Erste urkundliche Erwähnung 1015 : 1000 Jahre Leipzig: Wie „Hypezig“ wächst und das nicht allen gefällt

Der Augustusplatz im Herzen von Leipzig.
Der Augustusplatz im Herzen von Leipzig.

Leipzig feiert seinen 1000. Geburtstag. Die alte Stadt präsentiert sich jung und hip, ganz „Hypezig“ eben. Aber nicht alle haben Lust auf Party.

shz.de von
26. Mai 2015, 11:27 Uhr

Leipzig | „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“ - dieses Bonmot hat sich für die Statistiker in Leipzig in den zurückliegenden Jahren bewahrheitet. Ihre Bevölkerungsprognosen wurden von der Realität übertroffen, und zwar ziemlich deutlich. Leipzig wächst stärker als gedacht. Jedes Jahr kommen rund 10.000 Einwohner dazu in der sächsischen Metropole, die jetzt mit einer Festwoche den 1000. Jahrestag ihrer Ersterwähnung groß feiern will. Seit vor etwa zwei Jahren plötzlich ein Medien-Rummel um „Hypezig“ ausbrach, lebt die Stadt mit einem nicht enden wollenden Hype. Damit ist nicht mehr jeder glücklich. Der Erfinder des Begriffes „Hypezig“ zieht sogar weg.

Die Tourismusmanager der Stadt haben eine kleine Notiz in einer dicken Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg zum Anlass genommen, um den 1000. Geburtstag der Stadt zu feiern. 1015 erwähnte dieser Bischof den Ort Leipzig erstmals. Das Stadtrecht wurde Leipzig freilich erst viel später verliehen - nämlich um 1165 von Markgraf Otto dem Reichen. Das führt zu der kuriosen Situation, dass ältere Leipziger sich noch gut an eine 800-Jahr-Feier 1965 erinnern können. Ersterwähnung oder Stadtbrief - „Hypezig“ hat das Kunststück vollbracht, in 50 Jahren 200 Jahre älter zu werden.

Jetzt wird die 1000 gefeiert - unter dem offiziellen Motto „Wir sind die Stadt“. An diesem Freitag gibt es dazu einen Festakt in der mit Millionenaufwand sanierten, historischen Kongresshalle. Am Samstag folgt dann als weiterer Höhepunkt des Festjahres ein „StadtFestSpiel“: Riesige Löwenskulpturen - ein Löwe ziert das Leipziger Wappen - ziehen in einem Straßentheater-Spektakel durch die Stadt. Alle Bürger sind zum Mitfeiern eingeladen.

Allerdings regt sich dagegen Widerstand. Im Internet wird zu einer „Parade der Unsichtbaren“ aufgerufen. „1000 Jahre Leipzig? This Party is not our Party! Zwar sind wir eingeladen, zu tanzen, aber kommen werden wir nur als ungebetene Gäste“, heißt es in einem Aufruf mehrerer linker Gruppen zur Gegendemo. Darin werden steigende Mieten in der Messestadt beklagt, Verdrängung, Neoliberalismus, und es wird auch „die Leier vom kreativen Hypezig, in dem noch Platz für Mensch und kulturelle Vielfalt ist“, gegeißelt.

Einer, der durchaus diesen Raum sieht und für sich in Anspruch nimmt, ist der Musiker LOT. Der 30 Jahre alte Sänger macht Urban Pop - und Leipzig ist eins seiner Themen. „Ich lebe seit zehn Jahren in Leipzig. Mein Bruder hat damals hier studiert. Ich habe mich zwei Wochen umgeschaut, und danach war mir klar: Egal was kommt - ich bleibe hier“, sagt der gebürtige Berliner. Für ihn sei die Stadt genau richtig - aber natürlich verändere sie sich. „Darum haben auch alle Angst vor ,Hypezig‘“, sagt LOT. Veränderung, Verdrängung und das böse Wort Gentrifizierung machen in Leipzig die Runde, seit aus „Klein-Paris“ „Hypezig“ wurde.

Tatsächlich gibt es das alles in Ansätzen, schlussfolgern die Macher des journalistisch-wissenschaftlichen Projektes einundleipzig.de nach einer Analyse der Einwohner- und Mietpreisentwicklung. Für die Zukunft komme es darauf an, wie Leipzigs Stadtspitze das von ihr gewollte und gewünschte Wachstum manage.

Der Erfinder des Begriffes „Hypezig“, der Blogger und Autor André Herrmann (29), wird diese Entwicklung nur noch aus der Ferne miterleben. Herrmann sammelte vor zwei Jahren die Hype-Texte in einem Tumblr-Blog. Das war als kreativer Protest gedacht. In diesem Sommer zieht Herrmann nun nach Brüssel. Vorher hat er aufgeschrieben, wie Leipzig sich aus seiner Sicht verändert hat: „Vieles, was vor ein paar Jahren nach rau war, ist heute glatt. Vieles, was zerschlissen war, ist heute vintage.“ Die 1000-Jahr-Feier findet er den idealen Zeitpunkt, um aus der Stadt wegzuziehen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen