisch fragwürdig, ist aber nordfriesisch für „keine Ursache“ oder „bitteschön“.

„Moin Moin“ ist schon ein Wort zu viel

Der Nordfriese hat die Ruhe weg und genießt gern die Stille. Ganze Gespräche mit einer geringen Anzahl von Wörtern zu führen, ist sein besonderes Talent. Schweigsamkeit ist bei ihm also kein Zeichen von Ablehnung. Ein Beispiel: Wenn ein Nordfriese schweigend neben einem gutgelaunten, durchgängig redendem Ruhrpöttler sitzt, kann er ihn wahrscheinlich sehr gut leiden.

Vokale, die jeder andere kurz sprechen würde, werden lang gezogen

Das „E“ in Bredstedt, Hattstedt und Löwenstedt wird entgegen jeder hochdeutschen Logik langgezogen. In Drelsdorf allerdings nicht.  

... und windig ist es erst dann, wenn die Schafe keine Locken mehr haben.

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